Weg zur Wahrheit

Röm. 4,7 «Selig sind die, welchen die Übertretungen vergeben und deren Sünden zugedeckt sind;  8 selig ist der Mann, welchem der Herr die Sünde nicht zurechnet!»

Joh. E. Keller

Bibliothek Weg zur Wahrheit

Buch 

Das Sendschreiben an die Gemeinde zu Philadelphia 
 

Seite 1  

Das Geheimnis vom Kommen des Herrn in der Gemeinde zu Philadelphia  

Die Offenbarung des Herrn für den Engel der Gemeinde zu Philadelphia

1. Die Ausgestaltung des Geheimnisses vom Kommen des Herrn findet in der Stellung des Engels der Gemeinde zu Philadelphia ihren Abschluß

Mit diesen Ausführungen kommen wir zu der Betrachtung des Sendschreibens an die Gemeinde zu Philadelphia. Wie wir aus den Ausführungen über die ersten fünf Sendschreiben erkannt haben, hat sich das „Geheimnis der sieben Sterne und der sieben Leuchter“ als das „Geheimnis vom Kommen des Herrn“ (Offb.1,19-20) in den ersten fünf Gemeinden nicht erfüllt. Es muß sich darum noch in einer der beiden fol­genden Gemeinden erfüllen. Deshalb mußte der Apostel Johannes die sechste Bot­schaft, die er von dem Menschensohne bekommen hat, dem Engel der Gemeinde zu Philadelphia übermitteln. Darüber heißt es:

„Und dem Engel der Gemeinde zu Philadelphia schreibe.“

Aus dem Umstand, daß Johannes die sechste Botschaft an den Vorsteher der Gemeinde zu Philadelphia richten mußte, müssen wir schließen, daß in der Stellung dieses Gemeindeengels die Ausgestaltung des Geheimnisses vom Kommen des Herrn ihre Fortsetzung findet. Wie wir aus den folgenden Ausführungen ersehen wer­den, findet aber die Ausgestaltung dieses Geheimnisses in der sechsten Gemeinde nicht nur ihre Fortsetzung, sondern auch die Vollendung. Das soll in den Ausführun­gen über die Art der Offenbarung des Menschensohnes und über die Stellung des Engels der Gemeinde zu Philadelphia näher erklärt werden.

Die Namensbezeichnung „Philadelphia“ heißt zu deutsch „Bruderliebe“. Daß sich der Menschensohn bei der sechsten Gemeinde dieser Bezeichnung bedient, muß, wie bei den ersten fünf Gemeinden, als eine

Seite 2

Offenbarung des göttlichen Willens betrachtet werden. Auch in diesem Namen kommt zum Ausdruck, welche Bedeutung die Gemeinde zu Philadelphia für das Geheimnis vom Kommen des Herrn hat. Die Bezeichnung „Bruderliebe“ ist die Offen­barung für den geistigen Boden, auf dem das Geheimnis vom Kommen des Herrn in der Stellung des sechsten Gemeindevorstehers und in der Stellung der sechsten Gemeinde zur Vollendung kommt.

Während in der fünften Gemeinde die Ausgestaltung des Geheimnisses der sie­ben Sterne und der sieben Leuchter auf dem Boden des neuen Anfangs erfolgen sollte, erfüllt es sich in der sechsten Gemeinde auf dem Boden der Bruderliebe. Damit ist erwiesen, daß die Liebe der beste und vortrefflichste, ja, der einzig richtige Weg zur Erfüllung des Heilsratschlusses Gottes ist. Das stimmt mit der Darstellung des Apostels Paulus völlig überein, der von dieser Ordnung der Liebe gelehrt hat:

„Strebet aber nach den besten Gaben; doch zeige ich euch jetzt einen noch weit vortrefflicheren Weg.“ (1.Kor.12,31)

„Wenn ich mit Menschen- und Engelzungen rede, aber keine Liebe habe, so bin ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle. Und wenn ich weissagen kann und alle Geheimnisse weiß und alle Erkenntnis habe; und wenn ich allen Glauben besitze, also daß ich Berge versetze, habe aber keine Liebe, so bin ich nichts. Und wenn ich alle meine Habe austeile und meinen Leib hingebe, daß ich ver­brannt werde, habe aber keine Liebe, so nützt es mir nichts! Die Liebe ist langmü­tig und gütig, die Liebe beneidet nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf; sie treibt nichts Unanständiges, sie sucht nicht das Ihre, sie läßt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu; sie freuet sich nicht der Ungerechtigkeit, sie freut sich aber der Wahrheit; sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles. Die Liebe höret nimmer auf, sind es aber Weissagungen, sie werden dahinfallen; sind es Sprachen, sie werden aufhören; ist es Erkenntnis, sie wird dahinfallen. Denn wir erkennen stückweise und wir weissagen stückweise; wann aber das Vollkommene da ist, dann wird das Stückwerk abgetan. Als ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind, dachte wie ein Kind und urteilte wie ein Kind; da ich aber ein Mann ward, tat ich ab, was kindisch war. Wir sehen jetzt durch einen Spiegel im Rätsel, dann aber von Angesicht zu Angesicht; jetzt erkenne ich stückweise, dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt

Seite 3

bin. Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; die größte aber unter ihnen ist die Liebe.“ (1.Kor.13,1-13)

Die in der Gemeinde zu Sardes durch die vom Herrn aufs neue dargereichte Gna­den- und Glaubensrechtfertigung eingesetzte Aufwärtsbewegung findet auf dem Boden der Bruderliebe ihre Fortsetzung und auch ihren Abschluß. Darin muß der große Unterschied zwischen der Bedeutung der fünften und der sechsten Gemeinde gesehen werden. Was durch die wiedererlangte Gnaden- und Glaubensrechtfertigung in der fünften Gemeinde nicht bewirkt wurde, das kommt durch die Bruderliebe in der sechsten Gemeinde zur vollen Ausgestaltung. Das werden die weiteren Ausführungen über die Stellung des Engels der Gemeinde zu Philadelphia und seiner Gemeinde bestätigen.  

2. Der Herr offenbart sich dem Engel der Gemeinde zu Philadelphia auf dem Boden des Allerheiligsten 

a) Die Offenbarung des Herrn für den Engel der Gemeinde zu Philadelphia ist eine neue Offenbarung über das Geheimnis vom Kommen des Herrn

Der Menschensohn beginnt seinen Bericht an den Engel der Gemeinde zu Philadelphia mit den Worten in Offb.3,7:

„Das sagt der Heilige, der Wahrhaftige, welcher den Schlüssel Davids hat; der öffnet, und niemand wird zuschließen, und zuschließt, und niemand wird öffnen.“

Mit diesen Worten ist auf den Anfang, die Fortsetzung und die Vollendung des Geheimnisses vom Kommen des Herrn in der Gemeinde zu Philadelphia hingewiesen. Es ist für den Engel der sechsten Gemeinde die erste Offenbarung des Herrn. Dem Vorsteher der Gemeinde zu Philadelphia offenbart sich der Herr als der „Heilige“ und der „Wahrhaftige“. Diese beiden Bezeichnungen stellen eine neue Offenbarung dar; sie ist in der Erscheinung des Menschensohnes, die dem Apostel Johannes am Anfang gezeigt wurde (Offb.1,12-18), noch nicht enthalten.

Dagegen sind die Offenbarungsarten des Menschensohnes für die ersten fünf Gemeindevorsteher dem Apostel Johannes in der Erscheinung des Menschensohnes gezeigt worden. Damit ist angedeutet, daß das Sendschreiben an die Gemeinde zu Philadelphia eine ganz besondere

Seite 4

Bedeutung hat. Daß der Herr sich diesem sechsten Gemeindevorsteher gegenüber auf eine ganz neue Art und Weise offenbart, ist einerseits in der Stellung Gottes begründet, die er nach seinem Ratschluß zur bestimmten Zeit zur Gemeinde ein­nimmt, und andererseits in der Stellung, die der Vorsteher der Gemeinde zu Philadel­phia zum Heilsratschluß Gottes und dem Geheimnis vom Kommen des Herrn ein­nimmt. Das erklären die weiteren Ausführungen. 

b) Die Bedeutung der Offenbarung des Herrn als der „Heilige“

Zum rechten Verständnis dessen, was es bedeutet, daß sich der Herr dem Engel der Gemeinde zu Philadelphia auf eine ganz neue Art und Weise offenbart, ist es als erstes nötig, auf die Bedeutung dessen zu achten, daß sich ihm der Herr als der „Hei­lige“ offenbart. Die rechte Kenntnis dieser Bedeutung ist für das rechte Verständnis des ganzen Sendschreibens grundlegend. Besonders muß sich der Vorsteher der sechsten Gemeinde darüber klar sein, was die Art der Offenbarung des Herrn für  ihn bedeutet. Denn in dieser Offenbarung unterweist er diesen Diener über das Verhält­nis, in dem er als sein Herr zu ihm steht.

Um die Bedeutung dieser Offenbarung des Sohnes Gottes recht verstehen zu können, müssen wir zuerst darauf achten, daß Gott in seiner Stellung zu seinem Volk und zur Gemeinde als der „Heilige“ bezeichnet ist. Darüber finden sich in der Schrift die folgenden Namen und Bezeichnungen:

-     Der Hochheilige (Spr.30,3)

-     heiliger Vater (Joh.17,11)

-     der Heilige (Hi.6,10; Ps.22,4; Jes.10,17; Hab.3,3; Offb.6,10; 16,5)

-     mein Heiliger (Hab.1,12)

-     euer Heiliger (Jes.43,15)

-     der Heilige Israels (2.Kg.19,22; Ps.71,22; 78,41; Jes.1,4; 5,19.24; 10,20; 12,6; 17,7; 29,19; 30,11.15; 31,1; 37,23; 41,20; 45,11; 49,7; 55,5; Jer.50,29; 51,5)

-     der Heilige Jakobs (Jes.29,23)

-     der Heilige Israels, unser König (Ps.89,19)

-     euer Heiliger, euer König (Jes.43,15)

Seite 5

-     unser Erlöser, der Heilige Israels (Jes.47,4)

-     dein Erlöser, der Heilige in Israel, Gott der ganzen Erde (Jes.54,5)

-     dein Erlöser, der Heilige Israels (Jes.41,14; 48,17)

-     der Erlöser Israels, sein Heiliger (Jes.49,7)

-     der Heilige Israels, euer Erlöser (Jes.43,14)

-     der Heilige Israels, dein Heiland (Jes.43,3).

In diesen Zeugnissen ist Gott in dem Sinn als der „Heilige“ bezeichnet, daß damit auf seine göttliche Vollkommenheit, auf seine Königsstellung und auf seine Stellung als Retter und Erlöser hingewiesen ist. Die Bezeichnung „der Heilige“ besagt, daß Gott diese Stellung der Vollkommenheit ganz allein besitzt. In dieser Stellung als Schöpfer, als König, als Gott der ganzen Erde, als Retter und Erlöser ist ihm kein Geschöpf gleich; darin ist er völlig abgesondert von allen Geschöpfen.

Nur von Jesum, dem Sohne Gottes, redet die Heilige Schrift in der gleichen Weise. Er ist von den Aposteln auch als der „Heilige“ bezeichnet. Die Bezeichnungen darüber lauten:

-     der Heilige (Offb.3,7)

-     das Heilige (Luk.1,35)

-     der Heilige Gottes (Mark.1,24; Luk.4,34)

-     der Heilige und Gerechte (Apg.3,14; vgl.4,27.30).

Jesus ist in diesen Zeugnissen dem Sinn nach deshalb als der „Heilige“ bezeich­net, weil er Gottes Sohn ist, ferner weil er der Retter und Erlöser der Menschen ist und weil er in seinem von den Toten auferweckten Herrlichkeitsleib in den Himmel gefahren ist. Das zeigt, daß mit der Bezeichnung „der Heilige“ bei Jesum auf dieselbe Vollkommenheit hingewiesen ist wie bei Gott, seinem Vater. In dieser Bezeichnung kommt die abgesonderte Stellung des Sohnes Gottes, die ihn vor allen Geschöpfen auszeichnet, zum Ausdruck. Der „Heilige“ ist Jesus auch darum genannt, weil er der „Gerechte“ ist. Diese Bezeichnung der „Gerechte“ ist für Jesum deshalb gebraucht, weil er in seinem von den Toten auferweckten, unsterblich und unverweslich gewor­denen Herrlichkeitsleib der vollkommene Träger der Gerechtigkeit Gottes ist. Weil Jesus in diesem

Seite 6

Zustand das Ebenbild des unsichtbaren Gottes ist, der Erstgeborene aller Kreatur nach der Ordnung der Neugeburt und Wiedergeburt, d.i. der Anfang, der Erstgeborene aus den Toten (Kol.1,15.18), und weil er in seinem Herrlichkeitsleib auch der Abglanz der Herrlichkeit Gottes und das Abbild seines Wesens ist (Hebr.1,3), ist er dadurch der „Heilige Gottes“ erklärt. Er ist als Sohn in diesem Zustand der Vollkommenheit in glei­cher Weise heilig wie Gott der Vater selbst.

Diese Darstellung zeigt, daß Jesus nicht deshalb der „Heilige“ genannt ist, weil er ein sündloses Leben geführt hat, wie es so gern aufgefaßt und gelehrt wird. Der Herr ist deshalb als der Heilige bezeichnet, weil er der Sohn Gottes ist und als solcher der Retter und Erlöser der ganzen sündigen Menschheit. Denn er hat das Volk nicht durch sein sündloses Leben geheiligt, sondern durch das Vergießen seines Blutes, indem er außerhalb des Lagers gelitten hat (Hebr.13,12-13).

Daraus kann nun erkannt werden, was es bedeutet, daß Jesus sich dem Vorste­her der Gemeinde zu Philadelphia als der „Heilige und Wahrhaftige“ offenbart. Diese Art der Offenbarung des Herrn ist seine Offenbarung auf dem Boden der Vollkom­menheit des Allerheiligsten. Er offenbart sich diesem Engel der sechsten Gemeinde in der Vollkommenheit, die er als Retter und Erlöser und als Hoherpriester zur Rechten Gottes im Himmel, d.i. im Allerheiligsten darstellt. Es ist die Offenbarung dessen, was der Herr als Fürst des Lebens über den letzten Feind, den Tod, in seinem Sieg über den Tod darstellt. Diese Art der Offenbarung des Herrn ist grundverschieden davon, wie er sich den ersten fünf Gemeindevorstehern geoffenbart hat; denn wir haben ken­nengelernt, daß er sich ihnen nur auf dem Boden der vorderen Hütte und des Vorhofs geoffenbart hat. 

 

c) Die Bedeutung der Offenbarung des Herrn als der „Wahrhaftige“

Im weiteren achten wir auch darauf, was es bedeutet, daß sich der Herr dem Engel der Gemeinde zu Philadelphia als der „Wahrhaftige“ offenbart. In dieser Bezeichnung müssen wir eine Ergänzung zu der Bezeichnung der „Heilige“ sehen. In Dr. Bauer's Wörterbuch, Verlag Alfred Töpelmann, Berlin W 35, ist die Bedeutung die­ses Wortes der „Wahrhaftige“

Seite 7

als zuverlässig, wahr, wahrheitsgemäß, recht, wirklich erklärt. Die Bedeutung dieses Wortes verstehen wir am besten dadurch, daß wir zuerst auf die Zeugnisse achten, in denen Gott als der „Wahrhaftige“ bezeichnet ist.

Jesus nennt seinen Vater, der ihn in die Welt gesandt hat, den „Wahrhaftigen“ (Joh.3,33; 7,28; 8,26) und den „allein wahren Gott“ (Joh.17,3). Paulus redet von der „Wahrhaftigkeit Gottes“ (Röm.15,8) und von dem „wahren Gott“ (1.Thess.1,9). Der Zusammenhang, in dem diese Bezeichnung „der Wahrhaftige“ für Gott gebraucht ist, läßt ihre rechte Bedeutung erkennen.

Der Sinn davon, daß Gott „der Wahrhaftige“ genannt ist, besteht darin, daß er der alleinige Gott ist, außer ihm ist kein Gott. Weil er der allein wahre Gott ist, darum ist er auch „der wahrhaftige Gott“. Der Sinn dieser Bezeichnung ist auch der, daß Gott der Höchste und Größte ist; den falschen Göttern gegenüber ist er der wahre und leben­dige Gott (1.Thess.1,9).

Außer Gott ist auch sein Sohn Jesus Christus der „Wahrhaftige“ genannt. Der Apostel Johannes schreibt darüber in seinem ersten Brief:

„ … wir wissen aber, daß der Sohn Gottes gekommen ist und uns einen Sinn gegeben hat, daß wir den Wahrhaftigen erkennen; und wir sind in dem Wahrhafti­gen, in seinem Sohne Jesu Christo. Dieser ist der wahrhaftige Gott und ewiges Leben.“ (1.Joh.5,20)

Nach diesem Zeugnis ist Jesus darum der Wahrhaftige genannt, weil er Gottes Sohn ist. In dieser Stellung ist er gleich wie Gott, sein Vater, als der „wahrhaftige Gott“ und als das „ewige Leben“ bezeichnet. Folglich ist der Ausdruck „der wahrhaftige Gott“ nur eine andere Bezeichnung für das ewige Leben. Zu der Zeit, wenn das fünfte Siegel des Gerichtsbuches geöffnet wird, rufen die Seelen unter dem Altar:

„Wie lange, o Herr, du Heiliger und du Wahrhaftiger, richtest und rächest du nicht unser Blut an denen, die auf Erden wohnen?“ (Offb.6,10)

Hiernach ist Jesus als der kommende Menschensohn, wenn er als königlicher Richter auf seinem Thron offenbar wird, „der Wahrhaftige“ genannt. Darum ist mit der Bezeichnung „der Wahrhaftige“ auch auf die Königsstellung des wiederkommenden Herrn hingewiesen. Das bestätigen auch die Worte:

Seite 8

„Das sagt der Amen, der treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Schöpfung Gottes.“ (Offb.3,14)

„ … ich (Johannes) sah den Himmel geöffnet, und siehe, ein weißes Pferd, und der darauf saß, heißt der Treue und Wahrhaftige; und mit Gerechtigkeit richtet und streitet er.“ (Offb.19,11)

Dieser Treue und Wahrhaftige ist in diesem Zusammenhang auch „das Wort Gottes“ genannt und der „König der Könige und der Herr der Herren“ (Offb.19,13.16). Außer die­sen Zeugnissen ist Jesus noch in anderen Stellen als der „Wahrhaftige“ bezeichnet. Seinen Jüngern erklärte er, daß er der wahre Weinstock, der Wahrhaftige sei (Joh.15,1), Johannes lehrt in seinem Evangelium, daß das wahrhaftige Licht, d.h. das Licht, das jeden Menschen erleuchtet, in die Welt kommen sollte (Joh.1,9). In seinem ersten Brief nimmt Johannes darauf Bezug und schreibt, das wahre Licht, nämlich das wahrhaftige Licht scheinet schon (1.Joh.2,8). Mein Vater gibt euch das wahre Brot, bzw. das Brot, das wahrhaftige, vom Himmel (Joh.6,32). In diesen letztgenannten Zeugnis­sen erscheint vielleicht die Bedeutung, die dem Sohne Gottes mit dem Namen „Der Wahrhaftige“ gegeben ist, dadurch etwas verringert, daß an Stelle des Hauptwortes der oder das Wahrhaftige das Eigenschaftswort wahr bzw. wahrhaftig gebraucht ist. Nach dem Griechischen müßte an allen genannten Stellen das Hauptwort gesetzt sein. In dem Hauptwort kommt der eigentliche Sinn besser zum Ausdruck. In dem Gleichnis vom ungerechten Haushalter stellt Jesus dem Mammon das „Wahre“ bzw. das „Wahrhaftige“ gegenüber (Luk.16,11). Dieses „Wahrhaftige“, auf das Jesus hin­weist, ist die Ordnung des Heiligtums, das Jesus in seinem aus den Toten auferstan­denen, unsterblich und unverweslich gewordenen Herrlichkeitsleib im Himmel zur Rechten Gottes darstellt. Darum ist er auch der Diener des Heiligtums und der wahren Stiftshütte, d.h. der Stiftshütte, der wahrhaftigen, die er errichtet hat und kein Mensch (Hebr.8,1-2). Das „Wahre“ und das „Wahrhaftige“ ist darum der Himmel, in den Jesus eingegangen ist, um die Gläubigen vor dem Angesichte Gottes zu vertreten (Hebr.9,24).

So wie Gott und Jesus die Wahrhaftigen sind, sind auch ihre Worte wahrhaftig. Das bestätigen besonders die Zeugnisse der Offenbarung (Offb.19,9; 21,5; 22,6). Gerecht und wahrhaftig sind die Wege Gottes (Offb.15,3), wahrhaft und gerecht

Seite 9

sind seine Gerichte (Offb.16,7; 19,2). Das Zeugnis Jesu ist wahr (Joh.5,32; 8,14.17-18. 40.45-46; 16,7; 18,37; 19,35; 21,24).

Aus diesen Zeugnissen kann nun erkannt werden, was es bedeutet, daß sich der Herr dem Vorsteher der Gemeinde zu Philadelphia als der „Wahrhaftige“ offenbart. Diese Art der Offenbarung des Herrn bedeutet die Offenbarung davon, daß er in allem Gott gleich ist, eine völlige Einheit mit seinem himmlischen Vater. Es bedeutet, daß er sich dem Engel der sechsten Gemeinde in der ganzen Fülle dessen offenbart, was er als der aus den Toten auferstandene eingeborene Sohn Gottes, d.i. als der Erstgebo­rene aus den Toten im Zustand der neuen Kreatur als das ewige Leben darstellt. Es ist die Offenbarung dessen, was er in seiner Hohenpriesterstellung im Himmel für die Heiligen zur Rechten Gottes als das Ebenbild des unsichtbaren Gottes im Zustand der Unsterblichkeit und Unverweslichkeit als die ewige Wahrheit darstellt. In dieser Offen­barungsart des „Wahrhaftigen“ ist auch das Wesen und die Bedeutung der Wieder­kunft des Herrn eingeschlossen, wie er durch die Lade des Bundes des Herrn in dem Allerheiligsten offenbar wird. In der ganzen Fülle wird der Ratschluß Gottes durch sei­nen Sohn noch darin offenbar, daß er als der Wahrhaftige seine große Macht in seiner Königsherrschaft annimmt und auf dem Throne seines Vaters David das Haus Jakobs in Ewigkeit regiert.  

d) Die Ursachen für die Offenbarung des Herrn als der „Heilige und Wahrhaftige“

Daß sich der Herr dem Vorsteher der sechsten Gemeinde auf dem Boden der Vollkommenheit des Allerheiligsten offenbart, ist in erster Linie in dem Willen und Heilsratschluß Gottes begründet und nicht in der Treue des Vorstehers der sechsten Gemeinde und in der Treue dieser Gemeinde. Der Wille und Ratschluß Gottes besteht darin, daß der Sieg der in Christo Jesu vollbrachten ganzen Rettung und Erlösung in der christlichen Gemeinde, die Jesus und die Apostel durch ihre Evangeliumsbot­schaft gegründet haben, zur Ausgestaltung und Darstellung kommen soll. Das heißt mit anderen Worten: Die Gemeinde des Herrn, die den Leib Christi darstellt, soll die Trägerin des großen Heils werden, das Jesus für die ganze Menschheit erworben hat. In der Gemeinde soll sich das Haus Gottes, als der Tempel und die Hütte Gottes, das wahre

Seite 10

Heiligtum Gottes bis zur Vollkommenheit ausgestalten, damit Gott in seiner Herr­lichkeit, d.i. in seiner Unsterblichkeit, in seinem Tempel unter den Menschen wohnen kann. Für diesen Gnadenratschluß gelten auch die Worte, die der Apostel Paulus in bezug auf das Volk Gottes in seinem Brief an die Römer geschrieben hat:

„Gottes Gnadengaben und Berufung sind unwiderruflich.“ (Röm.11,29)

So wie Gott seinen Ratschluß mit seinem Volk hinausführt, auch wenn es durch Jahrtausende hindurch untreu war und darum den göttlichen Heilsabsichten als Volk nicht dienen konnte, - ebenso verwirklicht er seinen Gnadenratschluß auch durch die christliche Gemeinde, obgleich sie ihm schon bald zweitausend Jahre untreu war. Es geht in dem Heilswalten Gottes nach der Ordnung, die Paulus mit den Worten bezeugt:

„Denn gleichwie auch ihr einst Gott ungehorsam gewesen seid, nun aber begna­digt worden seid infolge ihres Ungehorsams; so wurden auch diese ungehorsam, damit sie durch das euch widerfahrene Erbarmen gleichfalls Barmherzigkeit erfüh­ren. Denn Gott hat alle miteinander in den Ungehorsam verschlossen, damit er sich aller erbarme.“ (Röm.11,30-32)

Dieses Erbarmen wendet Gott auch seiner Gemeinde wieder zu, nachdem er sie bald zweitausend Jahre mehr oder weniger in den Ungehorsam verschlossen hat. Gott tut das in erster Linie dadurch, daß er sich am Ende dem Vorsteher der Gemeinde zu Philadelphia als der „Heilige“ offenbart, d.h., Christus offenbart sich ihm und in Verbindung damit der ganzen Gemeinde in der ganzen Fülle dessen, was er als Retter und Erlöser auf dem Boden der ersten Liebe für die Gemeinde darstellt. Das tut der Herr aus Gnaden, ohne Verdienst der Gemeinde, damit niemand sich rühme. Denn wie wir in den Betrachtungen der ersten fünf Sendschreiben kennenge­lernt haben, war die Stellung der ersten fünf Gemeindevorsteher und ihrer Gemeinden solcherart, daß die Erfüllung des Geheimnisses vom Kommen des Herrn durch sie nicht erfolgen konnte.

Nun muß aber beachtet werden, daß, wenn sich der Herr dem Vorsteher der Gemeinde zu Philadelphia als der „Heilige und Wahrhaftige“ offenbart, diese Offenba­rung dann auch der Stellung entspricht, die dieser Engel einerseits zu ihm als dem Retter und Erlöser und andererseits zu der Gemeinde hat, deren Vorsteher er ist. Aber auch die Stellung, die dieser sechste Gemeindeengel zur göttlichen Verheißung im Evangelium

Seite 11

hat, muß den Herrn bestimmen, sich ihm so zu offenbaren.

Die Erklärung der vollen Bedeutung dieser Art der Offenbarung des Herrn für den Engel der Gemeinde zu Philadelphia folgt dann in den weiteren Abschnitten dieses Sendschreibens. Auch die Tatsache, daß die Offenbarung des Herrn für diesen Engel eine ganz neue Offenbarung ist, wird in den weiteren Ausführungen über das sechste Sendschreiben noch mehr beleuchtet werden.  

e) Die Bedeutung der Offenbarung des Herrn mit dem Schlüssel Davids 

Die Bedeutung des Schlüssels nach der Schrift

Der Herr offenbart sich dem Engel der Gemeinde zu Philadelphia nicht nur als der „Heilige“ und der „Wahrhaftige“, sondern auch als der,

„der den Schlüssel Davids hat, der öffnet, und niemand wird zuschließen, und zuschließt, und niemand wird öffnen.“ (vgl.Offb.3,7)

Diese Tatsache, daß der Herr den Schlüssel Davids hat, ist  - wie wir schon am Anfang dieser Ausführungen gezeigt haben -  mit der klarste Beweis dafür, daß die Offenbarung des Herrn für den Vorsteher der Gemeinde zu Philadelphia eine ganz neue Offenbarung ist, die dem Apostel Johannes bei der Erscheinung des Herrn noch nicht gezeigt wurde. Zur rechten Erkenntnis dieser Offenbarung ist es nötig, darauf zu achten, welche Bedeutung die Bezeichnung „Schlüssel“ in Gottes Wort besitzt. Weil Petrus dem Herrn das köstliche Bekenntnis abgelegt hat:

„Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!“ (Matth.16,16),

sagte ihm Jesus u.a.:

„Ich will dir des Himmelreichs Schlüssel geben; und was du auf Erden binden wirst, das wird im Himmel gebunden sein; und was du auf Erden lösen wirst, das wird im Himmel gelöst sein.“ (Matth.16,19)

Jesus spricht über die Pharisäer und Schriftgelehrten ein „Wehe“ aus, weil sie das Himmelreich vor den Menschen zuschließen und die, die hineinwollen, nicht hinein lassen (Matth.13,13). Der Evangelist Lukas schreibt von dieser Zurechtweisung des Herrn wörtlich:

Seite 12

„Wehe euch, den Schriftgelehrten, daß ihr den Schlüssel der Erkenntnis wegge­nommen habt! Ihr selbst seid nicht hineingegangen, und die hineingehen wollten, habt ihr gehindert!“ (Luk.11,52)

Mit dieser Darstellung ist gesagt, daß die Erkenntnis des göttlichen Willens und Rat­schlusses in der Hand derer, die sie besitzen, ein „Schlüssel“ ist, um sich selbst und andern die Tür zum Himmelreich zu öffnen. Wenn die von Gott zum Dienst berufenen und darum vor ihm verantwortlichen Männer nicht in der rechten Treue zu diesem Schlüssel stehen, indem sie nicht ernstlich nach der rechten und vollen Erkenntnis des Willens und Ratschlusses Gottes trachten, können sie diesen Schlüssel der Erkenntnis auch nicht in der rechten Weise anwenden.

Der Menschensohn, dessen Erscheinung dem Apostel Johannes auf Patmos gezeigt wurde, der der Erste und Letzte und Lebendige ist, der tot war und lebendig geworden ist und nun lebt von Ewigkeit zu Ewigkeit, hat die Schlüssel des Todes und des Totenreichs (Offb.1,17-18). Was diese Schlüssel bedeuten, kann daraus erkannt werden, daß der Menschensohn den Johannes in seiner Todesangst mit diesem Hin­weis trösten wollte. Er sagte ihm:

„Fürchte dich nicht! Ich habe die Schlüssel des Totenreichs.“ (vgl.Offb.1,17-18)

Diese Schlüssel in der Hand des Herrn stellen den Sieg des Lebens über den Tod dar, den er als der Totgewesene und wieder Lebendiggewordene in seinem unsterblichen und unverweslichen Leib für die Kinder Gottes erworben hat. Darüber hat Jesus das Volk unterwiesen:

„Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat ewiges Leben und kommt nicht ins Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, es kommt die Stunde und ist schon da, wo die Toten die Stimme des Sohne Gottes hören werden, und die sie hören, die werden leben. Denn wie der Vater das Leben in sich selbst hat, also hat er auch dem Sohne verliehen, Leben in sich selbst zu haben. Und er hat ihm Macht gegeben, auch Gericht zu halten, weil er des Menschen Sohn ist. Verwundert euch nicht darüber! Denn es kommt die Stunde, in welcher alle, die in den Gräbern sind, seine Stimme hören werden; und es werden hervorgehen, die Gutes getan haben, zur Auferstehung des Lebens; die aber Böses getan haben, zur Auferstehung des Gerichts.“ (Joh.5,24-29)

Seite 13

Zu der Zeit, wenn der fünfte Engel posaunt, wird einem Stern, d.h. einem Lehrer in der Gemeinde, der vom Himmel auf die Erde fällt, der Schlüssel zu dem Brunnen des Abgrunds gegeben. Damit öffnet er den Brunnen des Abgrunds. Worin dieser Schlüs­sel besteht, kann daran erkannt werden, daß als Folge dieser Brunnenöffnung solche Geistgewalten aus dem Abgrund aufsteigen bzw. befreit und gelöst werden, die das Sonnenlicht und die Luft der Erkenntnis der Wahrheit der in Christo vollbrachten Got­tesgerechtigkeit verfinstern (Offb.9,1-2). Damit ist bewiesen, daß dieser Schlüssel zu dem Brunnen des Abgrunds das Gegenteil von der Erkenntnis der ganzen Fülle der Gottes- und Glaubensgerechtigkeit in Christo Jesu ist, die dem Vorsteher der Gemeinde zu Philadelphia durch die mit dem Schlüssel Davids geöffnete Tür vermit­telt wurde. Es ist die Lüge in der ausgeprägtesten und vollkommensten Form, wie sie am Ende der Gemeindeentwicklung und zur Zeit der Wiederkunft des Herrn in der Stellung des Engels der Gemeinde zu Laodicea Ausdruck findet nach dem Zeugnis:

„Ich weiß deine Werke, daß du weder kalt noch warm bist. Ach daß du kalt oder warm wärest! So aber, weil du lau bist und weder kalt noch warm, so werde ich dich ausspeien aus meinem Munde. Denn du sprichst: Ich bin reich und habe Überfluß und bedarf nichts! Und weißt nicht, daß du elend bist und jämmerlich, arm, blind und bloß! Ich rate dir, von mir Gold zu kaufen, das im Feuer geläutert ist, damit du reich werdest; und weiße Kleider, damit du dich bekleidest, und die Schande deiner Blöße nicht offenbar werde; und Augensalbe, deine Augen zu salben, damit du sehest.“ (Offb.3,15-18)

Die tiefere Bedeutung dieses Lügen- und Irrtumsschlüssels besteht darin, daß diese Lüge deshalb so verhängnisvoll ist, weil sie durch ihren Träger als die Wahrheitsord­nung für die Wiederkunft des Herrn ausgegeben wird.

Wenn das Tier aus dem Meer und aus dem Abgrund und mit ihm der falsche Pro­phet gerichtet sind (Offb.19,20-21), steigt ein Engel aus dem Himmel herab. Er hat den Schlüssel des Abgrunds und eine große Kette in seiner Hand. Er ergreift den Dra­chen, die alte Schlange, den Teufel und Satan, bindet ihn auf tausend Jahre, wirft ihn in den Abgrund, schließt zu und versiegelt über ihm, damit er die Völker nicht mehr verführe (Offb.20,1-3). Dieser Schlüssel des Abgrunds ist das Gegenteil von dem Schlüssel zum Brunnen des Abgrunds. Es ist der Schlüssel der Erkenntnis und des vollendeten Glaubens an die Wahrheit der Gottesgerechtigkeit,

Seite 14

die in der in Christo vollbrachten ganzen Erlösung als dem Sieg des Lebens über den Tod besteht.

Zu der Zeit, wenn die zwei Zeugen als die zwei Ölbäume und die zwei Leuchter weissagen, haben sie Macht, den Himmel zu verschließen, daß kein Regen falle in den Tagen ihrer Weissagung (Offb.11,3-6). Das tun sie mit dem Schlüssel ihrer Macht­stellung, die sie in ihrer Vollendung, nämlich in ihrem geretteten Herrlichkeitsleib dar­stellen. Mit diesem Schlüssel wirken sie auf das Zeugnis der Wahrheit der Gottesge­rechtigkeit so bestimmend ein, daß sie in den Tagen ihrer Weissagung den Gläubigen nicht verkündigt wird, die auf Erden wohnen. Die Erde kann in dieser Zeit kein Heil hervorbringen und die Gerechtigkeit Gottes kann nicht wachsen (vgl.Jes.45,8).

Wenn die klugen Jungfrauen infolge ihres Bereitseins mit dem Bräutigam zur Hochzeit eingegangen sind und sie dadurch die Erlösung ihres Leibes von der Macht und Gewalt des Todes durch die Leibesverwandlung erfahren haben, wird die Tür für das Erlangen dieses Zieles verschlossen. Im Anschluß daran kommen auch die übri­gen Jungfrauen, nämlich die törichten und sagen: „Herr, Herr, tue uns auf!“ (Matth.25,10-11). Mit diesem Begehren bekunden sie ihr Verlangen nach dem Öl, das ihnen fehlt, d.i. die Erkenntnis für die Erfahrung der Leibesverwandlung. Folglich ist diese Erkenntnis der Schlüssel, mit dem der Herr den klugen Jungfrauen durch das Öl in ihren Gefäßen die Wahrheitstür für den Sieg der Bereitschaft zur Leibesverwand­lung aufschließt und diese Tür für die Törichten dann auch wieder zuschließt. Das Zuschließen der Tür bedeutet das Wegnehmen der Heilserkenntnis, die für die Bereit­schaftsstellung zum Leben und Übrigbleiben und zur Leibesverwandlung notwendig ist. In dieser Weise redet Gottes Wort ganz allgemein vom Schlüssel. 

 ... für Fortsetzung Buch herunterladen