Weg zur Wahrheit

Röm. 4,7 «Selig sind die, welchen die Übertretungen vergeben und deren Sünden zugedeckt sind;  8 selig ist der Mann, welchem der Herr die Sünde nicht zurechnet!»

Joh. E. Keller

Bibliothek Weg zur Wahrheit

Buch

 

Das Buch Ruth

 

 

1. Um der Erhaltung irdischer Fülle willen aus der Erziehungsschule
Gottes gelaufen

Das Büchlein Ruth, das wir hier betrachten wollen, ist eine kurze, aber sehr lehrrei­che Familiengeschichte aus der Zeit des Volkes Gottes.

Die Hauptperson in diesem Bericht ist Naemi, die Frau Elimelechs. In ihr begegnen wir einer wahrhaft gottesfürchtigen Frau, die allen Kindern Gottes als leuchtendes Vor­bild für ihr eigenes Familienleben bzw. ihr Familienverhältnis gesetzt ist. In Naemi wird uns eine Magd des Herrn dargestellt, die als gelehrige Schülerin in der Erziehungs­schule Gottes gelernt hatte, ihren Gott in seinem Walten in ihrem Leben zu verstehen, und die sich dann in solcher Treue zu Gott stellte, daß er sie als sein Werkzeug benüt­zen konnte: Vorbild und Wegweiser für die Menschen ihrer Umgebung und im tieferen Sinn auch ein Werkzeug für seinen Willen und Ratschluß zu sein. Nachdem Naemi von ihrem Gott geschult war, erfüllte sie ihre Lebensaufgabe in dem, daß sie durch ihr Vor­bild ihre Schwiegertochter Ruthh so beeinflußte, daß Ruthh sich freiwillig vom heidnischen Götzendienst lossagte und sich in gleicher Treue zu Gott stellte, wie das Naemi, ihre Lehrerin tat. Unter dem Einfluß Naemis stehend, wird Ruth zum Mittelpunkt in diesem Bericht. Ruth, eine Moabitin, kam durch Verheiratung mit Machlon, dem Sohne Elime­lechs und Naemis, zum Volke Gottes.

Es handelt sich aber in diesem Bericht nicht etwa nur um eine Familiengeschichte im üblichen Sinn, wie das beim oberflächlichen Lesen des Büchleins den Anschein erweckt. Beim genaueren Betrachten

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dieses Buches finden wir heraus, daß der Bericht ein köstliches Zeugnis über die vorbildli­che Stellung Ruths zu Gott und den Menschen ist, die durch ihre Gottesfurcht treu zu Gott stehen wollen. Von Gottes Seite aus gesehen, zeigt der Bericht die vorbildliche Gesinnung Ruths, durch die sich der Wille und Heilsratschluß Gottes erfüllen konnte: seinem Volke einen König nach seinem Herzen zu geben, und daß nach seiner Verheißung an die Väter des Volkes Gottes Christus als Retter aus dem Geschlechte Davids ins Fleisch geboren werden konnte.

Diese Familiengeschichte beginnt mit dem Bericht:

„Zu der Zeit, als die Richter regierten, entstand eine Hungersnot im Lande. Damals zog ein Mann von Betlehem - Juda fort, daß er sich im Gefilde Moab auf­hielte, samt seinem Weibe und seinen beiden Söhnen. Dieser Mann hieß Elime­lech und sein Weib Naemi, seine beiden Söhne aber hießen Machlon und Kiljon, - die waren Ephratiter von Betlehem-Juda. Und sie gelangten ins Gefilde Moab und lebten dort. Elimelech aber, Naemis Mann, starb, und sie blieb übrig mit ihren beiden Söhnen. Die nahmen sich moabitische Weiber, die eine hieß Orpa, die andere Ruth. Und sie wohnten daselbst bei zehn Jahren. Darnach starben auch sie beide, Machlon und Kiljon, also daß das Weib nach ihren beiden Söhnen und ihrem Manne allein zurückblieb.“ (Ruth 1,1-5)

Nach diesem Bericht lebte Ruth in der Zeit der Richter, darum steht ihre kurz gefaßte Geschichte auch an diesem Platz im Worte Gottes. Aber ihre Geschichte liegt nicht ganz in der Zeit der Richter; denn Ruth ist die Stammutter des Königs geworden, den Gott als den Mann nach seinem Herzen erfunden hat. So muß man diesen Bericht über Ruth und die

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Familie, in die sie hineinkam und durch die sie zum Volk Gottes hinzukam, als Übergang von der Zeit der Richter zur Zeit der Könige im Volk Israel ansehen.

Wenn wir von diesem Boden aus alles betrachten, was uns in diesem kleinen Bericht gesagt ist, so gewinnen wir davon den rechten Segen. Wir müssen dann nicht nur auf die Zeit achten, in der sich die Geschichte abspielte, sondern auch auf alle Begleitumstände, und das müssen wir um so mehr tun, als gerade das Büchlein Ruth für beide Zeiten, für die Zeit der Richter und für die Zeit der Könige, von grundlegender Bedeutung ist, nicht nur, weil der Bericht an diesem Platze zwischen den Büchern der Richter und der Könige eingefügt ist, sondern auch, weil in dieser Geschichte zweierlei beleuchtet wird: das Gericht und die für Gott wohlgefällige Königsstellung, die dadurch offenbar wurde, daß Ruth die Stammutter des Königs David wurde. Das stellt zwei Tat­sachen ins Licht, die wir als Grundlage für alles weitere recht beachten müssen, wenn wir uns auch zuerst damit vertraut machen müssen. Wir finden in dieser Familie Gericht und Gnade in der Verbindung, wie es göttliche Ordnung ist. Das Gericht Gottes finden wir besonders ausdrucksvoll durch Naemi dargestellt, die bei ihrer Rückkehr auf die Frage der Leute:

„Ist das die Naemi?“ (Ruth 1,19)

antwortete:

„Heißet mich nicht Naemi (die Liebliche), sondern nennt mich Mara (die Betrübte); denn der Allmächtige hat mich sehr betrübt! Voll zog ich aus, aber leer hat mich der Herr wieder heimgebracht! Warum heißet ihr mich denn Naemi, da doch der Herr mich gedemütigt und der Allmächtige mich betrübt hat?“ (Ruth 1,20-21) Seite 4

 

Damit will Naemi sagen, daß sie nicht mehr die Liebliche, die Freudige genannt werden soll, nachdem das Gericht Gottes über sie ergangen ist und er alles Liebliche an ihr in den Staub gelegt hat. In ihrer Demütigung und Betrübnis sieht sie ihr Gericht durch den allmächtigen Gott. Die Einleitung, wie wir sie hier in diesem Bericht finden, ist wohl recht eigenartig. Und wenn wir lesen, daß zur Zeit der Richter eine Hungersnot im Lande war, so werden wir damit kaum das Gericht Gottes angedeutet sehen.

Was veranlaßte wohl Elimelech, mit seiner Familie aus Betlehem in die moabiti­schen Gefilde zu ziehen? Naemi deutet es an mit den Worten:

„Voll zog ich aus!“

Voll wollte sie, ihr Mann und ihre Familie bleiben. Sie wollten die über das Land gekom­mene Hungersnot nicht mit dem Volke Gottes in Betlehem durchleben. Wenn alle Leute des Landes Juda diese Stellung gehabt und das gleiche getan hätten wie die Familie Eli­melechs, dann müßte der Bericht eben lauten: Damals zog das Volk Gottes in die Gefilde Moabs. Aber es ist nur von einem Mann aus Betlehem die Rede; nur ein Mann mit seinem Hause wollte dem Gericht Gottes, das er über sein Volk brachte, entfliehen. Es ist sehr fraglich, ob von der Familie drei Personen, der Mann und seine beiden Söhne, hätten ster­ben müssen, wenn sie in Betlehem geblieben wären. Aber sie waren voll und wollten sich von dem, was sie hatten, durch Gott nichts nehmen lassen. Als Verhältnisse entstanden, durch die sie nach ihrer Meinung und Sorge ihre Fülle zum Teil oder vielleicht auch ganz hätten verlieren können, da waren sie nicht willig, diese Schule zusammen mit

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dem Volke Gottes unter Gottes Strafgericht durchzukosten. Sie wollten nicht leer werden; sie wollten nicht Hunger leiden und etwa Hungers sterben. Als ihnen das Hungergespenst an die Wand gemalt wurde, flohen sie vor dem Hunger. Es will beachtet sein, daß nicht alle Menschen in Betlehem - Juda darum, weil sie zu Hause blieben, gestorben sind; denn als Naemi aus dem Gefilde Moab wieder nach Betlehem zurückkehrte, waren ja noch Leute da, die sie kannten und sich gewiß erinnerten, daß Naemis Familie um der Hungersnot willen von Betlehem ausgezogen war. Ein Teil von denen, die im Lande blieben, war also trotz der Hungersnot noch am Leben geblieben, während die Familie, die um der Hungers­not willen aus dem Lande ausgezogen war, nicht mehr vollzählig in ihr Land zurückkehrte, so daß Naemi von den Leuten nicht mehr Naemi genannt werden wollte, weil Gott sie leer­gemacht hatte, obwohl sie einst voll bleiben wollte. So hatte Gott ihren Namen von lieblich in betrübt umgewandelt. Als die Liebliche zog sie voll aus; als die Betrübte kam sie leer wieder heim.

Aber während Menschen in solcher Lage gern noch den letzten Rest des Eigenen retten möchten, finden wir das bei Naemi nicht. Meistens würde man in solcher Lage eine lange Geschichte erzählen, um die Leute davon zu überzeugen, daß man damals bloß unter dem Druck des Mannes gehandelt habe, daß man mit ihm ging, weil er das Volk Gottes im Gericht der Hungersnot verlassen wollte. Man würde daran erinnern, daß der Mann das Haupt der Frau sei; man würde eine ganze Geschichte erzählen können, wie der Mann in der Fremde gehandelt habe, bis endlich Gott eingegriffen und ihn weggenommen habe. Man wüßte auch genug Gründe dafür anzuführen,

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daß auch die Söhne dann noch starben. Wenn man sich beschönigen und herausstreichen will, dann findet man immer Gründe genug; dafür sorgt Satan. Wie ganz anders lautet der Bericht Naemis! Kein anklagendes Wort hören wir über ihren Mann und ihre Söhne. Sie kommt, redet und stellt sich, als ob sie überhaupt nie einen Mann gehabt hätte, nie einem Mann hätte untertan sein und mit ihm ins Moabiterland hätte ziehen müssen; sie hätte sich ins beste Licht stellen können, um wenigstens noch ein wenig Ehre und Ansehen unter dem Volk zu retten. Nichts von alledem! Naemi stellt sich so hin, als ob alles nur um ihret­willen so geschehen und über ihr Haus gekommen sei.

Ist das nicht ein wunderbares Bild? Erscheint uns nicht diese Frau, wie der Psal­mist sagt, siebenmal im Tiegel des Elends geläutert? Solche Charaktere schafft Gott nur auf solchen Wegen, wie er Naemi führte. Was die Frucht dieses Läuterungspro­zesses an diesem Menschenkind ist, zeigt uns die Geschichte. Wir sehen aber auch, wie wenig manche Kinder Gottes lernen, scheinbar aus dem einfachen Grunde, weil sie dem göttlichen Gericht, in dem er sie läutern möchte, nicht nur einmal, sondern beständig ausweichen. Dann kommt es so weit, daß am Ende bei allen Erfahrungen doch keine geläuterten Werkzeuge da sind. In diesem Lichte gesehen, können wir in dieser Geschichte allerlei Kostbares für die Stellung der Kinder Gottes entdecken.

2. Die Bedeutung vom Laufen aus der Erziehungsschule Gottes

Indem Elimelech mit seiner Familie von Betlehem - Juda fortzog, ging er nicht nur der Hungersnot im Lande des Volkes Gottes aus dem Wege, sondern

Seite 7 er ging auch der göttlichen Regierung aus dem Wege, indem er ins Ausland, nach dem Gefilde Moab ging, um sich dort aufzuhalten, wo Gott nicht regierte, weil sein Volk nicht dort war. Elimelech stellte sich unter die Herrschaft fremder Regenten. Wenn man das als Kind Gottes tut, so bedeutet das, daß man Gott und seine Ordnung verläßt und in Satans Gebiet übergeht, dahin, wo Gottes Feind regiert. Wie wenig wird das doch beachtet.

 

Aus welchem Grunde trifft man solchen Wechsel? Nur darum, weil man darum besorgt ist, daß man die Fülle, die man besitzt, verlieren könnte, wenn man von Gott so regiert wird, wie er zur Zeit der Hungersnot sein Volk heimsucht. Wenn man da das Seine im Auge hat, dann kann man allerdings voll von Betlehem - Juda ausziehen. Wovon ist man voll in Betlehem? Es ist das Haus Gottes, in dem Gott sein Volk mit Brot versorgt, mit dem Brot des Lebens. Wenn man dann von Betlehem auszieht, macht man es wie jener Sohn, der zum Vater sagte:

„Gib mir, Vater, den Teil des Vermögens, der mir zufällt!“ (Luk.15,12)

Dann nimmt er seinen Teil und geht fort; und was damit wird, zeigt uns der Bericht. Anstatt zu Hause beim Vater zu bleiben, wo seine Güter ihm auch wie bisher erhalten geblieben wären, kam er unter allerlei böse Einflüsse und verpraßte sein Erbteil, trieb sich mit allerlei fremdem Gesindel herum, bis er zuletzt leergemacht wieder heimkommt (Luk.15,13-32). So erging es auch dieser Familie. Voll zog sie aus, und leer kam ein kleiner Teil davon wieder heim. Elimelech hatte im Hause Gottes mit seiner Familie, in Verbindung mit dem Volk Gottes, Segnungen genossen. Warum blieb er nicht an diesem

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gesegneten Ort? Er hatte Angst, wenn er da bleiben würde, so würde er in Verbindung mit dem Volke Gottes nicht zu seinem Nutzen und Vorteil von Gott regiert werden. Als die Hungersnot kam, befürchtete er, er würde durch einen solchen Weg Verlust haben und nicht behalten können, was er von seinem Gott bis dahin empfangen hatte. Es war ihm ums Brot zu tun. Ob er dasselbe bis dahin im Hause Gottes, an dem Ort, zusammen mit dem Volk Gottes, empfangen hatte, oder ob er es in der Fremde ißt, wo Gott nicht regierte, das war ihm einerlei. Es war ihm gleich, ob er mit dem Volke Gottes im Hause Gottes war oder fern von Gott und vom Hause Gottes getrennt. Wenn er nur das, was er hatte, erhal­ten konnte, wenn er nur für sich persönlich und für die Seinen Brot hatte, was kümmerte er sich um das Volk und um das Haus Gottes! Wenn Gott Hungersnot dorthin schickte, ging er fort, suchte das Seine und trennte sich vom Volke Gottes und dadurch auch vom Hause Gottes.

 

3. Das Laufen aus der Erziehungsschule Gottes kann sein
Reinigungsgericht nicht verhindern

Die Hungersnot im Lande des Volkes Gottes hielt nicht für immer an. Diese Zeit ging vorüber. Aber merken wir uns das recht gründlich: als die Zeit vorüber war, konnte der Mann mit seinen beiden Söhnen von dem Brot, das es im Hause Gottes wieder gab, nicht mehr essen; und die Fülle, mit der sie ausgezogen waren, brachte Naemi auch nicht mehr nach Hause. Als Folge des Verhaltens, daß diese Familie vor dem Hunger floh und sie dadurch aus der Schule Gottes lief, kehrten nicht mehr alle Fami­lienglieder zurück. Es ist nicht gesagt, an welcher Ursache die drei Männer dieses Hauses gestorben sind. Wir können daraus nur lernen, daß es nicht

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viel nützt, wenn man dem Erziehungsgericht Gottes entfliehen will; man kann wohl einen Ort suchen und auch finden, an dem man nach seinem menschlichen Ermessen glaubt, vor dem Gericht geschützt zu sein. Das hindert Gott aber nicht, sein Gericht zu vollziehen.

Das lehrt uns auch Jesus in dem Gleichnis vom reichen Kornbauern. Wenn man etwa dadurch einer Notzeit entgehen und sein Leben erhalten will, daß man sich selbst in einer sorgenden habsüchtigen Gesinnung Überfluß, das heißt großen Vorrat sam­melt, so kann man durch dieses Verhalten doch dem Gericht nicht entgehen. Denn Jesus sagt:

„Wenn einer Überfluß hat, so hängt sein Leben doch nicht von seinen Gütern ab.“ (Luk.12,15)

Obgleich man für seinen Überfluß große Vorratsräume baut und man dann zu seiner Seele sagt:

„Seele, du hast einen großen Vorrat auf viele Jahre; habe nun Ruhe, iß, trink und sei guten Muts!“ (Luk.12,19)

kann man in dieser habsüchtigen, sorgenden Gesinnung seiner Lebenslänge doch nicht eine Elle zusetzen (Luk.12,25). Denn Gott sagt solchen Menschen:

„Du Narr! diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern; und wes wird es sein, was du bereitet hast?“ (Luk.12,20)

Der Reichtum, den man sich für die notwendigen Lebensbedürfnisse sammelt, um nicht nur für heute, sondern auch für morgen, ja, für viele Jahre Vorrat zu haben, ist kein Schutz und keine Bewahrung vor dem Hungern und schon gar nicht vor dem Sterben. Das müßte auf Grund der Unterweisung Jesu, wenn auch nicht den Ungläubigen, so doch den Kindern Gottes für alle Umstände und Verhältnisse ganz klar sein. Denn auch im Blick auf diese Tatsache gilt es, daß Gott Mittel und Wege hat, das auszuführen

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was er sich vorgenommen hat; wie auch der Dichter spricht: „Weg hast Du allerwegen, an Mitteln fehlt Dir’s nicht; dein Tun ist lauter Segen, dein Gang ist lauter Licht; dein Werk kann niemand hindern, deine Arbeit darf nicht ruhen, wenn Du, was Deinen Kindern ersprießlich ist, willst tun.“ Den Hinterlistigen überlistet Gott (Ps.18,27). Seiner Erziehungs­schule kann niemand entgehen. Wenn man angesichts der vorhandenen Not und Bedrängnis auch Gott aus der Schule laufen will, indem man einen andern Ort aufsucht und sich andere Verhältnisse gestaltet, so ist doch Gott in seiner Erziehungsschule, die er zur Verwirklichung seines Ratschlusses bei seinen Werkzeugen anwendet, nicht notwendi­gerweise an Raum und Zeit und auch nicht an Verhältnisse gebunden.

Nun könnten wir fragen, wie es zuging, daß diese Familie ihre Fülle doch verlor, daß die Vollen doch leer wurden, obgleich sie sich der Hungersnot, die von Gott über das Land kam, entzogen hatten. Wer hatte sie dort in der Fremde wohl leergemacht? Wer ist dort wohl in einer Weise mit ihnen umgegangen, daß sie in Moab gewiß gründ­licher entleert wurden, als es vielleicht geschehen wäre, wenn sie mit dem Volke Got­tes zusammen an ihrem Platz geblieben wären?

Ob wir es lernen, zu verstehen, wie leicht man Wege einschlagen kann, die sich als völlig gottwidrig ausweisen können, weil man meint, man müßte sich nicht von seinem Gott richten lassen, es wäre dazu keine Ursache, kein Grund; man brauchte nur eigene Wege zu gehen, dann könnte Gott ja die mit Hungersnot plagen, die so dumm sind und zu Hause bleiben. Die Geschichte sagt uns also, daß es ohne gründliches

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Gericht Gottes keinen für die Gnade Gottes zubereiteten Herzensboden gibt. Wer die Gnade Gottes so erfahren will, daß er Gott nach seinem Willen und seiner Ordnung dienen kann, der muß dem Gericht Gottes stille halten, der muß zu Hause bleiben beim Volk Got­tes, im Hause Gottes, in der Ordnung seines Gottes, die er aufgerichtet hat. Und wenn sich Gottes Umgang mit seinem Volk im Gericht und der Gnade noch so häufig verändert, wer Gott nicht stille hält, der beweist, daß er die Weisheit Gottes im Umgang mit seinem Volke und seinen Kindern verachtet und sich für klüger und schlauer hält als Gott. Er bildet sich ein, er handle richtiger und besser zu seiner Selbsterhaltung, als Gott mit seinen Auser­wählten umgeht, der ja zuerst in seinem Hause sein Brot gibt und mit Fülle sättigt, sie dann aber zu anderen Zeiten erzieht durch Gericht, durch Hungersnot und ähnliche Gerichte, die die bisherige Fülle verschlingen. Wer soll sich ein solches Walten Gottes gefallen lassen, wenn es noch Auswege gibt!? Man kann doch fortziehen in ein Gefilde, wo man seiner Meinung nach seine Fülle erhalten kann. Man bedenkt aber nicht, daß dort Feinde des Volkes Gottes regieren; und wenn Kinder Gottes erwarten, daß diese ihnen die von Gott erlangte Fülle lassen, ja, daß sie unter der Fremdherrschaft diese Fülle schließlich noch vermehren können, dann stellt es sich eines Tages heraus, daß man unter der feindlichen Herrschaft in diesem fremden Lande nicht nur die materielle Fülle einbüßt, sondern daß man sogar sein Leben einbüßt, daß nicht nur der von Gott bekommene Besitz verloren­geht, sondern die Menschen selbst, die sich nicht in ganzer Treue zu Gott gestellt haben, sterben und begraben werden müssen.

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Diesen Ernst lehrt uns die Geschichte dieses Mannes Elimelech, der zur Zeit der Hungersnot, als Gott richtend mit seinem Volk umging, seinen Gott, sein Volk und sein Haus verließ, so daß die liebliche Naemi in eine betrübte Mara umgewandelt wurde und nur noch das Gericht Gottes bezeugen konnte, das über sie so gründlich erging, daß sie nicht nur aus dem Vollen ins Leere gesetzt, sondern durch den Allmächtigen auch tief gedemütigt und betrübt wurde.

Nun können wir uns darüber klar werden, was wir Kinder Gottes aus diesem Bericht und aus diesen Erfahrungen für die Zeit, in der wir von Gott ähnliche Wege geführt werden, lernen wollen.

 

4. Der in der Erziehungsschule Gottes erlangte neue
Name Naemis

Naemi, das Weib Elimelechs, lehrt uns, auf eine göttliche Ordnung zu achten, die wir heute nicht mehr so kennen, wie sie uns in diesem Bericht entgegentritt. Es braucht immer einige Zeit, bis ein Menschenkind klar sehen kann, bis ihm die Augen geöffnet sind, so daß es das, was es sagt, als göttliche Ordnung bezeugt. Als Naemi nach zehn Jahren aus der Fremde wieder in ihre Heimat zurückgekehrt war, hatte sie die Kunst gelernt, alles im göttlichen Lichte zu sehen. In ihrer Vaterstadt Betlehem war bei ihrer Ankunft mit ihrer Begleiterin, der Moabiterin Ruth, eine Bewegung entstanden.

„Ist das die Naemi?“,

ging die Frage von Mund zu Mund. Zehn Jahre Hungersnot im Lande bewirkten allerlei im Volk. Auch in Betlehem haben die Leute in den zehn Jahren göttlichen Gerichts gewiß ihre schweren züchtigenden, reinigenden Schulen durchmachen müssen. Plötzlich tritt nun eine, die die ganze Zeit ihr Los nicht mit

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ihnen teilen mußte, die ihnen nun als Fremdling erschien, weil sie zehn Jahre in der Fremde war, in ihre Mitte. „Ist das die Naemi?“ fragen sie. Sie selbst fragt nach niemand. Es war ja ihre Vaterstadt, dort wohnten ihre Verwandten und Bekannten. Was sollte man auch bei solcher Rückkehr für näherliegend halten, als Antrittsbesuche zu machen, in Eile von einem zum andern die Runde zu machen, da man sie so lange nicht mehr gesehen hat. Nichts von alledem hören wir von Naemi; etwas ganz anderes wird berichtet. Bei ihr ist eine Wandlung vorgegangen. Als die alte, ihnen aus früherer Zeit noch in Erinnerung ste­hende Naemi sucht man sie wiederzuerkennen, aber als eine Veränderte, nicht mehr Naemi, die Liebliche, sondern als Mara, die Betrübte, will sie erkannt und begrüßt werden. Man hat sie in alter Zeit nur als die Freudige, die Liebliche gekannt, und nun will sie nicht mehr Naemi heißen, vielmehr hat sie in den zehn Jahren ihrer Abwesenheit einen neuen Namen bekommen. Gott hat ihr einen neuen Namen gegeben, von dem Allmächtigen hat sie ihn bekommen, sie hat ihn nicht selbst gesucht, ihn begehrt, ihn sich nicht zugelegt. Es ist kein Ordensname, den sie etwa als Verdienst irgendwelcher Ruhmestaten von den Moabitern geholt hätte. Naemi kommt nicht nach Hause, um verdienten Ruhm ihres Man­nes oder ihrer Kinder zur Schau zu tragen. Was sie heimzubringen hat, ist viel wertvoller, was sie zeigen kann ist in der Schule ihres Gottes erworben. Sie ist nun das, was ihr Gott aus ihr gemacht hat. Er hat sie geformt, gebildet und gestaltet, von ihm kann sie reden.

„Nennt mich Mara (die Betrübte); denn der Allmächtige hat mich sehr betrübt!“ (Ruth 1,20)

So lehrt uns Naemi in das Geheimnis unseres größten

Seite14 Titels, den wir haben, hineinzuschauen. Der höchste Titel des Kindes Gottes ist sein Name. Wie leichtfertig und oberflächlich, oder wie ruhm- und ehrsüchtig tragen wir ihn mei­stens zur Schau! Wie schnell sind wir beleidigt, wenn unser Name angetastet wird, und wie wenig Wert legen wir andererseits auf diesen Namen in unserer Stellung zu unserem Gott. Wie leicht können wir, wie Elimelech um des Eigennutzes, um der Selbstsucht willen, unsern  Namen von Gott weg in die Ferne tragen! Hat er etwa gedacht, als er mit seinem Weibe Naemi, der Lieblichen, auszog, das Glück könne nicht von ihm weichen, weil er eine solche Lebensgefährtin zur Seite hatte? Hat er gedacht, daß ihre Lieblichkeit ihm Garantie dafür sein müsse, daß er der über das Volk Gottes gekommenen Hungersnot entfliehen könne, so daß überall, wo er mit seinem Weibe Naemi sich aufhalten würde, ihm das Glück hold sein müsse? Er hätte daran denken müssen, daß sein Name Elimelech, „Gott ist mein König“ besagte, daß er seinem Namen nur im Dienste seines Königs an seinem Platz im Volke Gottes, in seinem Dienste gerecht werden könnte. Daß ihn nicht sein Gott und König vom Volke Gottes weg nach Moab sandte, sondern daß er eigene Wege ging, das hat er scheinbar nicht bedacht.

 

„Voll zog ich aus“,

sagte Mara.

„Aber leer hat mich der Herr wieder heimgebracht.“

Voll war diese Familie im Volke Gottes, war dieser Mann seines Hauses, dem man nach seinem Namen Elimelech von Mutterleibe an seinen Gott zum König gesetzt hatte. Voll war sein Haus mit der lieblichen Lebensgefährtin. Voll waren sie mit ihren zwei Söhnen: einem Machlon (Pfeifer), - vielleicht dem Erstgeborenen,

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wenn wir das so annehmen dürfen, weil sein Name zuerst steht, - die Freude der jungen Ehe des Elimelech, des „Gott ist König“ und der Naemi, der Lieblichen. Der „Pfeifer“ sollte ihr Glück durch Töne, die ihnen aus dem Gesang ihrer Psalmen bekannt waren, erhöhen. Den Jüngeren nannten sie Kiljon, d.i. „Vollkommen“, „Vollender“, weil sie sich sagten, daß nun ihrem Glück nichts mehr fehle, daß das, was ihr Gott ihnen gab, sie für alle Zeit voll­kommen befriedigen werde. So waren sie nach allen Seiten hin betrachtet, voll in Betle­hem, dem Brothaus ihres Gottes. Ein wunderbares Bild eines Hauses im Volke Gottes: Der Mann hat Gott zum König, zur Seite eine liebliche Gattin, einen mit Freudentönen das Familienleben erquickenden Sohn und dann noch Vollkommenheit durch einen zweiten Sohn, in dem sie die Vollendung ihres Familienglückes im Brothaus ihres Gottes sahen.

Voll war dieses Haus, voll zogen sie aus. Und warum zogen sie aus? Weil sich ihr Glück, ihre Fülle nicht mit der Hungersnot im Volke Gottes vereinbaren ließ, weil sie es nicht einsehen konnten, daß es für sie je etwas anderes geben könnte als in jeder Beziehung die Fülle. So zogen sie nach Moab. Zehn Jahre waren sie dort, zwei moabi­tische Schwiegertöchter vermehrten die Familie, und wie wir aus dem Zeugnis Naemis hören, brachten sie nicht Unglück ins Haus. Was konnte die Ursache davon sein, daß die erste Nachricht aus dem Gefilde Moab lautet:

„Elimelech aber, Naemis Mann, starb, und sie blieb übrig mit ihren beiden Söh­nen.“ (Ruth 1,3)

Bestimmt waren die Leute nicht alt, sonst hätten die zwei Söhne schon vor ihrem Auszug aus Juda nach Moab verheiratet sein können. Es ist nicht gesagt,

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daß Elimelech im hohen Alter gestorben ist; noch weniger ist gesagt, daß etwa die beiden Söhne infolge ihres Alters gestorben wären. Es heißt nur:

„Sie wohnten daselbst bei zehn Jahren. Darnach starben auch sie beide, Machlon und Kiljon …“ (Ruth 1,4-5)

Naemi legt Zeugnis darüber ab, daß die Hand Gottes gegen sie ausgestreckt sei und daß der Allmächtige sie sehr betrübt habe. Darum wollte sie nicht mehr Naemi, sondern Mara genannt sein. Die Fülle, in der sie ausgezogen waren, war dahin.

„Leer hat mich der Herr wieder heimgebracht!“ (Ruth 1,21),

lautet ihr Zeugnis, nachdem ihr Mann und ihre beiden Söhne in Moabs Gefilden gestorben waren. Der schöne Name: „Gott ist König“, der Name Machlon = Pfeifer, Freude des Hau­ses, der Name Kiljon = vollkommen, vollendet, alles, was im Hause gewesen war, war nun erloschen. Und dennoch hören wir von Naemi, daß die Betrübnis, die jetzt ihr Name, ihr Los, ihr Teil geworden war, ihr vom Allmächtigen gegeben worden ist. So hatte der Herr sie heimgebracht. Nichts von dem, was sie voll mitgenommen hatte, brachte sie zurück. Ihr Mann Elimelech war nicht mehr, ihre Söhne an ihrer Seite begleiteten sie auch nicht mehr. Und Orpa und Ruth, ihre beiden Schwiegertöchter, begleiteten sie ein Stück des Weges, als sie gehört hatten, daß der Herr seinem Volke wieder Brot gegeben hatte. Auf dieses Brot aus der Hand ihres Gottes wollte die Familie Elimelechs damals zu Hause, vereint mit dem Volke Gottes, nicht warten; die Schule der Hungersnot im Lande des Volkes Gottes wollten sie nicht durchkosten. Sie wollten aus ihrer Fülle leben, darum zogen sie, als die Hungers­not drohte, vom Volke Gottes weg nach Moab. Als in der Ferne die ganze

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Fülle aufgezehrt war und nach zehn Jahren dort nichts mehr übrig war, da richtete sich der Blick Naemis, vom Allmächtigen zubereitet, betrübt im Blick auf das Verlorene, in der Ferne wieder dahin, wo sie zehn Jahre früher in der Fülle ausgezogen waren. Die Nachricht, daß der Herr sein Volk heimgesucht und ihnen Brot gegeben habe, konnte sie von ihrer gemachten Erfahrung nur noch überzeugen, daß sie voll ausgezogen war und daß der Herr sie leer gemacht hatte. Das Volk Gottes kam im eigenen Lande in die Hungersnot hinein, es mußte seinem Gott stille halten - was Gott dadurch mit seinem Volk erreicht hat, ist uns nicht gesagt. Wie Naemi nach Neuem auszuschauen, hatten die Bewohner Betle­hems scheinbar nicht gelernt. Daß eine andere heimkam als die, die zehn Jahre früher auszog, das erwarteten sie nicht. Sie kannten sie nur als Naemi, als die Liebliche. Daß die zehn Jahre eine Veränderung gewirkt hatten, daß sie eine „Mara“, eine „Betrübte“ aus der „Lieblichen“ gemacht hatten, das konnte niemand in Betlehem sehen, oder wenigstens niemand beurteilen. Aber Naemi hatte umgelernt, nachdem Gott sie in die Schule geführt und sie vom Boden ihrer Fülle in die Leere gebracht hatte. Sie war bereit, wieder heimzu­kehren zum Volke Gottes ohne ihren Mann Elimelech, den „Gott ist König“, zur Seite, ohne ihre eigene Lieblichkeit als Ergötzung ihres Landes, ohne ihren Machlon, der ihren Weg mit Pfeifen erfreut hatte, auch ohne ihren Sohn Kiljon, der Vollkommenheit und Vollendung zu bringen bestimmt war. Auf die Fülle zu schauen, hatte sie verlernt; aber etwas hatte sie dabei gelernt: sie wußte, was der Allmächtige in dieser Zeit getan hatte, sie wußte, daß die durchlebte Schule die Hand des Allmächtigen war.

Nachdem Gott der Herr sein Volk heimgesucht und

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ihnen wieder Brot gegeben hatte, hören wir von keinem, der die Hungersnot im Lande durchgemacht hatte, ein solches Zeugnis. Ihnen allen war es scheinbar selbstverständlich, daß sie nach langem Hungern auch wieder einmal Brot bekommen mußten, sie waren ja im Brothaus, in Betlehem.

Gottes Wege sind wunderbare Wege. Als das Volk Israel für siebenzig Jahre in die Babylonische Gefangenschaft geführt wurde, wurde dem Propheten im Gesichte gezeigt, daß der Teil des Volkes, der zu Hause gelassen wurde, schlechte Feigen waren. Aber der Teil des Volkes, den Gott in die Gefangenschaft nach Babel führte, der seine Notzeit in der Gefangenschaft unter fremdem Volke durchkosten mußte, das waren die guten Feigen (Jer.24,1-8; 29,17). An ihnen führte Gott seinen Willen, seinen Ratschluß, seine Gedanken hinaus.

So sehen wir es auch hier. Die zu Hause geblieben waren, hatten sich scheinbar der Macht der Gewohnheit ergeben, sie hatten sich ans Hungern gewöhnt und wie­derum ans Nehmen aus Gottes Hand, ohne zu sehen, daß die Hungersnot zu einem bestimmten Zweck von Gott gesandt war, und daß er zu seiner Zeit auch wieder sei­nem Volke Brot gab. Als aber Naemi zehn Jahre in der Fremde gewesen und aus der „Lieblichen“ eine „Betrübte“ geworden war, als ihr der Mann und ihre beiden Söhne von ihrer Seite genommen waren und sie mit zwei aus fremdem Volke stammenden Schwiegertöchtern allein im fremden Lande war, da hatte sie gelernt, daß es doch nicht wahre Fülle ist, was man um sich hat. Und wenn im Namen des Mannes und der Kin­der das ausgedrückt ist, was die Familie in ihrer Fülle darstellte, so hat Naemi gelernt, daß die Stellung zu Gott und die persönliche Verbindung mit Gott doch noch

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auf einem andern Grunde ruhen muß, daß es sogar in der Betrübnis ein Glück gibt, das aber nur solche kennen, die von Gott dazu zubereitet worden sind, die auch wissen, was die Hand des Allmächtigen gemacht hat. Nur wenn man weiß, daß der Allmächtige das, worauf man sich stützte, was man erhalten wollte, was man als sein ganzes Glück ansah, weggenommen hat, dann wird der Weg frei, so daß man den Blick auf Gott selbst richten kann. Dann hängt man nicht mehr an Mitteldingen, an Zwischensachen, auch nicht mehr am Familienhaupt Elimelech, dann sind die Kinder im Hause nicht mehr Hoffnungsstrahlen, in denen man seine Wonne, sein Glück sieht. Der Mensch rechnet dann nur noch mit Gott, der sich seine Kinder zurüstet, der sie zubereitet, daß sie nur auf ihn blicken, wenn er das, was sie nun wirklich brauchen, darreicht, nämlich Brot für sein Haus. Aber während die einen das Brot als etwas Selbstverständliches nehmen, wissen die andern, die aus der Ferne heimgekehrt sind, daß sie nur um des wahren Brotes willen, das Gott seinem Volke gegeben hat, gekommen sind. Und nichts anderes bewegt solche Menschen zur Umkehr als das Verlangen nach dem Brote Gottes. Auch die „Betrübte“ hat nichts anderes bewo­gen als die Überzeugung, daß Gott sein Volk wieder mit Lebensbrot heimgesucht hatte. Trotz zehnjähriger Abwesenheit, in der Gott ihre Fülle weggenommen hatte, wußte sie doch und jetzt erst recht, daß sie zum Volke Gottes gehörte, daß sie berechtigt war, heim­zukehren, wo es Brot fürs Volk Gottes gab. Wenn sie jetzt auch nicht mehr „voll“ war wie zu der Zeit, da sie auszog, so wußte sie doch, daß, wenn sie heimkäme, der Herr sie heim­bringen würde zum Brote ihres Gottes, nicht mehr „voll“, sondern „leer“. So müssen Schu­len durchgemacht werden, bis man

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lernt, sich in der Hand seines Gottes zu wissen, und, geübt durch seine Wege und sein Walten, ihn zu verstehen, bis man mit Asaph sprechen kann:

„Schwinden mir auch Leib und Geist dahin, so bleibt doch Gott ewiglich meines Herzens Fels und mein Anteil.“ (Ps.73,26)

Das heißt mit anderen Worten: Wenn alles vergangen, wenn die ganze Fülle dahin ist, so hat das nichts zu bedeuten, wenn ich nur das Lebensbrot von meinem Gott habe. - Das brachte Naemi zum Ausdruck. Sie wollte von nichts abhängig sein, als sie leer von ihrem Herrn nach Hause gebracht worden war als nur von diesem Brot ihres Gottes. Daß sie aber auch zubereitet war, es aus ihres Gottes Hand zu nehmen, das sagt uns der weitere Bericht.

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