Weg zur Wahrheit

Röm. 4,7 «Selig sind die, welchen die Übertretungen vergeben und deren Sünden zugedeckt sind;  8 selig ist der Mann, welchem der Herr die Sünde nicht zurechnet!»

Joh. E. Keller 

Bibliothek Weg zur WahrheitSeite 7  Seite 19

Buch  

 

Das Hohelied  

„Lasset uns fröhlich sein und frohlocken und ihm die Ehre geben! Denn die Hochzeit des Lammes ist gekommen und sein Weib hat sich bereitet. Und ihr wurde gegeben, sich zu kleiden in feine Leinwand, rein und glänzend; denn die Leinwand ist die Gerechtigkeit der Heiligen." (Offb.19,7-8)

 

Das Hohelied weist auf die Zubereitung der Braut für die Hochzeit mit dem Lamme und auf die Hochzeit hin 

„Der König hat mich in seine Gemächer gebracht …“ (Hld.1,4)

Im Worte Gottes sind uns viele Ordnungen gegeben. Eine bestimmte Ordnung zeigt, in welchem Verhältnis Kinder Gottes zu Jesu Christo und der durch ihn für sie zustande gekommenen Rettung stehen sollen. Dieses Verhältnis der Kinder Gottes zu ihrer Rettung kommt in der ganzen Darstellung des Wortes nach mancher Seite hin zum Ausdruck.

Im letzten Kapitel der Offenbarung stehen die Worte:

„Ich, Jesus, habe meinen Engel gesandt, euch solches vor den Gemeinden zu bezeugen. Ich bin die Wurzel und der Sproß Davids, der glänzende Morgenstern. Und der Geist und die Braut sprechen: Komm! Und wer es hört, der spreche: Komm! Und wen dürstet, der komme; und wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst.“ (Offb.22,16-17)

In diesem Zeugnis am Ende der Offenbarung ist der Abschluß des göttlichen Willens und Ratschlusses über das Verhältnis der Kinder Gottes zu ihrer Rettung gezeigt.

Den Abschluß des Verhältnisses, in dem das Kind Gottes zu seiner Rettung steht, zeigt uns Gottes Wort in der Ordnung von

Seite 8

Bräutigam und Braut. Diese Ordnung findet ihre volle Darstellung in der Hochzeit des Lammes.

Die Hochzeit des Lammes ist das Endziel der Wege Gottes mit seiner Gemeinde.

In dieser Hochzeit des Lammes mit der Braut erfüllt sich der Wille und Heilsrat­schluß Gottes in der Erfahrung des Kindes Gottes.

Das Verhältnis, das zwischen dem Kinde Gottes und der Hochzeit des Lammes besteht, muß darin gesehen werden, daß sich der ganze Wille und Ratschluß Gottes erfüllt, wenn das Kind Gottes seine Erfahrungen auf diese Hochzeit des Lammes hin durchlebt.

So gesehen, wird es in der Stellung des Kindes Gottes während seiner ganzen Wachstumszeit offenbar, wie weit es noch von dem Abschluß, d.i. von dem Ziel des göttlichen Willens, von der Hochzeit des Lammes, entfernt ist, oder wie nahe es dieser Erfahrung gekommen ist.

Je näher das Kind Gottes dieser Verwirklichung des Ratschlusses Gottes kommt, um so klarer und bestimmter gestaltet sich die Innigkeit in seinem Verhältnis zu dem, wie in der Hochzeit des Lammes der Wille und Ratschluß Gottes erfüllt wird. Das Innigste in der Erfahrung des Kindes Gottes ist die Hochzeit des Lammes. Diese Erfahrung ist die Vollkommenheit; sie ist der Ausdruck der gottgewollten Verbindung, wie sie zwischen Braut und Bräutigam dargestellt wird. Auf diese innige Verbindung hin sagt der Herr:

„Ich bin die Wurzel und der Sproß Davids, der glänzende Morgenstern.“

Und daraufhin sprechen der Geist und die Braut:

Komm!“

Das Hohelied stammt von dem König Salomo. Er ergab sein Herz, mit Weisheit zu erfragen und zu erforschen alles, was unter

Seite 9

dem Himmel geschieht (Pred.1,13). Das von ihm verfaßte Lied der Lieder redet von der Hochzeit, dem Tag der Freude seines Herzens (Hld.3,11). Diese Freude bereitet die Braut dem Bräutigam am Hochzeitstag. Wie es zu dieser hochzeitlichen Verbindung des Bräutigams mit der Braut kommt, das zeigt der König Salomo in geheimnisvoller Weise in seinem Lied.

_________________  

Seite 10  

Jesus, das Haupt der Gemeinde, seines Leibes

„Zieh mich nach dir, so laufen wir!“ (Hld.1,4)

Die Hochzeit des Lammes ist die Erfüllung des Ratschlusses Gottes. Das Wesen der Hochzeit wird verstanden im Zusammenhang mit dem klaren Zeugnis der Apostel über die Erfüllung des göttlichen Ratschlusses, wie es der Gemeinde übermittelt wurde.

Im Brief an die Epheser erklärt Paulus, was nach dem Willen Gottes zustande kommen muß. Er schreibt:

„Welches da sei die überwältigende Größe seiner Macht an uns, die wir glauben, nach der Wirkung der Kraft seiner Stärke, welche er wirksam gemacht hat in Chri­sto, da er ihn von den Toten auferweckte und ihn setzte zu seiner Rechten in den Himmeln, hoch über jedes Fürstentum, Gewalt, Macht und Herrschaft und jeden Namen, der genannt wird nicht allein in diesem Zeitlauf, sondern auch in dem zukünftigen - und wobei er alles unter seine Füße tat und ihn gab der Gemeinde zum Haupt über alles, welche da ist sein Leib, die Fülle dessen, der alles in allem erfüllt.“ (Eph.1,19-22)

Nachdem Christus von den Toten auferweckt worden ist, ist er in den Himmel ein­gegangen, um vor dem Angesichte Gottes zu erscheinen für uns (Hebr.9,24). Er sitzt zur Rechten Gottes als Hoherpriester (Hebr.8,1; 1.Petr.3,22) und vertritt seither die Kinder Gottes den Anklagen Satans gegenüber, die dieser Tag und Nacht vor Gott bringt (Röm.8,34; Offb.12,10).

Seite 11

Der Verkläger der Brüder, der Teufel, hat die Macht des Todes; aber Jesus hat dem Tod die Macht genommen und Leben und unvergängliches Wesen ans Licht gebracht (2.Tim.1,9-10). Indem er am Kreuz gestorben ist, hat er den Teufel, der des Todes Gewalt hat, vernichtet (Hebr.2,14). Nach 1.Joh.3,8 hat er die Werke des Teufels zerstört und dadurch einen Triumph aus ihnen gemacht (Eph.1,21; Kol.2,15). Wenn man an Jesus glaubt, muß man an das glauben, was die Schrift von ihm sagt. Er ist

das Haupt der Gemeinde, seines Leibes,

der Eckstein des Hauses Gottes (Eph.2,20; 1.Petr.2,4; 1.Kor.3,11).

Nach dem Maß der vollen Größe Christi muß auch der Leib Christi erbaut werden. Der Ratschluß Gottes wird erfüllt

in der Gemeinde,

im Leibe Christi,

im Hause Gottes.

Die Gemeinde Gottes muß durch den Leib Christi das Haus Gottes werden, das die Fülle dessen ist, der alles in allem erfüllt (Eph.1,22).

„In ihm (Christus) wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig.“

Von den Gliedern des Leibes heißt es:

„Und ihr seid erfüllt in ihm.“ (Kol.2,9-10)

Durch die Erbauung des Leibes Christi muß zustande kommen:

Die Einheit des Glaubens,

die Erkenntnis des Sohnes Gottes und

der vollkommene Mann nach dem Maße der

vollen Größe Christi.

Die volle Größe Christi ist das, was Christus als den vollendeten Willen und Ratschluß Gottes darstellt, indem er am Kreuz

Seite 12

starb, begraben wurde und von Gott aus den Toten auferweckt worden ist.

Das sind die drei Pfeiler der von den Aposteln im Wort Gottes niedergelegten Wahrheit. Paulus zeigt sie in 1.Kor.15,3-4 mit den Worten:

„Ich habe euch als Vornehmstes das überliefert, was ich auch empfangen habe, nämlich, daß Christus gestorben ist für unsere Sünden nach der Schrift, und daß er begraben und daß er auferstanden ist am dritten Tage nach der Schrift.“

So wie es einerseits eine „volle Größe Christi” gibt, so gibt es andererseits auch Entwicklungsstufen, die noch nicht „seine volle Größe“ darstellen. Es gibt Anfangs­gründe des Wortes Gottes. Kinder Gottes, die der Zeit nach Lehrer sein könnten, haben nötig, daß man sie gewisse Anfangsgründe der Worte Gottes lehre, sie sind der Milch bedürftig und nicht fester Speise (Hebr.5,12). Sie kennen die „volle Größe Christi” nicht. Dazu ist eine gewisse Reife in der Erkenntnis dessen, was Christus vollbracht hat, erforderlich. Etwas Vollkommeneres als die volle Größe Christi gibt es nicht. Es ist die Vollkommenheit des Ratschlusses Gottes, der in dem Dienst des Hohenprie­sters zur Rechten Gottes bezeugt wird.

Jesus Christus ist zur Rechten Gottes in dem Menschenleib, der am Kreuze starb, begraben und auferweckt wurde von den Toten. Er hat den sterblichen Leib an das Kreuz getragen, und der von den Toten auferweckte Leib ist unsterblich. Jesus trägt durch seine Auferweckung von den Toten nicht mehr den Leib der Sterblichkeit, wie wir ihn tragen, sondern den unsterblichen Leib.

Die volle Größe Christi besteht darin, daß sein Leib in die Unsterblichkeit umge­wandelt worden ist. Zu dieser Größe des

Seite 13

Christus sollen die Glieder des Leibes Christi heranreifen. Dann sind sie die Fülle dessen, der alles in allem erfüllt. Wenn der Leib Christi die volle Größe des Christus erreicht hat, dann sind die Glieder, an denen sie offenbar wird,

das Haus Gottes,

die Hütte Gottes

geworden. Kommt die Hütte Gottes vom Himmel hernieder auf die Erde, dann wohnt Gott in dieser Hütte bei seinem Volk, und das Kennzeichen davon ist, daß der Tod nicht mehr ist. Dann hören auch Leid, Geschrei und Schmerz auf; das Erste ist dann vergangen (Offb.21,2-4).

__________________ 

Seite 14

Das Hohelied beleuchtet das Einswerden von Haupt und Gliedern

„Solange der König an seiner Tafel war, gab meine Narde ihren Geruch.” (Hld.1,12)

Das Hohelied zeigt, wie das Haupt und die Glieder des Leibes Christi eins werden. Darum ist in diesem Zeugnis die Rede von dem Freund und der Freundin, die die Braut wird. Aus dem gleichen Grund ist auch auf die Narde hingewiesen, die ihren Geruch gibt, solange der König an seiner Tafel ist, d. h. solange die wahre Verbindung zwischen dem König und dem Kinde Gottes besteht. In Offb.21,9 ist die Braut das Weib und die Braut des Lammes genannt. Nach Offb.19,6-8 wird diesem Weibe gege­ben, sich zu kleiden in feine Leinwand, rein und glänzend. Die Leinwand ist die Gerechtigkeit der Heiligen. Die Braut wird von ihrem Haupte Jesus Christus in seinem Leibe dargestellt.

Im Hohenlied ist unterschieden zwischen der Braut, wie sie zur Vollendung heran­reift, und den Töchtern Jerusalems, die die Ordnung der Vollendung nicht kennen. Derselbe Unterschied besteht zwischen dem Haupt Jesus Christus und den Gliedern seines Leibes. Die Haupt-Stellung weist die volle Größe, die Unsterblichkeit auf, wäh­rend die Glieder seines Leibes in ihrer Entwicklungszeit sterblich sind. Die Haupt-Stellung in der Unsterblichkeit hat bis heute  - außer den Trankopfern, die die Unver­weslichkeit erlangt haben -  noch kein Glied des Leibes erlangt.

Seite 15

Soll der Unterschied zwischen dem Haupt Jesus Christus und den Gliedern seines Leibes immer bestehen bleiben, so daß er unsterblich ist und sie sterben müssen? Solange die Glieder seines Leibes sterben, sind sie nicht völlig mit dem Haupt ver­bunden. Ist die Verbindung eines Gliedes mit dem Haupt vollkommen, dann wird die Unsterblichkeit auch im Glied offenbar; denn die Fülle dessen, der alles in allem erfüllt, ist der ganze Leib und nicht das Haupt allein. Es ist nicht nur vom Haupt allein gesagt, daß die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig in ihm wohnt, sondern auch von den Gliedern steht geschrieben:

„Und ihr seid erfüllt in ihm.“ (Kol.2,9-10)

Einmal wird es dahin kommen, daß die Braut aus den Gliedern heraus eine solche Stellung einnimmt, wie sie das Haupt selbst hat. Nicht alle Glieder reifen zu dieser Vollkommenheit heran, aber die Braut, die von den übrigen Kindern Gottes als die Schwarze angesehen worden ist, kommt aus den Gliedern heraus und gelangt zur Haupt-Stellung. Sie sagt selbst:

„Schwarz bin ich und lieblich.“ (Hld.1,5)

Gerade, weil sie schwarz ist, hat sie ihr Freund lieblich gemacht. Der Wille Gottes muß so offenbar werden, wie es geschrieben steht. Es kommt nur darauf an, wer daran mitarbeiten will, damit der Wille und Ratschluß Gottes zustande kommt. Die, die daran mitarbeiten, daß der ganze Ratschluß Gottes an ihnen offenbar werden kann, werden die Braut für den Bräutigam. Die andern sind töricht. Die Tür zur Hochzeit wird verschlossen, und wenn die törichten Jungfrauen kommen, ist es zu spät (Matth.25,10-12; Offb.3,7-8). Es gilt dafür zu sorgen, daß das erreicht wird, was erreicht werden muß. Wer es unterläßt, versäumt in seinem Leben die Hauptsache.

_________________

Seite 16   

Scheidung unter den Gliedern des Leibes Christi

„Er küsse mich mit seines Mundes Küssen!“ (Hld.1,2)

Das, was zu diesem Verlangen führt, ist im Nachfolgenden erklärt, wenn das Kind Gottes von seiner Stellung bezeugen muß:

„Schwarz bin ich.“ (Hld.1,5)

Es muß bekennen:

„Seht mich nicht an, weil ich so schwärzlich bin, weil die Sonne mich verbrannt hat.“ (Hld.1,6)

Wie es in diesen Zustand hineinkam, ist in den folgenden Worten erklärt:

„Meiner Mutter Söhne zürnten mir, sie setzten mich zur Hüterin der Weinberge; meinen eigenen Weinberg hütete ich nicht!“ (Hld.1,6)

Aus dieser Verbindung des Kindes Gottes mit den Töchtern Jerusalems und den Muttersöhnen ergibt sich das Bekenntnis:

„Schwarz bin ich.“

Es ist von seiner Mutter Söhnen zur Hüterin der Weinberge eingesetzt worden. Durch die Weinbergsarbeit, durch die erlangte Erkenntnis und die mühevolle Arbeit, sowie durch das Tragen der Hitze des Tages (vgl.Matth.20,12), wird das Kind Gottes von der Sonne verbrannt. Das ist ein Zustand, in dem es unter den Töchtern Jerusalems so auffällt, daß sich eine Scheidung vollziehen muß.

Seite 17

Die Schwarze kommt zu der Erkenntnis:

„ … meinen eigenen Weinberg hütete ich nicht.“ (Hld.1,6)

Sie ist als Hüterin der Weinberge untauglich; bei aller Arbeit hat sie die Hauptsache versäumt. Das, was zuerst sein sollte, ist ganz unterblieben. Das Kind Gottes hat sich zerarbeitet in der Menge seiner Wege (Jes.57,10). Das ist das Ergebnis davon, daß es die Söhne seiner Mutter zufriedenstellen wollte. Es wollte ihnen in rechter Treue in ihrer Arbeit und ihrem Dienst zur Seite stehen. Es wollte ihnen möglichst noch jegliche Last abnehmen und das Bestmögliche ausrichten. Am Ende wird nach jeder Seite hin seine Untüchtigkeit offenbar; anstatt daß die Söhne der Mutter befriedigt sind, werden sie böse, ja sie zürnen. Dadurch ergibt sich aus der ganzen Weinbergsarbeit ein Berg von Mißverständnissen.

Auf diese Scheidung weist der Prophet Jesaja am Ende seines Buches hin mit den Worten:

„Höret des Herrn Wort, ihr, die ihr erzittert vor seinem Worte: Es höhnen eure Brüder, die euch hassen und verstoßen um meines Namens willen: ,Wird Jehova bald zu Ehren kommen, daß wir eure Freude sehen?’ Aber sie werden zuschan­den werden!“ (Jes.66,5)

Die Gemeinde spaltet sich in zwei Richtungen, die einen erzittern ob dem Wort Gottes, weil sie ihr eigenes Heil mit Furcht und Zittern schaffen wollen, und die andern verhöhnen und hassen diese treuen Kinder Gottes und verstoßen sie um ihrer ernsten Stellung willen, die sie zum Kommen des Herrn haben (Phil.2,12).

Diese Scheidung wirkt sich unter den Gliedern des Leibes Christi durch. Das wird uns die Betrachtung des Hohenliedes in Verbindung mit dem Lehrzeugnis der Apostel noch deutlich zeigen. Die einen bewegen sich in der ihnen bekannten Ordnung, die sie für die Glieder am Leibe Christi für maßgebend

Seite 18

halten; und in ihren Augen werden die andern fortgesetzt schwärzer, so schwarz, daß sie sagen:

„Seht mich nicht an, weil ich so schwärzlich bin, weil die Sonne mich verbrannt hat.“ (Hld.1,6)

Das ist zweifellos nicht allein der Ausdruck ihrer eigenen Überzeugung, sondern das Ergebnis davon, daß man ihnen dieses Urteil aufgedrängt hat. Dies führt zu einem bestimmten Wechsel, der von einem Teil der Glieder des Leibes Christi kaum erwartet wird. Diese Glieder haben sicher erwartet, daß die räudigen Schafe in ihrer Mitte zur Einsicht kommen, sich beugen, Buße tun und sich in ihre Ordnung einfügen lernen. Statt dessen vollzieht sich die eigenartige Wendung, daß die Schwarzen sich von ihrer Freundschaft freimachen, weil es ihnen zum Bewußtsein gekommen ist, daß es beides gibt: das Haupt und den Leib Christi. Das ist für diese Kinder Gottes die maßgebende Erkenntnis für ihre Weiterentwicklung. Aus dieser Einsicht ergibt es sich, daß einzelne Glieder dem Haupte näherkommen, während die andern in ihrer bisheri­gen falschen Stellung nur noch mehr befestigt werden. So erfolgt die Scheidung unter den Kindern Gottes. Die einen nehmen die Verbindung mit dem Haupt auf, die andern begnügen sich mit der Verbindung unter den Gliedern. Diese Scheidung führt aber vorerst zur Befriedigung nach beiden Seiten; denn die Glieder, die sich dem Haupte nähern, sind mit dieser Wandlung zufrieden, und die andern, denen sie bisher soviel Herzeleid und Kopfzerbrechen bereitet haben, sind mit dem Abstand, der sich zwi­schen ihnen herausgestaltet hat, auch einverstanden. So sind dann beide Seiten befriedigt. Das Seltsame dabei ist aber, daß gerade die Gläubigen, die sich für die wahren Glieder des Leibes Christi hielten, vom Haupte fernbleiben. Die Glieder unter ihnen, denen sie jegliche Fähigkeit abgesprochen haben, besinnen sich zuerst auf das Haupt des Leibes Christi.

_______________

Das Verlangen nach Gemeinschaft mit dem Haupt aufgrund göttlicher Bestimmung

„Tu mir doch kund, o du, den meine Seele liebt, wo du zur Weide gehst! Wo hältst du Mittags­rast?“ (Hld.1,7)

Das Streben nach dem Haupte ist nicht das Ergebnis der Länge der Zeit, in der Kinder Gottes Glieder am Leibe Christi sind. Das im einzelnen Glied am Leibe Christi zur Entfaltung und Ausgestaltung kommende Wesen ist vielmehr die göttliche Bestimmung vor Grundlegung der Welt (Eph.1,4; 2.Tim.1,9). Nach dieser Vorherbestim­mung hat Gott jedes einzelne Glied am Leibe so gesetzt, wie er gewollt hat. Das mußte Paulus aus dem Grunde aussprechen, weil sich unter den Gliedern des Leibes Christi eigenartige Erfahrungen ergaben. Er mußte schreiben:

„Der Leib ist nicht ein Glied, sondern viele. Wenn der Fuß spräche: Ich bin keine Hand, darum gehöre ich nicht zum Leibe; so gehört er deswegen nicht weniger dazu! Und wenn das Ohr spräche: Ich bin kein Auge, darum gehöre ich nicht zum Leibe; so gehört es deswegen nicht weniger dazu! Wäre der ganze Leib Auge, wo bliebe das Gehör? Wäre er ganz Ohr, wo bliebe der Geruch? Nun aber hat Gott die Glieder gesetzt, jedes einzelne derselben am Leibe so, wie er gewollt hat.“ (1.Kor.12,14-18)

Der Apostel zeigt, daß die Glieder, die Gott am Leibe Christi gesetzt hat, ihren Platz und die damit verbundene Tätigkeit erst

Seite 20

finden müssen. Das ist ein Gärungsprozeß, der sich unter den Gliedern am Leibe Christi vollzieht. Das ergibt sich aus den verschiedenen Dienstleistungen und Hand­reichungen der Glieder in der Erbauung des Leibes Christi. Paulus redet von den unehrenhaftesten Gliedern des Leibes, die bekleidet werden müssen, damit ihnen desto größere Ehre widerfährt. Weil sie dem Leibe Christi übel anstehen, sollen sie geschmückt werden. Andere, weniger unehrenhafte Glieder brauchen diesen Schmuck nicht (1.Kor.12,22-24). Nun ist dieser Gärungsprozeß dazu nötig, damit jedes Glied des Leibes Christi den von Gott bestimmten Platz kennenlernt und sich damit einverstanden erklärt. Es gibt mit der Zeit Glieder des Leibes, die mit Schwärze geschmückt werden. Der Prophet Jesaja erklärt:

„Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege; sondern so hoch der Himmel über der Erde ist, so viel höher sind meine Wege als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken.“ (Jes.55,8-9)

Der Zug nach dem Haupte wird bei denjenigen Kindern Gottes offenbar, die um ihrer Schwärze willen von den übrigen Gliedern des Leibes Christi in den Bann getan sind. Der Zug nach dem Haupt ist bei diesen Gliedern nichts Neues, er ist ihnen von Grund auf eigen, wie es auch das Wesen der anderen Glieder am Leibe Christi ist, daß sie den Zug zum Haupte nicht haben.

Lange Zeit sind die Glieder, die den Zug zum Haupte haben, der Meinung, daß die Glieder Christi, unter denen sie sich befinden, sie zum Haupte bringen müßten. Sie werden aber enttäuscht, weil sie unter ihnen je länger desto mehr vom Haupt entfernt werden. Es hat den Anschein, daß von allen Seiten alles

Seite 21

so zusammenwirkt, daß sie mit Gewalt schwarz werden müssen. Von Grund auf woll­ten sie nicht schwarz werden. Ihrer Meinung nach waren sie nicht von Gott dazu berufen, Schornsteinfeger-Arbeit im Hause Gottes zu machen. Sie wollen von Anfang an möglichst zur Rechten und zur Linken ihres Königs in seinem Reiche sitzen (Matth.20,21). Diese Sehnsucht trägt mit dazu bei, daß man sie mehr und mehr als Sonderlinge behandelt. Das Haupt mußte am Kreuz sterben, weil Jesus sich nach der Überzeugung der Obersten seines Volkes zum König machen wollte. Wer sich zum König machen will, ist wider den Kaiser (Joh.19,12). Das war ihre letzte Beweisführung; deshalb mußte Jesus sterben. Nun sind aber Glieder des Leibes Christi da, denen es auch nicht anders ergehen kann als dem Haupt. Der König muß geächtet werden. Es geht nach dem Wort:

„Er hatte keine Gestalt noch Pracht, daß wir ihn angeschaut, kein Aussehen, daß er uns wohlgefallen hätte. Verachtet und verlassen von den Menschen, ein Mann der Schmerzen und mit Krankheit vertraut, so verachtet war er, daß man das Angesicht vor ihm verbarg, und wir rechneten ihn für nichts.“ (Jes.53,2-3)

Das ist das abschließende Urteil für die Schwarzen. Sie müssen es lernen, anstatt nach dem menschlichen Urteil unter den Gliedern des Leibes Christi die göttliche Bestimmung zu erfahren, zuerst schwarz und mit der Zeit lieblich zu werden. Sie wer­den selbständig. Die göttliche Berufung rüstet sie zur Selbständigkeit aus. Um zu dem von Gott bestimmten Platz zu gelangen, muß das Kind Gottes selbständig werden. Die göttliche Bestimmung ist in geheimnisvoller Weise veranschaulicht durch den neuen Namen auf einem weißen Stein, der nur von dem verstanden werden kann, dem er gegeben wird (Offb.2,17). Seine göttliche Bestimmung kennt nur das Kind Got­tes selbst

Seite 22

und sonst niemand. Die göttliche und die menschliche Bestimmung sind die zwei Erfahrungsgebiete der Kinder Gottes. Die göttliche Bestimmung wirkt den Gehorsam in der Gotteskindschaft. Die menschliche Bestimmung bringt das Kind Gottes zu den übrigen Gliedern am Leibe Christi, und diese nehmen es in ihre Obhut. Es ist unter der göttlichen Bestimmung zur Kindschaft gekommen. Die sich verantwortlich fühlen­den Glieder am Leibe Christi maßen sich aber das Bestimmungsrecht über das Kind Gottes an, sobald es unter ihnen erscheint. Sie nehmen es auf und wollen über sein Leben bestimmen. Das dauert so lange, bis es unter ihnen schwarz geworden ist, und es ihm in ihrer Mitte nicht mehr gefällt. Es kommt dann in eine Krisiszeit hinein, indem die göttliche Bestimmung und die menschlichen Einflüsse miteinander in Konflikt geraten. Die göttliche Bestimmung drängt sich dem Kinde Gottes wieder ins Bewußt­sein, und die menschliche Bestimmung stellt sich hindernd in den Weg. Der Schwär­zeprozeß, den das Kind Gottes durchlebt, kommt ihm zu Hilfe. Nach der Seite der menschlichen Bestimmung werden die Bindungen aufgrund dieser Erfahrungen ge­lockert. Nach der Hauptseite hin stellt die Schwärze des Kindes Gottes kein Hindernis dar für die weitere Ausgestaltung der göttlichen Bestimmung. Es bildet sich sogar ein Freundschaftsverhältnis mit dem Haupte durch die Küsse seines Mundes, durch die Liebkosungen, die besser sind als Wein, durch die lieblich duftenden Salben und durch seinen Namen, der wie ausgegossenes Öl ist (Hld.1,2-3). Die Söhne der Mutter achten im besonderen darauf, daß der Unterschied zwischen dem zur Einsicht kom­menden Kinde Gottes und den Töchtern Jerusalems recht kraß zum Ausdruck kommt. Bis dahin ist es mit ihnen in der herzlichsten Familieneinheit gewesen, und was daran getadelt werden müßte, das

Seite 23

sollte immer wieder zum Besseren gewendet werden. Unter den Schossen in Gottes Weinberg sollte das beste Einvernehmen bestehen. Statt dessen häufen sich aber die Mißverständnisse; Ärger und gegenseitige Anklagen veranlassen das Kind Gottes zu sagen:

„Schwarz bin ich.“

Diese Erfahrungen führen zu der Einsicht:

„Nicht das Gute tue ich, das ich will, sondern das Böse, das ich nicht will, übe ich aus.“ (Röm.7,19)

„Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen aus diesem Todesleib?“ (Röm.7,24)

Alle ärgern sich an einem solchen Kinde Gottes, und es wird selbst immer mehr davon überzeugt, daß es „schwarz” ist. Wenn ein Glied des Leibes es noch nicht aus völliger Überzeugung sagen kann, so muß es doch aufgrund seiner Erfahrung bekennen, daß es als ein schwarzes Schaf angesehen wird. Es sagt dann selbst:

„Seht mich nicht an, weil ich so schwärzlich bin, weil die Sonne mich verbrannt hat!“ (Hld.1,6)

Deshalb trennt sich das Kind Gottes von der Familienzusammengehörigkeit der übri­gen Glieder des Leibes Christi. Es hat sich nun ein Abstand zwischen ihnen gebildet. Alle sind in der Weinbergsarbeit tüchtig, nur das schwarze Schaf ist untauglich. Es sagt:

„Tu’ mir doch kund, o du, den meine Seele liebt, wo du zur Weide gehst! Wo hältst du Mittagsrast?“ (Hld.1,7)

Im Kreise der Familiengemeinschaft der Töchter Zions wird es erst recht offenbar, was für ein herzliches Verlangen im Kinde Gottes schlummert, aufgrund der vor Grundle­gung der Welt erfolgten Berufung und Erwählung, in Christo heilig und tadellos zu sein vor Gott.

Seite 24

Im Anfang der Gotteskindschaft war diese göttliche Bestimmung noch ausge­prägter vorhanden; aber in der Familiengemeinschaft der Töchter Jerusalems, unter Aufsicht der Söhne der Mutter, hat sich das in der Tiefe wurzelnde innige Verlangen nach Gott in der Länge der Zeit wieder verloren. In der Zeit, in der die Söhne der Mutter die Weinbergsarbeit beaufsichtigen, geht der Blick für die göttliche Erwählung verloren. Aber gerade aus diesem Zusammenleben in der Weinbergsarbeit ergibt es sich, daß ein aufrichtig suchendes Gotteskind mit der Zeit wieder von den Menschen weg zu dem zurückgeleitet wird, was seine ursprüngliche Bestimmung ist. Das Zusammenarbeiten der Gläubigen bringt es mit sich, daß sie sich gegenseitig fremd werden. Sie müssen mit der Zeit einsehen, daß ihre verschiedene Gesinnung sie von­einander trennt. In ihrem Übereifer sehen sie in der Familiengemeinschaft bald nichts anderes mehr als den Weinberg des andern. Der eigene Weinberg wird dabei nicht gehütet. Der Weinberg des andern macht viel Arbeit, und zuletzt muß es eingesehen werden, daß man es keinem recht gemacht hat. Diese Erkenntnis ist heilsam.

Nun kümmert man sich um nichts anderes mehr als um sich selbst und seinen Weg. Man erinnert sich daran, einmal größere Sehnsucht nach seinem Heiland im Herzen getragen zu haben zu der Zeit, da man noch keinen Menschen in Gottes Weinberg kannte und nur den Heiland vor Augen hatte. Jetzt wird es dem Kinde Got­tes erst klar, daß es sich verirrt hat und auf Abwege gekommen ist. Es wollte zu sei­nem Gott und ist bei den Menschen stehengeblieben.

Natürlich wird es nicht gesehen, daß dies alles Stationen sind, die ein unmündiges Kind Gottes unter den Vormündern und Verwaltern durchlaufen muß. Es hat sich alles so ganz anders gestaltet, als es anfänglich erwartet wurde. Aufgrund der Einsicht, daß sich durch die Zusammenarbeit

Seite 25

der Glieder des Leibes Christi der göttliche Wille und Ratschluß nicht erfüllt, wird das alte Verlangen wieder lebendig. Mit der Zeit weist die göttliche Bestimmung dem Kinde Gottes seinen Weg. Weil es diesen Weg sucht, lebt die alte Sehnsucht nach Gott wieder auf. Damals konnte es das Haupt und die Glieder am Leibe Christi noch nicht unterscheiden. Es meinte, wenn es nach Gott verlange, dann treffe es in jedem Kinde Gottes, mit dem es in Verbindung komme, seinen Gott. Mit der Zeit ist es ihm aber klargeworden, daß es zwischen den Gläubigen und ihrem Haupte unterscheiden muß. Die tiefere Gemeinschaft mit Gott kommt durch die Reinigung zustande. Dazu wird aufgefordert mit den Worten:

„Mach’ dich auf, meine Freundin, komm her, meine Schöne!“ (Hld.2,10)

Hat die Schwarze bisher nur die Glieder des Leibes kennengelernt, dann muß sie nun mit dem Willen und Ratschluß Gottes vertraut werden. Sie verlangt in herzlicher Sehnsucht nach inniger Gemeinschaft mit Gott. Dabei wird es offenbar, was für eine göttliche Bestimmung das Kind Gottes hat (2.Thess.2,13-14). Es wird aber auch offen­bar, welche Gläubigen mit der Gemeinschaft untereinander zufrieden sind. Irrtümli­cherweise verwechseln sie das, was sie untereinander darstellen, mit der Erfüllung des göttlichen Willens und Ratschlusses. Sie sehen nicht ein, daß sie nur die Gemeinschaft miteinander pflegen und nicht die wahre Gemeinschaft mit Gott suchen.

Weil die Schwarze aber zu einer andern Erkenntnis gelangt ist, kann sie aufrichtig sagen:

„Er küsse mich mit seines Mundes Küssen!“ (Hld.1,2)

Sie hat die Gemeinschaft der Kinder Gottes untereinander als unzulänglich erkannt, deshalb verlangt sie nun nach einer tieferen Gemeinschaft.

Seite 26

Soll sie die Herrlichkeit Gottes schauen, dann muß zuerst das Bekenntnis abgelegt werden:

„Ich bin ein Mann von unreinen Lippen und wohne unter einem Volke, das auch unreine Lippen hat.“ (Jes.6,5)

Wünscht ein schwarz gewordenes Kind Gottes gereinigte Lippen, weil es Sehnsucht nach Gott und ein herzliches Verlangen nach der Reinigung hat, dann wartet auch schon der Seraph mit der glühenden Kohle darauf, die Lippen zu berühren, um sagen zu können:

„Siehe, das hat deine Lippen berührt, deine Schuld ist weg und deine Missetat gesühnt!“ (Jes.6,7)

Nun verlangt das Kind Gottes nicht mehr nach den Küssen der Töchter Jerusalems, nicht nach den Söhnen der Mutter, sondern nach dem Haupt, das durch einen Kuß seines Mundes sagen will, daß die Reinigung der Lippen erfolgen muß. Wo sie noch nicht erfolgt ist, da weist der Freund auf die Notwendigkeit dieser Reinigung durch die Liebesgemeinschaft hin. Das sind dann Liebkosungen, die besser sind als Wein aus den bisher gehüteten Weinbergen. Deshalb sind seine Liebkosungen der Duft seiner Salben, seines Namens; sie wiederum sind das ausgegossene Öl, das den ganzen Willen und Ratschluß Gottes offenbar macht. Der König führt das Kind Gottes in seine Gemächer und schließt ihm auf, was in seiner Treue bis in den Tod und durch sein Hindurchgehen durch den Vorhang seines Fleisches in seiner Auferstehung aus den Toten als das ausgegossene, die Wunden heilende Öl zur Heilung vorhanden ist.

„Durch seine Wunden seid ihr heil geworden.“ (1.Petr.2,24)

Das ausgegossene Öl seines Namens wird in die Wunden eingeträufelt. Das bewirkt die Freude, daß solche Liebkosungen gepriesen werden mehr als Wein; das erweckt die Liebe, so daß das Zeugnis lautet:

„Mit Recht haben sie dich lieb!“ (Hld.1,4)

_______________ 

Seite 27 

Die mangelhafte Ausrüstung zum Dienst

„Warum soll ich wie eine Vermummte bei den Herden deiner Genossen sein!“ (Hld.1,7)

Aufgrund der erlangten Gemeinschaft mit dem Haupt erwacht bei dem Kinde Got­tes das Verlangen, den Söhnen der Mutter und den Töchtern Jerusalems etwas von dem zu erzählen, was es in den Gemächern des Königs schauen und erfahren durfte, und welche Freude die erfahrene Liebe entfacht hat. Nun möchte es nicht mehr ver­mummt sein bei den Herden seiner Genossen, bei den Töchtern Jerusalems, den Söhnen der Mutter, bei denen es als schwarz bekannt ist. Darum fragt die Schwarze:

„Warum soll ich wie eine Vermummte bei den Herden deiner Genossen sein!“ (Hld.1,7)?

Sie begnügt sich nicht mit der Verbindung, die sie mit dem Haupt erlangt hat und mit dem Lichte der Unsterblichkeit. Anstatt nun die Verbindung mit dem Haupte treu zu pflegen, will sie gleich die Erfahrungen, die sie in der Gemeinschaft mit dem Haupt machen darf, den Genossen bei den Herden bekanntgeben. Sie möchte ihnen nun zeigen, wer recht hat.

Anschließend wird aber festgestellt:

„Solange der König an seiner Tafel war, gab meine Narde ihren Geruch.“ (Hld.1,12)

Sobald sich das Kind Gottes wieder bei seinen Genossen, bei den Söhnen seiner Mutter, aufhält und auf die Töchter Jerusalems

Seite 28

blickt, sieht es nicht, daß der König ganz in der Stille, unbeachtet die Tafel verlassen hat. Will es nun seine Verbindung mit dem Haupte zeigen, dann ist sie in Wirklichkeit nicht mehr vorhanden. Es meint, weil der König an der Tafel war, müßten alle den Geruch wahrnehmen. Mit dem König ist aber auch der Geruch der Narde verschwun­den. Die eigene Narde gibt den Geruch nur in Verbindung mit dem König. Das beweist, daß man seine Botschaft über das persönlich Erlebte zu früh umhertragen möchte.

„Freundin“ nennt sie der Freund und vergleicht sie mit einer Stute an den Wagen Pharaos (Hld.1,9). Der Hinweis auf die Stute Pharaos ist ein Zeugnis über die Schön­heit der Freundin, das zeigt auch der Zusammenhang von Vers 10-16. Sie ist zwar schön, aber die Fruchtbarkeit ist noch nicht vorhanden. Die Weinberge von Engedi sind fruchtbarer als die Weinberge, die sie gehütet hat. Der Weinberg von Engedi wird von dem Freund in der Wüste gepflegt. In der Wüste Engedi ist die wahre Fruchtbar­keit.

Engedi ist die Wüste, wo David seinen Gegner Saul in jener Höhle in seiner Hand hatte; er wurde gereizt, sich seines Feindes zu entledigen; aber er schnitt ihm nur den Zipfel seines Mantels ab, und nachher wurde er deshalb von seinem Gewissen gestraft. Hier wurde David mit Engedis Traubensaft ernährt; er sah den Willen und Ratschluß Gottes und stellte sich völlig dazu (1.Sam.Kap.24).

In dieser Wüste wurde auch dem König Josaphat ein großer Sieg über die Ammo­niter und Moabiter verliehen (2.Chr.Kap.20). In Hesekiel 47 ist von dem Strom, der aus dem Heiligtum fließt, gesagt, daß Fischer an dem Strom sind und ihre Netze ausbrei­ten von Engedi bis En-Eglaim. Zuletzt wird diese Wüste zum

Seite 29

Quellort dessen, was als aus Gott geboren offenbar wird (Hes.47,1-12). Aus diesen Wassern des Lebens kommen Fische. Das erinnert an das Zeugnis Jesu:

„Folget mir nach, und ich will euch zu Menschenfischern machen!“ (Matth.4,19; Mark.1,17)

Neben den Trauben im Weinberg von Engedi (Hld.1,14) ist auch die Apfelfrucht, die der Freund der Freundin gibt, weil er der Apfelbaum unter den Bäumen des Waldes ist, die nur Schatten, aber keine Frucht geben (Hld.2,3.5).

... für Fortsetzung Buch herunterladen