Weg zur Wahrheit

Röm. 4,7 «Selig sind die, welchen die Übertretungen vergeben und deren Sünden zugedeckt sind;  8 selig ist der Mann, welchem der Herr die Sünde nicht zurechnet!»

Joh. E. Keller

Bibliothek Weg zur Wahrheit"Verherrliche deinen Sohn!”,

Buch 

Das hohepriesterliche Gebet  

Das Geheimnis des hohepriesterlichen Gebets im Lichte der Wahrheit der in Christo vollbrachten Erlösung(Ev Joh. Kapitel 17

„Wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich’s gebührt; aber der Geist selbst tritt für uns ein mit unaussprechlichen Seufzern. Der aber die Herzen erforschet, weiß, was des Geistes Sinn sei; denn er vertritt die Heiligen so, wie es Gott angemessen ist.” (Röm.8,26-27)    

Das Geheimnis des hohepriesterlichen Gebets im Lichte der Wahrheit der in Christo vollbrachten Erlösung  

Das Allerheiligste im Gebet

„Solches redete Jesus und hob seine Augen auf gen Himmel.“ (Joh.17,1)

 

Die Gebetsschule der Gläubigen

Wenn wir den Boden dessen betreten, was man im Gebet „das Allerheiligste”nennen kann, so müssen wir uns von vornherein merken, daß wir noch nicht auf diesen Boden gehören. Es ist ein uns noch ganz fremdes Gebiet. Wir stehen wohl, wenn wir im Gebetsleben schon etliche Fortschritte gemacht und den Vorhofsboden der Anfänger verlassen haben, auf „Heiligtumsboden”, aber das „Allerheiligste”, das im Gebet des Herrn zum Ausdruck kommt, können und dürfen wir noch nicht unser eigen nennen.

Gottes Wort sagt uns viel vom Gebet des Kindes Gottes, aber hier stehen wir unter dem Einfluß und der Wirkung des Gebetes unseres Heilandes selbst. Wir wissen aus den vorhergehenden Kapiteln dieses Evangeliums, wie es außer dem Gebet einen Erfahrungsboden gibt, auf den Jesus seine Jünger hinweist, das ist der Boden der Fußwaschung und der Liebe (Joh.13,3-17). Wir können auch da nicht sagen, daß wir auf diesem Boden Jesus gleich sind, aber dennoch weist er uns bestimmt diesen Weg, und ein Kind Gottes, das diese ihm vom Herrn vorgehaltene Ordnung nicht erstrebt und liebhat, ist nicht auf dem rechten Weg.

Genau so ist es mit dem Gebet. Wir müssen wohl bekennnen, daß wir noch nicht die Vollkommenheit im Umgang mit dem Vater so haben wie Jesus. Es wäre aber sehr verkehrt von uns, wenn wir glauben wollten, daß darum, weil wir selbst diesen Boden noch nicht besitzen, sein Gebet uns nichts zu sagen hätte, vielmehr werden wir nun beim Betrachten desselben erkennen müssen, daß dieses Gebet des Meisters die Gebetsschule ist, durch die wir auf den Weg zur Vollkommenheit im Umgang mit dem Vater geführt

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werden sollen. Wir müssen den gewaltigen Unterschied zwischen dem, was der Herr seinen Jüngern gesagt hat, und der Bedeutung seines Gebetes, das er mit seinem Vater durchsprach, kennenlernen. Was Johannes in den vorhergehenden Kapiteln berichtet, bezieht sich auf die Jünger. In diesem Kapitel handelt es sich aber ausschließlich um das, was Jesus mit seinem Vater redet.

Alles, was die Jünger angeht, ist an Bedingungen geknüpft und legt ihnen Pflichten auf; beim Gebet des Herrn ist das aber nicht der Fall. Aus diesem Gebet fließt der Segen bedingungslos. 

 

Das Gebet des Herrn zeigt den Unterschied zwischen seiner Gebetsstellung und derjenigen der Gläubigen

„Solches redete Jesus und hob seine Augen auf gen Himmel und sprach ...”

So fangen wir gewöhnlich nicht an, zu beten. Wir machen einen gewaltigen Gedankenstrich zwischen unserem sonstigen Reden und Handeln  -  und dem Gebet. Uns sind diese beiden Gebiete des Irdischen und des Himmlischen meist zwei getrennte Welten, die sich gegenseitig durch ihre Einwirkungen nur stören. Wenn wir uns im Irdischen betätigen, so sind die geistlich-göttlichen Einflüsse hinderlich. Wir möchten dann am liebsten jeden göttlichen Einfluß fernhalten, damit wir unsern Neigungen freien Lauf lassen und den Genuß ungestört haben können. Wenn wir aber in der betenden oder anbetenden Stille sind, befinden wir uns gewöhnlich nicht im Alltagsgeräusch und -getriebe. Das ist aber beim Herrn nicht so. Bei ihm besteht keine Trennung zwischen dem gewöhnlichen Reden und dem Beten.

Jesus betete aufgrund dessen, was er geredet hatte, und redete um dessentwillen, was er beten wollte.

Es sind bei Jesus nicht zwei Welten, von denen die eine die andere darum ausschließt, weil er sie nicht zusammenbringen konnte, wie es uns gewöhnlich ergeht, indem wir erst mit unserem vielen Denken und dem alltäglichen Getriebe Schluß machen müssen. Es will uns kaum gelingen, zur betenden Stille zu kommen, weil stets das Geräusch des Alltagsbetriebes in unsere Gebetsstille eindringen will. Wie oft klagt das Kind Gottes, daß es nicht imstande sei, die Außenwelt abzuschließen, wenn es sich im Gebet Gott nahen möchte. Es schießen ihm dann alle möglichen Gedanken durch den Kopf, sie bewegen sich in der Werkstatt, im Büro, in der Küche oder im Geschäftsbetrieb. Der Mund geht dabei auch ein paar Minuten, und wenn man nur zeitweise das von kleinauf gelernte „Vaterunser” hinsagt. Wer frei betet, weil er glaubt, darin vor anderen einen Vorzug zu haben, der spricht schließlich sein freies Gebet genauso gedankenlos hin, wie ein anderer sein auswendig gelerntes. Die Gedanken sind eben anderswo, nicht weil das Kind Gottes das

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will und es ihm Vergnügen macht; es leidet selbst darunter, daß es so ist, aber es ist auch nicht imstande, die Einwirkungen des Alltags von der Gebetszeit fernzuhalten. Wenn es beten möchte, so ist es gerade, als ob es alle Augen auf sich gerichtet sehen würde und alle Hände nach ihm ausgestreckt wären, um es festzuhalten. Es sind die Einflüsse des Sichtbaren, die irdischen Verhältnisse, in die es hineingestellt ist.

Ist uns das fremd? Oder kennen wir schon die Stellung, in der man die Gebetsstille in den Alltagsbetrieb hineinzutragen vermag? Jedes Kind Gottes muß eben lernen, sich aus der Tätigkeit in das Gebetsleben hineinzufinden, ehe das Gebetsleben in den Alltag hinein wirken kann. Wenn wir den Gebetsboden betreten, dann stehen unsere Erfahrungen den Erfahrungen des Herrn entgegen. Wir bringen unsere Alltagsluft ins Gebetsleben hinein, während er seinen Alltag mit der Gebetsluft ausfüllte.

Sein Gebet bewirkte keine Trennung des Irdisch-Sichtbaren und des Ewig-Unsichtbaren. Diesen Spuren des Meisters, wie sie uns in seinem Gebet gezeigt sind, müssen wir folgen, wenn wir mit seiner Gebetseinstellung in Harmonie sein wollen.

Die Reden Jesu waren für ihn der Vorhof zum Beten; denn er redete unter der Wirkung des Gebets. Er mußte nicht beten, um etwa die in seinen Reden gemachten Fehler zu bereuen; denn seine Reden führten ihn direkt ins Gebet. Jesus konnte mit den Menschen und mit dem Vater in der gleichen Weise reden. Es war bei ihm keine Umstellung von einer Seite zur andern nötig. Wenn er sich von den Menschen wegwandte, um mit Gott zu reden, wurde er dadurch kein anderer Mensch, wie das bei uns üblich ist, indem wir dabei gewöhnlich die äußere Stellung, unser ganzes Wesen und oft sogar die Stimme verändern. Das alles finden wir bei Jesu nicht. Er wusch in derselben Stellung den Jüngern, ton denen ihn einer verriet, die Füße, wie er, von ihnen weggewandt, mit dem Vater redete. Das, was uns stört, störte Jesum nicht. Der göttliche Einfluß verursachte in seinem praktischen Verhalten keine Störung, deshalb konnte ihn auch kein Einfluß von Seiten der Welt in der Zeit stören, als er sich völlig seinem Vater zugewandt hatte.  

Jesu Gebetsstellung ist das Licht der Gläubigen

„Solches redete Jesus.”

Diese Worte beziehen sich auf das, was er zu den Menschen sagte, und dann fuhr er gleich fort, mit dem Vater zu reden. Darin liegt eine Unterweisung, die wir uns gleich zu Anfang dieses Kapitels tief einprägen müssen. Es hat keinen Wert, daß wir nur unsern Verstand bereichern. Dem Lichte dieses Gebetes gegenüber kommt es nur auf die persönliche Einstellung an, damit sich das Wort erfüllen kann:

„In deinem Lichte schauen wir Licht!” (Ps.36,10)

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In der Betrachtung dieses Kapitels werden wir von diesem Lichte beleuchtet. Vor demselben kann nichts verborgen bleiben. Johannes sagt:

„Wer Arges tut, hasset das Licht und kommt nicht zum Lichte, damit seine Werke nicht gestraft werden. Wer aber die Wahrheit tut, der kommt zu dem Lichte, damit seine Werke offenbar werden, daß sie in Gott getan sind.” (Joh.3,20-21)

Ein andermal sagt Jesus:

„Wie könnt ihr Gutes  reden, da ihr böse seid?” (Matth.12,34)

So wird es offenbar, was der Mensch seinem innersten Wesen nach ist, ob er die Geistesreinigung von ganzem Herzen erstrebt oder schon besitzt.

Wer arg ist, der hasset das Licht, er flieht es und setzt sich demselben nicht aus, weil er sich vom Lichte nicht durchleuchten lassen will; aber damit offenbart er sein innerstes Wesen. Der Gereinigte aber oder der, der in Wahrheit nach Reinigung verlangt, strebt nach dem Lichte. Er weiß wohl, daß das Überraschungen gibt und daß man etwas zu sehen bekommt, was man sonst nicht sehen würde. Aber das alles wird von der aufrichtigen Herzenssehnsucht nach Gott überwunden. Er hält still und setzt sich dem Lichte gern aus.

Die Gebetsstellung der Kinder Gottes wird von dem Lichte beleuchtet, dem sie sich aussetzen, wenn sie betrachten, wie Jesus redete und betete und wie sie reden und beten. Jesus konnte mit den Menschen reden und seine Augen auf sie gerichtet haben, auch wenn ein Judas Ischariot unter ihnen war, und wenn er mit dem Vater redete, konnte er sogleich seine Augen aufheben gen Himmel, denn für ihn waren Himmel und Erde nur zwei Seiten von einem Ganzen und ebenso auch Gott und Menschen. Er wußte, was zusammengehört, und wir wissen es nicht, deshalb stört uns der Alltagseinfluß in unserem Gebetsleben.

In Jesu selbst hatten sich der Himmel und die Erde wieder zusammengefunden. Für ihn waren Himmel und Erde überbrückt; denn er selbst war diese Brücke. Was bisher miteinander in Feindschaft war, das fand sich in ihm zusammen und wurde Frieden. Er nahm die Einflüsse von beiden Seiten, die Einwirkungen von Gottes Seite und die von der menschlichen Seite, in sich auf und brachte beide in seiner Person zur völligen Harmonie. Er war der Vermittler zwischen Gott und den Menschen, der Mensch Jesus Christus (1.Tim.2,5); denn er vereinigte in sich alles, was die Menschheit darstellt, darum wurde er auch allenthalben gleichwie wir versucht, doch ohne Sünde (Hebr.4,15). Die Versuchungen konnten in ihm aber keine Disharmonie auslösen.

Denken wir nur diese Gedanken recht klar durch! Sehen wir die Menschheit, wie wir sie aufgrund unserer Erfahrungen persönlich

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kennen, und dann ergänzen wir unsere Erfahrungen mit dem Schriftzeugnis, wie es die menschliche Natur kennzeichnet und beachten das Zeugnis:

„Da nun die Kinder Fleisch und Blut gemeinsam haben, ist er gleicherweise desselben teilhaftig geworden …” (Hebr.2,14)

Darum war er in diesem Fleisch und Blut allen von dieser Seite kommenden Einwirkungen ausgesetzt (Matth.4,1-11).

Jesus ist der Mittler zwischen den Menschen und Gott, zwischen dieser Welt des Sichtbaren, Irdischen und jener Welt des Unsichtbaren, Ewigen, und beide Seiten wirken sich in ihm vollkommen aus und werden in dieser Auswirkung die Vollkommenheit. Worin diese Vollkommenheit besteht, geht aus dem Wort hervor:

„Ich heilige mich selbst für sie.” (Joh.17,19)

Darum sagte er:

„Vater, die Stunde ist gekommen, verherrliche deinen Sohn!” (Joh.17,1)

Wenn wir diese Worte recht verstehen, so wird es uns klar, wieso in ihm alles vollkommen sein konnte. Er stellt die Verbindung zwischen Gott und dem Menschen dar, in dem alles, was im Himmel und was auf Erden ist, zusammengefaßt ist nach dem vor Grundlegung der Welt gefaßten göttlichen Ratschluß (Eph.1,9-10). Jesus konnte in allem, ob er sich zu den Menschen oder zum Vater wandte, einen Teil von sich selbst wahrnehmen. Wenn er die Menschen sah, so konnte er sich nicht von ihnen trennen, sondern mußte sie um seiner selbst willen anerkennen, und wenn er seinen Blick zum Vater richtete, so sah er auch da wieder einen Teil von sich selbst. Er gehört als das Wort zum Vater, und der Vater gehört zu ihm, und ebenso gehört er auch zu den Menschen, weil er ihren Leib trägt (Joh.14,9-11; Röm.7,4; Phil.2,7-8).

Wie groß auch die Kluft zwischen dem gefallenen Menschen und dem heiligen, gerechten Gott ist, nach der Gottesbestimmung kommen diese beiden Seiten in der Person Jesu wieder zusammen.

Darin liegt das „Allerheiligste” im Gebet unseres Heilandes. Er zeigt uns seine Ewigkeitsbestimmung, daß alles in ihm, durch ihn und zu ihm ist (Gal.3,26.28; Kol.1,16-20). Er ist der Mittler zwischen Gott und den Menschen, weil niemand zum Vater kommt, als nur durch ihn, den Sohn (1.Tim.2,5; Hebr.9,15; 12,24; Joh.14,6).

Die Bedeutung des Gebetes Jesu besteht darin, daß er die Kinder Gottes durch seine erhörte Bitte zu sich auf denselben Boden ziehen kann, auf dem er die Menschen und den Vater in seiner Person verkörpert (Joh.17,24). Das ist die Stellung des „Allerheiligsten” im Gebet des Hohenpriesters Jesus Christus.

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Wir haben Jesum als unsern Hohenpriester noch nicht verstanden, wenn wir das, was er uns in diesem Gebet enthüllt, nicht als Wegweiser für uns selbst annehmen. Wir vergessen die Bedeutung seines Gebets, wenn wir es nicht verstehen, daß er, als das Haupt und der Anfang, die übrigen Glieder des Leibes als Fortsetzung dieses Anfangs trägt. Was ist das Haupt ohne die Glieder, und was ist der Anfang ohne eine Fortsetzung desselben? Die Glieder sind ja nichts anderes als Teile am Gesamtorganismus. Das Gebet Jesu wäre für uns nicht erhört, wenn das durch ihn nicht zustande kommen würde, was dem Erlösungsratschluß Gottes entspricht.

Darum müssen wir durch dieses Licht zur klaren Erkenntnis kommen, um durch dieselbe schrittweise in diesem Licht in die Erfüllung seines Gebetes hineinzureifen. Lernen wir also, diesen heiligen Gebetsboden praktisch auf uns wirken zu lassen! Scheuen wir es nicht, zu vergleichen, wie er redete, seine Augen aufhob gen Himmel und zum Vater sprach, und wie auch wir darin folgen sollten, uns vom Menschlichen zum Göttlichen zu wenden und darin stets in gleich ungetrübter Harmonie zu sein. Wir sollten durch ihn lernen, auch solche Zentralen zu werden, in denen der Mensch und Gott in eine Geisteseinheit zusammenfließen. Das predigt uns Jesus, und das berichtet uns sein Gebet, wie er von den Menschen hinweg zu Gott ging, um den Willen des Vaters in seinem Gebet zum Ausdruck zu bringen, daß niemand zum Vater kommt, als nur durch den Sohn. In jedem Gotteskind ist diese Sohnesstellung schon keimhaft vorhanden, sie muß sich nur entwickeln, bis die Gotteskinder in die Sohnesstellung erhoben werden (Röm.8,23) und es für sich persönlich lernen, daß sie nur dadurch zum Vater kommen, daß sie auch zum Sohn heranreifen und Erben aller Güter im unsterblichen Leibe werden, Erben Gottes und Miterben Christi (Gal.3,26; Eph.4,13; Röm.8,17). So muß auf dem Boden des Christus sich alles zusammenfinden, der Mensch und Gott, das, was im Himmel der Unvergänglichkeit ist, und das, was auf der vergänglichen Erde ist, bis auf diese Weise das Gebet des Sohnes Gottes, zusammen mit dem Flehen der zu Söhnen Gottes in der Unsterblichkeit heranreifenden Gläubigen, seine Erfüllung gefunden hat.

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Das größte Wort im Gebet im Lichte der Sohnesstellung

„Jesus sprach: Vater…” (Joh.17,1)

 

Jesus zeigt in seinem vorbildlichen Gebet seine Harmonie mit Gott und den Menschen

Wir wollen in dieser Betrachtung nicht nur die Worte des Meisters in seinem Gebet vor Augen haben, sondern auch den Jüngern gleichen, die er um sich hatte und mit ihnen sagen:

„Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger lehrte!” (Luk.11,1)

Aus diesen Worten tritt es uns klar entgegen, wie die Jünger die Notwendigkeit des Gebets erkannt hatten, und wie sehr sie auf diesem Boden des Gebets den Unterschied zwischen ihrer Stellung und der rechten Gebetsstellung, die sie bei ihrem Meister wahrnehmen mußten, empfanden. Wenn sie nicht überzeugt gewesen wären, daß seine Gebetsstellung sich von ihrem Beten wesentlich unterschied, so hätten sie diese Bitte nicht ausgesprochen.

Wir dürfen nicht annehmen, daß die Jünger noch nie gebetet hatten; sie waren ja Israeliten und gehörten dem Volke Gottes an. Es war sogar nach dem Zeugnis des Meisters ein wahrer Israelit unter ihnen (Joh.1,48). Sicher hatten sie so gebetet, wie wir alle gewohnt sind, zu beten, und doch empfanden sie noch die Notwendigkeit, von Jesus im Gebet unterwiesen zu werden. Darum müssen auch wir, den Jüngern gleich, sagen:

„Herr, lehre uns beten!”

Das richtige Beten ist somit an zwei Bedingungen geknüpft, nämlich, daß wir aufmerksam sind, so daß wir die Spuren, die uns in Jesu Gebet vorgehalten sind, auch wirklich sehen und daß wir dann unbedingt die Willigkeit haben, diesen Spuren zu folgen, was immer es kostet.  

Nur die Sohnesstellung ist das Vorrecht zum „Vater-Sagen”

Jesus konnte beten, weil er als Sohn in Wahrhaftigkeit „Vater” sagen konnte. Dieses eine, wunderbare Wort, dem kein zweites gleichkommt, konnte kein Geschöpf so wie Jesus aussprechen.

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Kein Engel, und wenn es Cherubim und Seraphim sind, kann „Vater” sagen. Es ist das Vorrecht des Sohnes, dieses Wort in ganzer Tiefe auszusprechen. Von ihm heißt es:

„Niemand hat Gott je gesehen; der eingeborene Sohn, der in dem Schoß des Vaters ist, der hat Kunde gebracht.” (Joh.1,18)

Dieses Wort zeigt uns, daß das Wort, das im Anfang war, das bei Gott war und das Gott war, von Gott, dem Vater, in seinem Schoße gezeugt worden ist. Durch diese Zeugung des Wortes, im Schoße des Vaters, ist Gott der Vater seines Sohnes, das ist sein im Anfang erzeugtes Wort. Nach dieser Ordnung ist jede Vaterschaft im Himmel und auf Erden genannt. Darum wird auch die Stellung der Kinder Gottes in ihrer Herrlichkeit und Vollendung höher als die der Engel sein (Hebr.1,5-9); denn auch die Gotteskinder sollen aufgrund der Zeugung durch das Wort der Wahrheit und die Neugeburt, die Geburt aus Gott und Geist, dahin gelangen, daß sie ebenso dem Sohne gleich „Vater” sagen können (Jak.1,18; Joh.1,12-13; 3,3-8; Gal.4,6; 1.Petr.1,3.23; 1.Joh.3,9-10; 5,18).

Wer beten lernen will, der muß aufmerken, daß er in diesem einen Wort „Vater” den rechten Ton findet.  „Vater”  sagen wir ja auch, aber gewöhnlich nur gewohnheitsmäßig. Die Jünger sagten darum:

„Herr, lehre uns beten!”,

weil sie den rechten Ton in ihrem  „Vater-Sagen” noch nicht gefunden hatten. Wir reden wohl viel, aber wie oft merkt man es am Ton, daß das Wort  „Vater”  keine Durchschlagskraft hat.  

Das gedankenlose und leichtfertige „Vater-sagen”  des Kindes Gottes

Man erkennt oft, wenn wir  „Vater”  sagen, den menschlichen Leichtsinn. Wie in weltlichen, kann man auch in göttlichen Dingen leichtsinnig sein. Es gibt Kinder Gottes, die in ihrem Sinn so leicht sind, daß sie beinah unter das Urteil kommen

„zu leicht erfunden!” (Dan.5,27)

Es ist bedenklich, wenn sie von jedem Wind der Lehre hin und her getrieben werden; sie sind Spreu, die der Wind der Lüge, der als Wasserstrom aus dem Schlangenmund hinter dem Weibe hergespieen wird, verweht (Ps.1,4-5; Offb.12,15-16). Das „Vater-Sagen” in dieser leichtfertigen, flatterhaften, windbewegten Gesinnung zeigt, daß ihnen das Schwergewicht, der ins Heiligtum eingedrungene Anker, der feste Glaubenshalt, fehlt. Das ist der Grund dafür, daß ihr Sinn wie ein Luftballon, angefüllt mit leichten Gasen, zwar auch hochsteigt, aber nicht in der göttlichen Ordnung. Jeder Windstoß verändert ihre Richtung und treibt sie steuerlos nach allen Himmelsgegenden. Das ist das gleichgültige, leichtfertige, sinn- und gedankenlose „Vater-Sagen”.

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Kinder Gottes sind in ihrem Gebetsleben zerstreut

Beten heißt Worte prägen, von denen keins unfruchtbar zur Erde fällt, weil die treibende Kraft des im Wort bezeugten Zieles darin liegt.

Werden wir lernen, was für ein Unterschied zwischen Jesu Zielsicherheit und menschlicher Zerstreutheit im Gebet besteht? Wollen wir es einmal beachten, was es bedeutet, wenn Jesus sagt:

„Nicht für die Welt bitte ich, sondern für die, so du mir gegeben hast.” (Joh.17,9),

und daß es sogar eine Ordnung im Wort gibt, die in dem göttlichen Befehl Ausdruck gefunden hat:

„Du aber sollst für dieses Volk keine Fürbitte einlegen, nicht flehen und beten für sie und nicht in mich dringen.” (Jer.7,16)

Johannes weist auch darauf hin, daß für die Kinder Gottes, die die Sünde zum Tode begangen haben, nicht mehr gebetet werden soll. Wenn jemand gesündigt hat, nicht zum Tode, für den soll gebetet werden, daß ihm Leben gegeben wird, weil er nicht zum Tode gesündigt hat (1.Joh.5,16-17). Da ist die Rede von dem Beten, bei welchem jedes Wort seinem gottgewollten Zweck dient. Das „Vater” aus Jesu Mund war ein solches Wort.  

Jesu einzigartige Stellung zum Vater ist die rechte Grundlage für jedes Gebet

Beten lernen bedeutet nicht nur, aufmerksam die Spuren im Auge zu haben, die der Meister uns vorhält, sondern es bedeutet auch, den Willen für diese Ordnung zu haben! Wollen wir so beten, daß wir „Vater” sagen können? Der Psalmist sagt:

„Mein Vater und meine Mutter haben mich verlassen; aber der Herr nimmt mich auf.” (Ps.27,10)

Der Blindgeborene mußte zuerst aus der Gottesgemeinde ausgeschlossen werden, ehe der Herr ihn aufnehmen konnte. Er konnte zwar Wunder und Zeichen durch Jesum erfahren, aber er war noch nicht im Glauben mit Jesus vereinigt; denn er hatte noch nicht gesagt:

„Wer ist es, Herr, auf daß ich an ihn glaube? ... Herr, ich glaube!” (Joh.9,36-38)

Wir richten unsern Blick noch auf die Gott wohlgefällige Stellung Abrahams. Er konnte erst auf Morija „Vater” sagen. In dieser Stunde war jede Leichtfertigkeit aus dem Ton dieses Wortes verschwunden. Wir müssen deshalb beten lernen, weil wir zuerst erkennen müssen, daß es heißt:

„Niemand kommt zum Vater, denn durch mich!” (Joh.14, 6)

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Niemand kann darum „Vater” sagen, bis er gelernt hat, daß Jesus sagte:

„Ich heilige mich selbst für sie.” (Joh.17,19)

Er ist gekommen, den Willen Gottes zu tun und sein Werk zu vollenden.

Jesus war für seinen Gott völlig abgesondert. Er stand mit Gott vollkommen allein. Darum steht von ihm geschrieben:

„Jesus selbst aber vertraute sich ihnen nicht, weil er alle kannte, und von niemandem ein Zeugnis bedurfte über einen Menschen; denn er selbst wußte, was im Menschen war.” (Joh.2,24-25)

Er wußte, daß, wenn er sich den Menschen hingab, er den Vater preisgeben mußte. Wenn er sich dem Teufel hingegeben hätte, der ihm die ganzen Reiche der Welt anbot, so hätte er auch den Vater preisgeben müssen. Wo immer er sich hingewandt und wem er sich hingegeben hätte, es hätte ihn seine Verbindung mit dem Vater gekostet. Und um diesen Preis hat Jesus keine Verbindungen angeknüpft.

Wie hart klingt uns das Wort, das er zu seiner Mutter sagte, welche die natürlichste Verbindung mit ihm darstellt:

„Weib, was habe ich mit dir zu schaffen?” (Joh.2,4)

Auch sie sollte nicht Anspruch an ihn erheben. Wenn seine Stellung zum „Vater” in Betracht kam, mußte auch seine irdische Mutter in den Hintergrund treten und ihn seinem Vater vollkommen überlassen.

Sind wir so gelöst, daß wir das Wort „Vater” nicht in einem unheiligen Gemisch von Begierden aussprechen, so daß kein Mensch, kein Engel im Himmel und kein Teufel in der Hölle erkennen kann, wem dieses Wort gilt?

Es gibt auch einen Vater in der Hölle ebenso wie im Himmel (Joh.8,41-44). Man kann „Vater” sagen, so daß der Satan in der Hölle dadurch geehrt wird. Man kann auch in einer Weise „Vater” sagen, daß kein Geschöpf in Gottes Universum erkennen kann, wen es angeht, weil keine Zielsicherheit, keine ungeteilte, Gott zugekehrte Willensstellung nach dem Weg „durch Jesus zum Vater” da ist.

Dieses eine Wort „Vater” in der Bedeutung, wie es Jesus ausgesprochen hat, ist die rechte Grundlage für jedes Gebet.

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Die gegenwärtige Stunde  -  der Schlüssel zum Gebetsleben

„Und (Jesus) sprach: Vater, die  Stunde ist gekommen …!” (Joh.17,1)

Jesus betet zeitgemäß

Mit diesen Worten:

„Die Stunde ist gekommen”,

gibt uns Jesus den Schlüssel zu seinem Gebetsleben in die Hand.

Wenn sich Jesus von den Jüngern wegwandte, um im Gebet mit dem Vater zu reden, so gab ihm dazu die Erkenntnis der für ihn gekommenen Stunde Veranlassung.

Er war in seinem Beten zeitgemäß. Er bewegte immer nur das vor seinem Vater, was sich auf die Stunde bezog, in der er sich befand. So hören wir z. B. keine langen Ausführungen am Grabe des Lazarus. Er wußte ja schon mehrere Tage, daß Lazarus krank war, und doch ging er nicht hin, als er gerufen wurde, sondern redete nur mit den Jüngern über die Vorgänge in jenem Haus in Bethanien. Wir hören auch nicht, daß er in der Zwischenzeit mit den Jüngern etwas anderes besprochen oder daß ihn etwas anderes bewegt hätte als das, was mit Lazarus und seiner Auferweckung in Verbindung gestanden hat (Joh.Kap.11).

Was Petrus mit den Worten ausdrückt:

„Umgürtet die Lenden eures Gemüts …” (1.Petr.1,13),

finden wir bei Jesu verwirklicht. Er konnte sich sammeln, während wir zerstreut und flatterhaft kaum einen Augenblick bei einer Sache stehenbleiben können. Wir müssen uns fortgesetzt mit vielen Sachen beschäftigen und haben deswegen nicht Zeit, uns auf eins einzustellen, auf dieses eine uns zu konzentrieren und dabei so lange stehenzubleiben, bis sich in dieser einen Sache der Wille Gottes ausgewirkt hat. Wir fürchten, daß vieles nicht besorgt würde, wenn wir bei einem Gebetsgegenstand stehenblieben.

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Das Gebet in der gegenwärtigen Stunde ist für das Kind Gottes Pflicht und Aufgabe

Wohl kennt das Kind Gottes die Pflicht des Gebets, weil es durch die Schrift zum Beten angeleitet wird und dies auf solche Weise zur Gewohnheit wird, daß man sich derselben natürlich nicht entziehen will. Weil die Schrift es sagt und es allgemein geübt wird, so macht man es eben in diesem Sinne auch mit. Aber bleibt die Gebetsstunde dabei auch wirklich lebendig? Warum ist es so schwer, eine Gebetsstunde lebendig zu halten, daß nicht Schläfrigkeit, Gleichgültigkeit, Lauheit und Formenwesen die Herrschaft erlangen? Weil wir so wenig die Aufgabe der Stunde erkennen und uns unserer Gebetspflicht nicht bewußt sind.

Würde man ohne Wortauslegung auch fortgesetzt zum Gebet zusammenkommen? Würde man nicht denken: Ich kann ja zu Hause beten, warum soll ich in die Gebetsstunde gehen? Der liebe Gott ist ja überall, er hört mich ja zu Hause genauso wie in der Stunde  - und im Bett ist das Beten noch bequemer -. Gebetet wird zwar, und wir haben durch die Gewohnheit die Fertigkeit, langstielig etwas herzusagen, obgleich Jesus sagte:

„Wenn ihr aber betet, sollt ihr nicht plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden um ihrer vielen Worte willen erhört.” (Matth.6,7)

Der Grund für die vielen Worte ist immer die Zerstreutheit im Gebetsleben.  

Die gegenwärtige Stunde muß den Gebetsgegenstand  bestimmen

Das Gebetsleben kann von der Stellung des Kindes Gottes nicht getrennt werden. Ein Gebet, das nicht der Ausdruck der Stellung des Kindes Gottes ist, ist Heuchelei; denn es ist nicht der Wesensausdruck des Innersten des Kindes Gottes. Das Kind Gottes muß durch Übung und Entwicklung die Fähigkeit der Sammlung bekommen; diese findet dann im Gebet Ausdruck, indem es auf einen Punkt hin betet. Wenn wir das ganze Gebet des Herrn durchgehen, so finden wir gerade, daß demselben nur ein Gedanke zugrunde liegt. Dasselbe finden wir auch in seinem Gebet am Grabe des Lazarus.

Wenn wir durch die ganze Bibel hindurch die Beter in ihren Gebeten verfolgen, so werden wir finden, daß sie stets von einem Gedanken geleitet wurden. Alles andere ist Zerstreuung, Flatterhaftigkeit, Gleichgültigkeit und Oberflächlichkeit und kommt unter das Urteil „viele Worte machen wie die Heiden”, um die Zeit auszufüllen und sich dann einzubilden, man hätte gebetet.

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Die Ursache zur Sammlung ist die Stunde, in der sich der Betende befindet. Was nicht in dieser Stunde liegt, dürfte ihn nicht veranlassen zu beten. Es liegt nicht alles, womit wir uns beschäftigen, in der gegenwärtigen Stunde. Das „Jetzt” ist die Stunde, in der für den Herrn alles lag, und so müßte es auch bei dem Kinde Gottes sein, das die Fähigkeit besitzt, sich auf einen Punkt zu konzentrieren. Die meisten Gebete der Kinder Gottes sind in den Wind geredet, und die Gebetsstunde bleibt ohne Wirkung. Während bei der Wortbetrachtung das Wort beleuchtet und durch den Geist aufgeschlossen wird, hat man in der Gebetsstunde meistens nur Formenwesen und Gewohnheit.

Welche Gebetsgegenstände erkennt man in der Gebetsstunde als erledigt, weil sie durchgebetet, erhört und darum auch erfüllt sind? Einem Gebet muß ein besonderer Gegenstand zugrunde liegen, der mit Gott durchgesprochen wird. Wie kurz könnten die Gebete sein, und wie lebendig würden die Gebetsstunden bleiben, wenn jeder Betende seinen Gegenstand mit seinem Gott unter der Mithilfe jedes Mitanwesenden durcharbeiten würde. Wir sind nicht so geschaffen, daß unser Geist mehrere Gegenstände zusammen im Gebet festhalten kann. Die Gebetserhörung ist in der Sammlung auf den einen Gegenstand begründet, um den wir bitten. Wenn jeder Beter sein bestimmtes Anliegen hätte und dabei beharren würde, bis es erfüllt wäre, dann könnte er wieder zu einem anderen Gebetsgegenstand geführt werden. Es würde da sicher göttliche Leitung geben. Würden wir auf diese Weise nicht mehr Gebetserhörung zu verzeichnen haben, als es der Fall ist, wenn man meint, man müßte auf einmal alles sagen, an alles denken und über alles mit seinem Gott reden? Und am Ende, wenn man fertig ist, weiß man überhaupt nicht mehr, was man gesagt hat. Kann man nach einem solchen Gebet sich der einzelnen Punkte, um die man gebetet hat, noch erinnern? Man hat sich eben gewohnheitsmäßig ausgeredet, und das hält man für ein Gebet.

„Die Stunde ist gekommen”,

sagte Jesus. Weil er aus dem tiefsten Grunde seines Wesens „Vater” sagen konnte, darum lag auch sein Leben klar vor ihm ausgebreitet, und er erkannte seine Stunde in dieser Verbindung mit seinem Vater. Die Stellung zum Vater rüstete ihn aus, das Wesen und die Bedeutung der Stunde in völliger Klarheit zu erkennen.

Müssen wir nicht, wenn wir wirklich beten lernen wollen, auch unsere Stunde nach jeder Richtung kennenlernen? Dann würde uns diese Stunde den Gegenstand des Gebets ebenso diktieren, wie dem Meister. Wir würden dadurch innerlich gesammelte Leute und könnten uns nicht mehr zerstreuen. Wir würden dann nicht nur wissen, daß wir beten müssen, sondern wir würden auch wissen, was es bedeutet, als Glied am Leibe mit allen Gliedern vereint, seinen besonderen Gegenstand durchzubeten, wie es der Herr im Kreise seiner Jünger, der Stunde entsprechend, getan hat.

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Wir können die Kinder Gottes in bezug aufs Gebet in drei Klassen teilen:

1. Das eine Kind Gottes ist aufs Jammern eingestellt; das entspricht seinem Zustand.

2. Ein anderes ist aufs Bitten eingestellt; denn es möchte gern dies und das haben. Auch das entspricht seinem Zustand.

3. Das dritte ist aufs Danken eingestellt (Phil.4,6).

Ob es wohl viele sind, deren Zustand so ist, daß sie aufs Danken eingestellt sind, weil sie wirklich, ihrer Stellung entsprechend, zum Danken veranlaßt werden? Grund und Ursache zum Danken kann man nur haben, wenn man mit Johannes sagen kann:

„Das ist die Freudigkeit, die wir ihm gegenüber haben, daß, wenn wir etwas bitten nach seinem Willen, er uns hört. Und wenn wir wissen, daß er uns hört, um was wir auch bitten, so wissen wir, daß wir die Bitten haben, die wir von ihm erbeten haben.” (1.Joh.5,14-15)

Da fällt Bitten und Danken zusammen, und das Klagen und Jammern hat aufgehört. Da klingt es wie am Grabe des Lazarus:

„Ich danke dir, daß du mich erhört hast!”

Der Grund zu einer solchen Gebetseinstellung, die wirklich das ist, was sie sein soll, daß Bitten und Danken in eins zusammenfließen, ist aber nur die Sammlung auf das eine, was uns vom Geist als Gegenstand der Bitte und damit zugleich als Ursache der Dankbarkeit vorgehalten ist. Das Kind Gottes wird aber dazu veranlaßt, indem es sagen kann:

„Vater, die Stunde ist gekommen.”

Viele Gotteskinder sammeln sich nur darum nicht im Gebet, weil sie sich mit Sachen beschäftigen, die gar nicht der Gegenwart entsprechen. Jesus hatte sein Gebet nicht gesprochen, bevor die Stunde gekommen war. Erst dann redete er mit seinem Vater und legte sein innerstes Herzensverlangen im Gebet dem Vater hin und setzte sich in dem, was die Stunde brachte, mit ihm auseinander. Sein Gebet hat darum auch Ewigkeitswert und -bedeutung, weil es der Stunde entsprach, die für Jesum gekommen war. Genauso hat jedes Gebet des Kindes Gottes die gleiche Ewigkeitsbedeutung, wenn es das, was die gegenwärtige Stunde betrifft, mit seinem Gott durchspricht. Es ist dann mit seinem Gott vollkommen über die Stunde einig, die gekommen ist. Weil man das aber gewöhnlich nicht tut, darum ist man mit seinem Gott nicht in Harmonie. Wenn sich das Kind Gottes mit etwas beschäftigt, was gar nicht zeitgemäß ist, so wird

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es nicht erhört, weil Gott nur in der gegenwärtigen Stunde wirkt. So können Kinder Gottes Jahr und Tag beten und doch nie um das, was Gott ihnen zur Zeit vorhält. Er hält ihnen wohl die eine Sache immer wieder vor Augen, aber sie können sich nicht darauf einstellen, darum gehen sie immer an dem, was er ihnen zeigt, vorüber, weshalb sie auch keine Gebetserhörungen und die sich daraus ergebende wahre Dankbarkeit kennenlernen.

Was wir zu lernen haben, wenn Jesus sagt:

„Vater, die Stunde ist gekommen”,

ist das eine, daß wir auch für uns die jetzt gekommene Stunde erkennen und dementsprechend auch die Pflicht und Verantwortlichkeit dem Gegenstand gegenüber, den wir mit Gott durchzusprechen haben.

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Die Bitte um die Herrlichkeit Gottes

„Vater,... verherrliche deinen Sohn!” (Joh.17,1) 

Die Gott angenehme Stellung des Bittenden

war die kurze und doch klare Bitte des Sohnes Gottes am Anfang seines hohepriesterlichen Gebetes. Ein Bittender muß seine Bitte klar und bestimmt ausdrücken. Es wird einem Bittsteller in der Gegenwart irdischer Majestäten nicht gut anstehen, einen großen Vortrag zu halten. Es entspricht nicht der Sache. Die Bitte ist ganz und gar die Angelegenheit des Bittenden und nicht desjenigen, dem die Bitte vorgetragen wird. Dieser soll ja erst dafür interessiert und gewonnen werden. Darum gebührt es sich nicht, daß der Bittende sich dem gegenüber, den er um etwas bitten will, hervortut. Die Grundeinstellung des Bittenden muß darum bestimmt und klar sein. Das ersehen wir aus den Worten des Herrn. Sein ganzes Gebet kennzeichnet unbedingte Sammlung, Bestimmtheit, Klarheit und Zielsicherheit. Nur, wer auf das gottgewollte Ziel eingestellt ist, hat die Gott angenehme Stellung eines Bittenden. Jesus ist dafür das rechte Vorbild. Er hätte sich gewiß in dieser Stunde mit vielen anderen Sachen beschäftigen können, was seiner Würde ebensowohl entsprochen hätte wie das, was er im Gebet zum Ausdruck brachte. Er hätte von seiner Königs- und Herrschaftsstellung reden können. Doch er ließ die ganzen Herrschafts- und Ewigkeitsprobleme, die sich auf die kommende Königsherrschaft bezogen, in diesem entscheidenden Gebet völlig beiseite.

„Verherrliche deinen Sohn!”,

war die Herzensbitte Jesu, als er seine Augen von den Jüngern weg aufhob gen Himmel. Zu welchem Zweck soll der Vater ihn aber verherrlichen? Etwa dazu, damit er Herrlichkeit bekommt und in derselben groß ist? Sehen wir den Unterschied zwischen Jesus und uns? Jesus begründet diese Bitte mit den Worten:

„Damit auch der Sohn dich verherrliche!”

Nun müssen wir herausfinden, was Jesus mit dieser Bitte: „Verherrliche deinen Sohn!” meint. Wenn er im 5.Vers sagt:

„Nun verherrliche mich, du, Vater, bei dir selbst mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, ehe die Welt war”,

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ist in diesen Worten die Verherrlichung des Sohnes dem Wesen nach näher geschildert. Was wir nun in den Worten Jesu zuerst beachten müssen, ist das Verlangen nach Herrlichkeit. Aber wir verstehen das gewöhnlich in dem Sinn menschlicher Selbstherrlichkeit.  

Menschliche Größe und Erhabenheit ist das satanische Lockmittel

Man sucht vergeblich einen Menschen, der nicht nach Größe und Erhabenheit strebt. Darum können wir das satanische Lockmittel,

„ … ihr werdet sein wie Gott …” (1.Mos.3,5),

ganz gut verstehen. Weil Kinder Gottes sich einbilden, etwas zu sein, darum muten sie sich auch zu, daß sie die höchste Vollkommenheit erreichen könnten.

Diese Einbildung ist uns in dem Selbstbekenntnis des Engels der Gemeinde zu Laodicea vor Augen gehalten mit den Worten:

„Ich bin reich und habe Überfluß und bedarf nichts!” (Offb.3,17),

oder wie Paulus dieses Geschöpf im Brief an die Thessalonicher mit den Worten kennzeichnet:

„Der sich überhebt über alles, was Gott und Gegenstand der Verehrung heißt, also daß er sich in den Tempel Gottes setzt, indem er vorgibt, er sei Gott.” (2.Thess.2,4)

Stellen wir uns das einmal recht vor, was mit einem solchen Selbstbekenntnis ausgedrückt ist. Das ist noch mehr, als das vom Satan Versprochene:

„Ihr werdet sein wie Gott.”

Es geht noch einen Grad höher, indem man sich über Gott und das, was Gegenstand der Verehrung ist, überhebt und sich so noch eine Stufe höher stellt als Gott. Der Mensch der Sünde sagt nicht nur: Ich bin wie Gott, sondern er sagt auch: Ich bin Gott. Das ist auch Herrlichkeit, aber nur eingebildete. Aber den Ansatz dieses Wahns tragen wir alle in uns; das ist das Tragische bei uns Menschen. Wir haben natürlich keine Ursache, uns der Herrlichkeit zu rühmen. Wir wissen, wer wir sind, woher wir kommen und wie Vater und Mutter heißen. Wir kennen unsere Urabstammung. Gibt uns das Ursache, über unsere Herrlichkeit Wahnideen zu haben? Woher nehmen wir den Grund dazu, wenn wir aufrichtig sein wollen?

Sagt aber nicht die Schrift:

”Ihr seid Götter?... Und die Schrift kann doch nicht aufgehoben werden.” (Joh.10,34-35)

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Und das sind sogar Worte des Heilandes. Ja, gerade um des gottgewollten Zieles willen besteht bei den Kindern Gottes der Herrlichkeitswahn. Satan hat sich die Gottesordnung zunutze gemacht und sein teuflisches Gift dieser Urbestimmung beigemengt. Anstatt mit Weinen dieser gottgewollten Herrlichkeit zu gedenken, schwelgen wir heute in unserer Selbstherrlichkeit, die gar nicht vorhanden ist.

Wenn wir unsere Bitten prüfen, dann müssen wir herausfinden, daß wir vielfach so bitten, wie der Prophet Jonas: Er wurde zornig und betete (Jon.4,1-2). Jonas wurde darum zornig, weil es nicht so ging, wie er es haben wollte. Gott befriedigte seine Wünsche nicht. Ob nicht viele Gebete solch versteckter Wut entspringen, weil man nicht seine Anerkennung findet? Dahinter steckt aber nur unsere gekränkte, nicht genügend gewürdigte Größe und Herrlichkeit. Was man aber dabei denkt, weiß Gott so gut wie das, was man betet. In keinem Fall wird dadurch der Vater und der Sohn verherrlicht.

Die Stellung Jesu in seinem Gebet ist einzigartig. Er war von dieser Selbstherrlichkeit vollkommen frei. Er wurde versucht allenthalben gleichwie wir, aber bei allem war keine Spur von gekränkter oder beleidigter Größe und Selbstherrlichkeit. Darum konnte er immer in allem, was ihn von allen Seiten umgab, unberührt stehen und seinen Weg durch alle Einflüsse hindurch finden, bis er sein Haupt neigte und seinen Geist aufgab. Bei allem hatte er aber die Macht, zu tun, was er wollte. Wenn er sagte:

„Wen suchet ihr?” (Joh.18,7),

so fielen sie auf die Erde. Als sie ihn herausforderten:

„Steige herab vom Kreuze, dann wollen wir an dich glauben!” (Mark.15,32; Matth.27,40-44),

und die größten Lästerungen, Hohn, Schmach und Spott über ihn ergossen, hätte er ihnen mit einem Wort, mit einem Blick seine Machtfülle beweisen können. Er hätte ihnen seine Herrlichkeit zeigen können, aber er tat es nicht. Wir hören von ihm vielmehr die Bitte:

„Verherrliche deinen Sohn!”

Damit korrigiert Jesus uns Menschen in unserer irrigen Ansicht über die Herrlichkeit. Er, der es nicht für einen Raub hielt, Gott gleich zu sein, entäußerte sich, nahm Knechtsgestalt an und wurde an Gebärden den Menschenkindern gleich erfunden, um seinen Gehorsam bis in den Kreuzestod in dem gleichen Fleisch und Blut zu üben, das die Kinder Gottes in der sündigen Gestalt tragen (Phil.2,6-8). Er beanspruchte die Herrlichkeit in dieser Niedrigkeit nicht, sondern sagte:

„Vater, die Stunde ist gekommen, verherrliche deinen Sohn!”

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Damit will er doch sagen, daß bis zu der Zeit, als dieses Werk vom Vater ausgeführt wurde, sein Sohn nicht in der Herrlichkeit war. Er will damit zeigen, daß diese Herrlichkeit nicht in der Niedrigkeit der Knechtsgestalt, im sterblichen Fleisch und Blut liegt. Darum können wir nicht aufrichtig beten, wenn wir nicht einzig auf dieses eine Ziel:

„Vater, verherrliche deinen Sohn!”,

eingestellt sind.  

Jesus hat den Vater durch die vollkommene Zurückstellung seiner Selbstherrlichkeit verherrlicht

In Jesaja ist uns gezeigt, daß es da, wo die Herrlichkeit Jehovas majestätisch in Erscheinung tritt, heißt:

„Verkrieche dich in den Felsen und verbirg dich im Staub aus Furcht vor Jehova und vor seiner majestätischen Pracht!” (Jes.2,10)

Wenn Jehova allein erhaben sein soll, dann muß alles, was sonst Höhe ist, erniedrigt sein und sich in die Erdlöcher und Felsspalten verkriechen. Um die Herrlichkeit Gottes offenbarzumachen und Gott zu verherrlichen, ist es nötig, daß man mit seiner Herrlichkeit vom Schauplatz verschwindet. Wenn kein Geschöpf mehr Anspruch auf Herrlichkeit macht, dann wird Gott verherrlicht auf dieser Erde. Das hat der Sohn getan, und um es ausführen zu können, sagt er:

„Verherrliche mich, du, Vater, bei dir selbst mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, ehe die Welt war!”  

Warum Jesus um die Herrlichkeit betete

Jesus besaß die Herrlichkeit der vollkommenen Unvergänglichkeit und Einheit mit dem Vater. Diese Unvergänglichkeit und Einheit bestand in der vollkommenen Unterwürfigkeit, dem unbedingten Anerkennen der göttlichen Ordnung, daß das Wort, der vom Vater erzeugte Sohn, immer im Schoße des Vaters blieb.

Eine Störung kam erst durch das Geschöpf, das durch das Wort geschaffen war, welches sich aber gegen das Wort und somit gegen den Schöpfer erhob, indem es die Sünde der Lüge in sich erzeugte und dadurch die göttliche Ordnung aufhob. Jesus, das Wort, hatte die Herrlichkeit der Unvergänglichkeit beim Vater, ehe die Welt war. Ehe es andere Geschöpfe gab, war das von Gott, dem Vater, erzeugte Wort bei Gott, und Gott war das Wort. Es ruhte im Vater, darum war es auch herrlich beim Vater, weil es selbst der Träger dieser Herrlichkeit der Unvergänglichkeit des unsichtbaren Gottes, des Vaters, war. Wenn Jesus sagte:

„Verherrliche deinen Sohn!”,

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so liegt in diesen Worten nichts anderes, als das intensive Verlangen des Sohnes, daß die durch Sünde zerstörte göttliche Ordnung so durch den Vater wiederhergestellt werde, wie sie zwischen dem Vater und dem Sohn, zwischen Gott und dem Wort, vor Grundlegung der Welt, ehe es andere Geschöpfe gab, bestanden hat.

Diese Grundlegung der Welt muß sich nicht auf die gegenwärtige Schöpfung beziehen, sondern dürfte auf den Uranfang der Engelschöpfung hinweisen; denn damals ist der Grund dieser Welt gelegt worden.  

Warum Kinder Gottes nicht um die Herrlichkeit bitten

Wenn Jesus, das ins Fleisch gekommene Wort, selbst diese Bitte zum Ausdruck bringt:

„Verherrliche deinen Sohn!”,

so müssen wir daraus lernen, wie unsere Stellung und Gesinnung beim Bitten sein müßte und was unserer Gebetserhörung im Wege steht. In diesem Wort liegt die ganze Tiefe seines Gebetes; alles, was er im weiteren sagt, ist darin begründet. Daraus können wir die Einstellung für ein wahres, gottgefälliges Gebetsleben ersehen und erkennen, was es auch für uns bedeutet, wenn Jesus sagt:

„Verherrliche deinen Sohn!”

Warum tragen wir diese Bitte: „Verherrliche dein Kind!”, nicht als erstes in unserem Herzen? Weil wir kein Bedürfnis dafür haben, den Vater um diese Verherrlichung in der Unsterblichkeit zu bitten. Wenn aber ein solches Bedürfnis nicht vorhanden ist, so hat das seinen Grund darin, daß wir in der Selbstherrlichkeit stehen. Wir könnten wohl darum bitten, daß unsere Herrlichkeit durch Gottes Mitwirken größer werde. Aber das ist nicht das gleiche, wie wenn Jesus im Bewußtsein, daß seine Auferstehung aus den Toten im unsterblichen Leibe zuerst geschehen müsse, betete:

„Verherrliche deinen Sohn!”

Er war überzeugt, daß er in seinen Erdentagen auf dem Boden der Selbstentäußerung und Knechtsgestalt die Herrlichkeit der Unvergänglichkeit nicht besaß; denn er hatte sich derselben vollkommen entäußert. Noch völliger war er davon überzeugt, als in der gekommenen Stunde seine Leidensschule begann.

In dieser Überzeugung konnte er auch die Zeit als die gekommene Stunde erkennen, die wir gewöhnlich darum nicht sehen, weil wir unseren Blick auf etwas ganz anderes gerichtet haben, als auf das, was Jesus im Auge hatte, und was auch wir im Auge haben müßten.

Er weiß, daß, wenn ihm die Herrlichkeit der Unvergänglichkeit wieder zuteil wird, sie zur gegebenen Zeit und Stunde vom

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Vater kommt. Wir glauben dagegen, daß wir die Herrlichkeit, um die wir uns bemühen, schon in uns darstellen, weshalb wir nicht nach dem fragen, was nach Gottes Ratschluß und Willen als seine gute Gabe und sein vollkommenes Geschenk von dem Vater der Lichter zur bestimmten Zeit kommt (Jak.1,17). Viele Kinder Gottes sorgen nur um ihr Eigenes, weil sie meinen, schon im Fleische durch einen veränderten Lebenswandel diese Herrlichkeit erlangen zu müssen.

In dieser fleischlichen Gesinnung können sie natürlich nur Verständnis für das haben, worauf ihr Blick gerichtet ist. Sie kennen aber die bestimmten Zeitabschnitte in der persönlichen Ausgestaltung oder in der Entfaltung des Reiches Gottes nicht. Man kann natürlich nichts Göttliches sehen, auf das man im Geiste nicht eingestellt ist. Unser Geist ist auf das eingestellt, womit er sich beschäftigt. Wenn sich der Geist mit Eigenem beschäftigt, so kann er das göttliche Licht nicht aufnehmen.

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Die Verherrlichung des Vaters

„Verherrliche deinen Sohn, damit auch der Sohn dich verherrliche!” (Joh.17,1)

  Der Gehorsam zur empfangenen Aufgabe ist die Stellung des erhörlichen Gebetes

Indem Jesus sagt:

„Verherrliche deinen Sohn!”

und erklärend hinzufügt:

„Verherrliche mich, du, Vater, bei dir selbst mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, ehe die Welt war!”,

so offenbart er uns seine nur auf dieses Ziel gerichtete Sehnsucht, nichts außer dem Vater zu wollen und zu sein. Weil er sich selbst entäußert und Knechtsgestalt angenommen hatte und in die Erniedrigung des sterblichen Leibes heruntergestiegen ist, darum wollte er wieder in diese vollkommene Harmonie mit dem Vater kommen und der Träger dieser ewigen Gottesordnung werden, wie er es früher war. Wenn wir das sehen würden, dann hätten wir das Wesenhafte in der Gotteskindschaftsstellung in den Worten erkannt:

„Verherrliche deinen Sohn, damit auch der Sohn dich verherrliche!”

Dann würden wir verstehen, warum wir als erstes bitten sollen:

„Unser Vater, der du bist in den Himmeln! Geheiligt werde dein Name.” (Matth.6,9)

Unser ganzes Sinnen soll eben nur auf das eine gerichtet sein:

„Geheiliget werde dein Name.”

Zu diesem Zweck muß der Vater seinen Sohn durch seine Auferstehung aus den Toten im unsterblichen Leibe verherrlichen. Er muß ihn in die Stellung der Unvergänglichkeit bei sich selbst bringen, deshalb hatte Jesus seinen Sinn nur auf diese Stellung, die er beim Vater vor Grundlegung der Welt hatte, gerichtet. Sein ganzes Sinnen bestand in nichts anderem, als in dem, was des Vaters war. Er wollte nichts in Erscheinung treten lassen, was nicht seinen Urgrund im Vater hatte. Wenn wir das

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verstehen, dann wissen wir, was es heißt, so zu bitten, wie es Gott wohlgefällig ist, daß man sich nicht mehr zerstreut, sondern einzig nur so bittet, daß man von ihm anerkannt und erhört wird. Dann sagt man: Du bist mein Vater und ich dein Kind, darum will ich nichts für mich, sondern nur für dich dasein. Und aus dieser Stellung heraus betet man dann:

„Verherrliche deinen Sohn, damit auch der Sohn dich verherrliche!“

Jesus bringt mit diesen Worten in seinem Gebet eine Gottesordnung zum Ausdruck, die darin besteht, daß er der Träger des göttlichen Willens in seinem Ewigkeitsratschluß ist, damit durch den Sohn der Vater verherrlicht werde.

Als er als Knabe von zwölf  Jahren den ersten Weg nach Jerusalem antrat, konnte er seinen Eltern schon sagen:

„Wußtet ihr nicht, daß ich sein muß in dem, das meines Vaters ist?” (Luk.2,49)

Und bei seinem erstmaligen öffentlichen Auftreten lautet sein Ausspruch:

„Also gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen!” (Matth.3,15),

indem er bereit war, hinunterzusteigen, um das Alte durch die Taufe zu begraben. Nachdem er sich hatte taufen lassen, ging er seinen Weg das ganze Leben hindurch in dem Bewußtsein, den Willen des Vaters zu tun, bis wir zuletzt  - aber nur einmal -  von seinen Lippen hören:

„Mein Vater! Ist es möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht wie ich will, sondern wie du willst!” (Matth.26,39)

Das Leben Jesu war davon erfüllt, daß er nicht seinen Willen tat, sondern den Willen dessen, der ihn gesandt hatte, und sein Werk vollbrachte. Am Abschluß seiner Laufbahn konnte er das Zeugnis ablegen:

„Ich habe dich verherrlicht auf Erden, das Werk vollendet, das du mir gegeben hast, daß ich es tun sollte.” (Joh.17,4)

Nun sagt er es endgültig:

„Verherrliche deinen Sohn, damit auch der Sohn dich verherrliche!”

Somit stand er vollkommen auf dem Boden seiner Aufgabe, um das Werk, das ihm aufgetragen war, auszuführen und in seiner Gehorsamsstellung den Vater im unsterblichen Leibe zu verherrlichen. Darin sehen wir den Boden der Gebetserhörung.

Jesus wußte sich vom Vater für seine gottgewollte Aufgabe bestimmt. Aber es hatte sich erfahrungsgemäß ergeben, daß zur Erfüllung seiner Aufgabe die nötige Stunde vorhanden sein mußte,

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und erst zu dieser Zeit gab ihm der Vater die erforderliche Ausrüstung, damit er seine Aufgabe ausführen konnte. Für ihn gab es keinen Schritt, der nicht in Harmonie mit dem Vater war. Diese Harmonie brachte er durch die Verbindung zustande, die er in jeder Sache mit dem Vater unterhielt. Es gab bei ihm ein Abirren und Verlassen des gottgewollten Weges in keiner Beziehung und nach keiner Richtung. Wenn der Sohn dem Vater nur im Geringsten im Wege gestanden hätte, indem er den ausgesprochenen Wunsch:

„Wenn es möglich ist, so laß diesen Kelch an mir vorübergehen”,

behauptet hätte, so wäre die Verherrlichung des Vaters durch die Auferweckung seines Sohnes aus den Toten unmöglich gewesen. Wenn ihm die Erfüllung seines Wunsches auch angenehm gewesen wäre, so gab er ihn doch sofort auf und ging willig in seines Vaters Wege ein, indem er jedes Verlangen niederlegte, was im Geringsten der Ordnung, dem Willen, den Wegen und Absichten Gottes in der ihm gestellten Aufgabe widersprochen hätte.

So ist endlich das Werkzeug zur gegebenen Stunde da; denn es ist durch Gehorsam im Leiden vollendet worden (Hebr.5,8-9; 2,9-10), um wirklich in der göttlichen Ausrüstung die gottgewollte Aufgabe zu seiner bestimmten Zeit und Stunde ausführen zu können und seinen Vater im unsterblichen Leibe zu verherrlichen.

Diese Ordnung müssen wir uns einprägen. In diesen Linien muß auch unser Gebetsleben sich bewegen, wenn es fruchtbar sein soll.

Wir lesen im 20.Psalm die Worte:

„Er gebe dir, was dein Herz begehrt und erfülle alle deine Ratschläge!” (Ps.20,5)

Nach diesem Wort wird jede Bitte, die als Herzenswunsch vor Gott gebracht wird, von Gott erfüllt, wenn das Herz des Kindes Gottes nur auf das eine gerichtet ist, daß Gott durch den unsterblichen Leib des Kindes Gottes verherrlicht werde. Wie viele Gebete werden aber nicht erhört! Wir wissen das, trotz der Behauptung der Kinder Gottes, daß es ihnen nur darum zu tun sei, daß Gott durch sie verherrlicht werde.

Man will zum Beispiel von Gott körperliche Heilung aus keinem anderen Grunde beanspruchen, als zur Verherrlichung Gottes. Man sagt: Gott hat es gesagt, daß er hilft, und wenn wir den Weg nicht gehen würden, so würde es nicht offenbar unter den Leuten, daß sein Wort wirklich wahr ist. Wenn man nun keinen anderen Weg geht, als den Weg des Gebetes, dann müssen die Leute sehen, daß das wirklich in Erfüllung geht, was Gott zugesagt hat. So ist oft die Einstellung bei vielen Kindern Gottes. Aber sagen sie das in jedem anderen Fall auch so? Sagen sie auch, wir müssen so einander die Füße waschen, wie Jesus es getan hat, und wir müssen als Brüder uns untereinander auch so lieben, wie

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Jesus seine Jünger geliebt hat? (Joh.13,14-15). Wir müssen miteinander auch so eins sein, wie es Jesus mit den Jüngern war, damit vor der Welt das Wort Gottes in Erfüllung geht  - sagt man das auch?

Es wäre schon gut, wenn das Kind Gottes in der Welt diese Stellung hätte, daß es in seinem praktischen Verhalten jede göttliche Verheißung als Ja und Amen in Christo darstellen würde. Aber wenn es dabei in etwas entsagen sollte, denkt es nicht mehr daran, der Welt die Erfüllung des Wortes Gottes in seinem Leben zu zeigen.

Die Erhörung bleibt dann gewöhnlich aus; denn Gott antwortet nicht, wenn die Einstellung des Kindes Gottes nicht so ist, wie sie sein müßte. Wenn man der Welt zeigen will, daß durch die Erfüllung des Wortes Gottes Gott im unsterblichen Leibe verherrlicht werden muß, dann muß man von seiner Selbstherrlichkeit abtreten. Wir müssen wissen, wenn wir wirklich in der Unsterblichkeit zur Verherrlichung unseres Gottes dienen sollen, daß dann die Ausrüstung dazu auch von ihm kommen muß. Wir können nicht in unserem sterblichen Fleisch Werkzeuge zur Verherrlichung Gottes sein, wenn wir von ihm selbst die Ausrüstung dazu noch nicht bekommen haben.  

Abraham, der Vater der Gläubigen, verherrlichte Gott zu der Zeit,  als er auf Morija durch die Opferung seines geliebten Sohnes die Gottesfreundschaft erlangt hatte.

Und selbst Jesus beanspruchte nicht, daß Gott durch ihn verherrlicht würde, ehe der Vater ihn mit dem ausgerüstet hatte, was ihm in der gekommenen Stunde nötig war. Wenn wir das einmal recht verstehen, dann verstehen wir Abrahams Leben. fünfundzwanzig Jahre vergingen, bis er im Glauben stark war und nicht mehr auf das Sichtbare blickte, so daß der verheißene Sohn Isaak aus dem erstorbenen Leibe geboren wurde (Röm.4,19-21). Dann mußte er durch die Trübsale und Nöte hindurch, bis er die ihm von Gott gegebene Aufgabe auf dem Morija-Hügel erfüllt hatte. Bevor Abraham die nötige Ausrüstung dazu hatte, war es noch nicht Zeit, die Aufgabe, „seinen Gott zu verherrlichen”, zu erfüllen.

Die ersten fünfundzwanzig Jahre schöpfte er aus der gegebenen Verheißung, und die zweite Hälfte seines Glaubenslebens schöpfte er aus der ihm gewordenen Glaubenskraft, so daß die Werke seines Glaubens ihn zur Vollendung brachten und ihn zum Freunde Gottes machten (Jak.2,21-23).

In dieser Stellung als „Freund Gottes” konnte Abraham seinen Gott verherrlichen; denn alle eigene Herrlichkeit war nun dahin. Das war der Boden, den Paulus mit den Worten bezeichnet:

„Nicht aber ich, sondern die Gnade Gottes, die mit mir ist.” (1.Kor.15,10)

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„Christus in uns” ist dann die Hoffnung der Herrlichkeit (Kol.1,27), wenn der Knecht Gottes alles vermag, aber nicht aus sich und durch sich, sondern durch den, der ihn mächtig macht, Christus (Phil.4,13).

„Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gibt durch unsern Herrn Jesum Christum!” (1.Kor.15,57),

bezeugt Paulus. In diesen Aussprüchen sehen wir den Abrahamsboden, auf dem die eigene Person völlig ausgeschaltet und vom Schauplatz abgetreten ist. Können wir verstehen, weshalb es gar nichts nützt, wenn wir um der Erfüllung des Wortes Gottes und der Verheißungen willen etwas sein wollen, während wir durch das Erstreben der Selbstherrlichkeit der Erfüllung im Wege stehen?

Die Verherrlichung Gottes kann nur dann geschehen, wenn wir vollkommen auf dem Werkzeug-Boden als Knechte stehen, die alles eigene Herrsein und Bestimmenwollen abgelegt haben. Dann ist Harmonie zwischen dem Wort:

„Verherrliche deinen Sohn, damit auch der Sohn dich verherrliche!”

und der Zeit, in der sich das Kind Gottes seiner Niedrigkeit bewußt ist.

Abraham kannte darum, als die Zeit dazu gekommen war, ganz naturnotwendig seine Freundschaftsstellung aufgrund seiner Morija-Erfahrung. Wenn er sich vorher durch irgendwelche Bemühungen hätte in diese Freundschaft mit seinem Gott hineinarbeiten wollen, so hätte er doch das Wesen dieser Niedrigkeit nicht schaffen können. Auf diesem Boden gibt es eben keinen Ersatz und kein Vorspiegeln von Tatsachen, sondern nur Wirklichkeiten. Da braucht man vor Nachahmungen nicht zu warnen, und es ist keine Gefahr, daß die Unterschrift gefälscht werden könnte, oder daß sich jemand einschleichen könnte, um etwas an sich zu reißen, wozu er nicht berechtigt ist. Das ist auf diesem Boden völlig ausgeschlossen. Nur das Erleben dieser Niedrigkeit in der praktischen Erfahrung führt zur rechten Herzenssehnsucht nach der Herrlichkeit der Unsterblichkeit. Es mag ein Kind Gottes zwar in allerlei Einbildungen über die Stellung der Niedrigkeit leben, aber das alles kann das Wahre nicht ersetzen, das erst in der Stunde kommt, wenn man den klaren Boden unter den Füßen hat, aus dem heraus sich einzig die richtige Erfahrung der Niedrigkeit zur Verherrlichung Gottes im unsterblichen Leibe ergeben kann und muß.

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Die Ausrüstung mit göttlicher Vollmacht

„Gleichwie du ihm Vollmacht gegeben hast über alles Fleisch...” (Joh.17,2)  

Jesu göttliche Willenseinstellung in seinem Gebet zu seiner Aufgabe

Jedes Wort, das Jesus in diesem Gebet ausgesprochen hat, ist für uns von der größten Wichtigkeit und Bedeutung. Es muß uns darum zu tun sein, die Grundordnung des Gebetslebens kennenzulernen, um persönlich darauf einzugehen.

Jesus hat als erstes in dieser Stunde die richtige Stellung zum Vater zum Ausdruck gebracht, und das durchzieht das ganze Gebet. Er bittet und verlangt Antwort. Nachträglich sagt er:

„Ich will!”

Dem geht aber voraus, daß er vorher Gottes Willen und Ordnung mit den Worten anerkannt hat:

„Vater, die Stunde ist gekommen; verherrliche deinen Sohn, damit auch der Sohn dich verherrliche!”

Das will Gott. Seine Ordnung ist die Unterordnung des Geschöpfes unter den Schöpfer als die einzig richtige Einstellung, wodurch das Geschöpf vollkommen vom Schöpfer abhängig ist. In dieser Stellung hat er von seinem Dienst und seiner Aufgabe, die er ausführen sollte, mit den Worten geredet:

„Gleichwie du ihm Vollmacht gegeben hast über alles Fleisch, auf daß er ewiges Leben gebe allen, die du ihm gegeben hast.”

Das ist seine Aufgabe: er soll das ewige Leben allen denen geben, die der Vater ihm gegeben hat. Jesus sagt klar, daß er eine Aufgabe zu erfüllen habe, aber er betet nicht: Lieber Gott, hilf mir, daß ich etwas sein kann, damit ich auch etwas für dich zu tun vermag. Das zeigt, wie verkehrt unsere Einstellung gewöhnlich ist! Darum haben wir auch kein Licht, weil wir unseren Blick nicht auf das göttliche Ziel, sondern auf uns selbst gerichtet haben. Wir sehen nur auf uns, alles dreht sich um uns selbst, aber Jesus beachtete sich nicht, und darum konnte er sagen:

„Gleichwie du ihm Vollmacht gegeben hast über alles Fleisch.”

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Er sieht wohl die Aufgabe, aber er muß nicht um die Ausrüstung für die Aufgabe bitten, wie wir das gewöhnlich tun.

Wenn wir diesen Gedanken in der Betrachtung dieses Gebetes im Auge behalten können, so werden wir herausfinden, daß bei allem, was Jesus von sich sagt, jeder Gedanke an Selbstbefriedigung und Sichhervortun, um etwas zu sein, ganz ausgeschaltet ist. Der Sohn konnte eine solche Stellung zum Vater einnehmen, weil er dem Vater völlig unterwürfig und von ihm abhängig war, indem er sich von jeder Selbstherrlichkeit entblößt wußte (Hebr.5,7). Er wußte, daß, wenn er der Träger der Herrlichkeit, der Unvergänglichkeit werden soll, ihm dieselbe vom Vater gegeben werden muß.  

Die widergöttliche Willenseinstellung im Gebet
der Gläubigen

Wir beten gewöhnlich, weil wir etwas haben möchten, aber das, was wir wollen, wünschen wir meistens nur darum, weil wir das gern sein möchten, worauf unser Verlangen und unsere Sehnsucht hinzielen. Wir bitten nur um die irdischen Güter, um sie mit den Wohllüsten in unsern Gliedern zu verzehren und uns dadurch zu befriedigen (Jak.4,3). Wenn wir um Nahrung, Kleidung, Obdach, Gesundheit, Stellung usw. bitten, was der Mensch zum Leben benötigt, so tun wir es meistens nicht in wahrer Selbstlosigkeit, Aufopferung, Hingabe und Entsagung. Gewöhnlich beten wir nicht, weil wir mehr bedürfen und haben müssen, sondern weil wir mehr haben möchten. Man könnte z. B. seine Krankheit gut noch ertragen, die Besserung oder Heilung wäre keine unbedingte Notwendigkeit. Bittet man deshalb um des Herrn willen oder nur, weil man gern Erleichterung in seinem Befinden haben möchte, weil es ohne Schmerzen angenehmer ist?

Es kommt deshalb nur darauf an, aus welchen Beweggründen wir unsere Bitten vor Gott bringen. Wenn die Ursache die ist, daß wir es besser haben möchten, so ist das keine würdige Ursache für das Gebet.

Oder lenken wir unsere Aufmerksamkeit auf ein anderes Gebiet: die geistlichen Segnungen, Güter und Gaben. Aus welchem Grunde bitten wir darum? Möchten wir sie um der göttlichen Bestimmung und Aufgabe oder um unsertwillen, damit wir uns dessen rühmen können?! Ist das aber die richtige Ursache zum Gebet? Auch dabei ist dann kein großer Unterschied zwischen dem Irdischen und dem Geistigen; denn man will ja gewöhnlich auch das Geistige nur, um dadurch befriedigt zu sein.

Warum müssen wir um geistige Ausrüstung bitten? Petrus sagt:

„Nachdem seine göttliche Kraft uns alles geschenkt hat, was zum Leben und zur Gottseligkeit dient, durch die

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Erkenntnis dessen, der uns berufen hat durch seine eigene Herrlichkeit und Tugend.” (2.Petr.1,3)

Daß uns aber seine göttliche Kraft alles geschenkt hat, das weiß man nur durch die Erkenntnis dessen, der uns durch seine eigene Herrlichkeit und Tugend berufen hat. Wenn man diese Erkenntnis hat, von der Petrus redet, dann muß man nicht mehr um diese Ausrüstung bitten. Man sieht dann nicht nur das Ziel, sondern man kennt auch die göttliche Ordnung, nach der uns alles, was zum Leben und göttlichen Wandel dient, schon geschenkt ist. Solange wir aber darum bitten, beweisen wir, daß wir das nicht sehen, was Gott uns schon gegeben hat.

Um die Erkenntnis, daß sie Gottes Wege, seine Absichten und Gedanken erkennen können, bitten Kinder Gottes sehr selten, sie bitten meistens nur um den Besitz und bekommen ihn darum nicht, weil sie die göttliche Ordnung nicht einhalten und nicht durch die Erkenntnis das göttliche Walten verstehen lernen wollen. Sie blicken mehr auf ihre Erfahrungen und bekunden damit, daß sie nur genießen wollen. Wer nur um den Besitz bittet, der sucht nicht den göttlichen Weg zu erkennen. Es ist aber wichtiger, daß ein Kind Gottes erkennt, wozu Gott seine Gaben gibt. Wir kümmern uns aber gewöhnlich um das göttliche Walten und seine Ordnung wenig; wenn wir nur unsern Genuß haben, dann sind wir befriedigt und sagen von der Stellung, wie sie Jesus darstellt, einfach: das war Jesus. Gewiß bringt er als der Meister in seinem Gebet alles so vollkommen zum Ausdruck, daß wir es nicht einfach schablonenmäßig nachmachen können. Aber trotzdem dürfen wir doch nicht scheiden zwischen dem, was in seinem Gebet als die göttliche Ordnung zum Ausdruck gebracht wurde und uns schwachen Menschen.

Die Ordnung, die Jesus in seinem Gebet zum Ausdruck bringt, gilt nicht nur für ihn, sie gilt auch genauso vollkommen für uns. Wenn diese Worte:

„Gleichwie du ihm Vollmacht gegeben hast”,

nur dem Herrn gelten und nicht auch den Kindern Gottes, so ist es nicht wahr, was Jesus am Ende seines Gebetes sagt, daß er will, daß die, die ihm der Vater gegeben hat, da seien, wo er ist (Joh.17,24). Würde ihnen nicht das ganze Gebet gelten, dann könnten sie auch nicht da sein, wo er ist. Wenn sie aber auch da sein sollen, wo er ist, dann muß das auch ihnen gelten, was Jesus von sich selbst sagte. Wie klar redete der Sohn von der Einheit, daß er in ihnen und der Vater in ihm ist! Durch die Scheidewände, die man da aufrichten will, zeigt man, wie fleischlich man in seiner Gesinnung dem Wort Gottes gegenüber noch eingestellt ist und wie wenig man gelernt hat, den Sinn dessen zu verstehen, was der Buchstabe umhüllt.

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