Weg zur Wahrheit

Röm. 4,7 «Selig sind die, welchen die Übertretungen vergeben und deren Sünden zugedeckt sind;  8 selig ist der Mann, welchem der Herr die Sünde nicht zurechnet!»

Joh. E. Keller

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Das Sendschreiben an die Gemeinde zu Ephesus

 

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Die Ausgestaltung vom Kommen des Herrn in dem Geheimnis der sieben Sterne und der sieben Leuchter

A. Allgemeines über die sieben Engel der sieben Gemeinden und die sieben Gemeinden

Die durch Jesum und die Apostel verkündigte Vollkommenheit ist die Grundlage für das Kommen des Herrn.

Um des engen Zusammenhanges willen, achten wir nun gleichsam als Übergang von der Gemeinde des Herrn zu den in den sieben Sendschreiben berichteten sieben Gemeindeordnungen zuerst auf die folgenden Erklärungen als Ergänzung der Ausfüh­rungen:

1)   Die Grundlage, auf der das Kommen des Herrn ein­zig nur erfolgt, ist das Evangelium von der ersten Liebe und von der darin bezeugten göttlichen Verheißung, das der Sohn Gottes und die Apostel Jesu Chri­sti als die Vollkommenheit verkündigt haben.

2)   Darüber hinaus besteht diese Grundlage im Zeugnis Jesu Christi und der Apostel auch noch in ihrer mannigfaltigen Vollkommenheitslehre vom Ziel der Hoffnung als der göttlichen Verheißung,

3)   ferner in ihrer ausführlichen Glaubenslehre, die sich ebenfalls auf die Vollkom­menheit bezieht.

4)   Auch ihre inhaltsreiche und klare Lehre von der vollkommenen Liebe und

5)   dem Hohenpriesterdienst, den Jesus als neuer Mensch, d.i. als neue Kreatur in seinem vollendeten Herrlichkeitsleib, zur Rechten Gottes und vor dem Angesichte Gottes für die Kinder Gottes ausrichtet, gehört noch zu dieser Grundlage.

6)      In diesen Lehren, in denen die göttliche Verheißung im Evangelium fast aus­schließlich als die Vollkommenheit im Sieg des Lebens über den Tod in der Lei­besverwandlung der Kinder Gottes dargestellt ist, sind auch die verschiedenen Gebiete ins rechte Licht gestellt, auf denen die Kinder Gottes in ihrer Stellung zu der göttlichen Verheißung die Vollkommenheit erreichen

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müssen, damit sich diese Verheißung in ihrer Erfahrung erfüllen kann.

Wenn die Grundlage für die Offenbarung Jesu Christi und sein Kommen so klar von Jesu selbst und den Aposteln der christlichen Gemeinde verkündigt worden ist, kann das Kommen das Herrn erst dann erfolgen, wenn in der Stellung der Gemeinde des Herrn diese Vollkommenheit zur göttlichen Verheißung erlangt ist. Wie es die Erfahrung in der christlichen Gemeinde lehrt und beweist, ist diese Vollkommenheit auf den vorher genannten Wahrheitsgebieten noch nicht erlangt worden. Demzufolge konnte aber auch die Vollkommenheit der göttlichen Verheißung im Evangelium in der Leibesverwandlung der Kinder Gottes als Sieg des Lebens über den Tod durch das Kommen des Herrn und das Offenbarwerden seiner Herrlichkeitsfülle an ihnen noch nicht in Erfüllung gehen. Daß die Offenbarung des Herrn als Erfüllung der göttlichen Verheißung bis heute nicht erfolgt ist, hat deshalb in erster Linie seine Ursache in der noch bestehenden Unvollkommenheit, die die Stellung der Kinder Gottes zum Evan­gelium von der ersten Liebe und zu der göttlichen Verheißung im Evangelium auf­weist.  

Der Ratschluß Gottes mit den sieben Gemeinden für das Kommen des Herrn.

Wie Gott nun seinen Willen über die Ordnung vom Kommen des Herrn und der damit verbundenen vollkommenen Erfüllung seiner Verheißung durch Johannes auf Patmos offenbart hat, soll uns durch die Betrachtung der sieben Sendschreiben klar beleuchtet werden. Ganz allgemein ausgedrückt, ist der Sinn der Sendschreiben der folgende:

1. Der Inhalt der sieben Sendschreiben ist die Offenbarung des göttlichen Willens über die Fortsetzung und weitere Ausgestaltung dessen, wie Jesus und die Apo­stel der Gemeinde den Willen Gottes in der uns bekannten Art und Weise als die Ordnung der Vollkommenheit verkündigt haben. Damit in der christlichen Gemeinde diese weitere Ausgestaltung bis zur Erfüllung der göttlichen Verheißung im Kommen des Herrn erfolgen kann, gebraucht Gott die Ordnung der sieben Engel der sieben Gemeinden, und die sieben Gemeinden, von denen in den sie­ben Sendschreiben voneinander getrennt berichtet ist.

2. Die Sendschreiben müssen ihrem Sinn nach aber auch als Fortsetzung der Offen­barung der Unvollkommenheit angesehen werden, wie solche trotz der Vollkom­menheitslehre Jesu und der Apostel, schon in der Gemeinde des Herrn vorhanden war.

3. Der Sinn der sieben Sendschreiben ist aber auch die Fortsetzung von dem Kampf zwischen Licht und Finsternis, zwischen Wahrheit und Lüge, zwischen der Unvoll­kommenheit und der Vollkommenheit, zwischen Satans Machteinfluß in der Gemeinde Christi und Jesu Machtvollkommenheit in seiner Stellung als Haupt der Gemeinde, wie dieser Kampf schon in der ersten Gemeindezeit seinen Anfang genommen hat und noch nicht zur völligen Ausgestaltung, d.h. zum Abschluß gekommen ist.

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In diesem Lichte müssen die Zweckbestimmung und die Bedeutung der sieben Engel der sieben Gemeinden und der sieben Gemeinden gesehen werden.  

Die Ordnung der sieben Gemeinden ist die Fortsetzung von der Gemeinde des Herrn.

Daß es sich bei diesen sieben Engeln und den sieben Gemeinden nicht nur um sieben Vorsteher von sieben örtlichen Christengemeinden handelt, wie sie zu Lebzei­ten des Apostels Johannes in den mit Namen bezeichneten vorderasiatischen Städten vorhanden waren, sondern um sieben Gemeindeordnungen, die sich an die erste Gemeindezeit anschließen und erst durch das Kommen des Herrn ihren Abschluß fin­den, ist bereits in der übersichtlichen Einteilung der ganzen Offenbarung im ersten Hauptteil klar gezeigt worden. Das kann auch noch aus der eben erkannten Zweckbe­stimmung der sieben Engel der sieben Gemeinden und der sieben Gemeinden, die sie als Fortsetzung und weitere Ausgestaltung für den Heilsratschluß Gottes haben, erkannt werden. Diese sieben Gemeindeordnungen können nach einer Darstellung des Propheten als die sieben Kinder der Gemeinde des Herrn angesehen werden (Jer.15,9). Aus der Gemeinde des Herrn, die Jesus gegründet und die die Apostel durch ihren Dienst am Evangelium von der göttlichen Verheißung weiter ausgebaut und gefördert haben, ist der Gemeindezustand der in den Sendschreiben zuerst genann­ten Gemeinde, der Gemeinde zu Ephesus, hervorgegangen. Im Anschluß daran haben sich nach dem Ratschluß Gottes im Laufe der Jahrhunderte nacheinander die sechs weiteren Gemeindeordnungen, deren Namen uns bereits bekannt sind, gebil­det. Dies geschah in der Weise, daß immer der vorhergehende Gemeindezustand die Grundlage und somit den Ausgangspunkt für die jeweils folgende Gemeindeordnung darstellte. Daß die sieben Gemeinden in dieser Ordnung gesehen werden müssen, ist auch dadurch bewiesen, daß die Reihenfolge der sieben Gemeinden immer die glei­che ist. Es ist in dieser Reihenfolge nie ein Wechsel zu finden (vgl.Offb.1,11; Kap.2-3). So ist es unvorstellbar, daß z.B. die letzte Gemeinde, nämlich die Gemeinde zu Laodicea, einmal am ersten Platz stehen könnte. Wenn es aber eine Ordnung bei diesen sieben Gemeinden ist, daß die Reihenfolge, so wie sie ist, auch bleiben muß, so muß dafür auch der Grund bestehen, daß sich die jeweils folgende Gemeinde aus der vorherge­henden ergibt. Bei sieben Ortsgemeinden, die nur nebeneinander bestehen, wäre diese Ordnung keine Notwendigkeit. Über das alles geben dann die folgenden Ausfüh­rungen in der Behandlung der einzelnen Sendschreiben und Gemeindeordnungen noch weiteren genauen Aufschluß, so daß sich jeder ernste Leser über die Bedeutung und Zweckbestimmung der sieben Gemeindeordnungen, sowie auch über ihre ord­nungsmäßige Gestaltung zur Erfüllung der göttlichen Verheißung im Kommen des Herrn ein klares Bild machen kann.  

Die sieben Engel sind die Diener und Vorsteher der sieben Gemeinden.

Wenn eben erklärt wurde, daß die sieben Gemeindeordnungen die Fortsetzung von der Gemeinde des Herrn sind, so soll damit nicht gesagt

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sein, daß zwischen der Gemeinde des Herrn und den sieben Gemeindeordnungen kein Wesensunterschied besteht. Es muß vielmehr so gesehen werden, daß die sie­ben Gemeindeordnungen in der Entwicklung der christlichen Gemeinde, als der Trä­gerin des Evangeliums, eine völlig neue Gemeindeordnung darstellen im Gegensatz zu der Ordnung, die die Gemeinde des Herrn bis zum Beginn der sieben Gemeinden darstellte.

Nebst dem, daß der Herr sich zur Ausgestaltung seines Ratschlusses nicht mehr nur einer Gemeinde bedient, sondern deren sieben in Frage kommen, hat er auch die Ordnung des Dienstes in der christlichen Gemeinde auf einen neuen Boden gestellt. In der Gemeinde des Herrn waren die Apostel und Propheten und in Verbindung damit die Evangelisten, Hirten und Lehrer zu ein und derselben Zeit mit dem Dienst in der Gemeinde betraut (Eph.4,11; 1.Kor.12,28-30). Von dieser Dienstordnung ist in den sieben Gemeinden nicht mehr die Rede. Hier sind es die sieben Engel der sieben Gemein­den, von denen jeweils nur einer der Diener bzw. der Vorsteher einer Gemeinde ist, und zwar zu der Zeit, wenn die Gemeinde vorhanden ist. Die sieben Engel sind in der rechten Hand des Herrn die Diener der sieben Gemeinden. Als solche stehen sie im direkten Zusammenhang mit dem Geheimnis vom Kommen des Herrn (Offb.1,19-20), ja, sie bilden in ihrem Verhältnis zum kommenden Herrn den wichtigsten Teil dieses Geheimnisses. Ihr Verhältnis zu der Gemeinde, der sie jeweils vorstehen, besteht darin, daß sie für die Stellung der Gemeinde zum Herrn verantwortlich sind. Damit ist wieder bestätigt, daß diesen sieben Engeln in den sieben Gemeindeordnungen im Blick auf das Geheimnis vom Kommen des Herrn die größere Bedeutung beizumes­sen ist, als sie die sieben Gemeinden haben, denen sie vorstehen.

Die Ordnung der sieben Gemeinden ist das Geheimnis vom Kommen des Herrn.

Als Abschluß dieser allgemeingehaltenen Ausführungen für den dritten Band sei kurz noch darauf hingewiesen, daß die sieben Gemeindeordnungen das Geheimnis der Offenbarung Jesu Christi sind, und weshalb sie dieses Geheimnis vom Kommen des Herrn sind. Die sieben Engel der sieben Gemeinden und die sieben Gemeinden sind das Geheimnis der Offenbarung Jesu Christi genannt, weil in Verbindung mit der Ordnung, die sie darstellen, das Kommen des Herrn auf eine Art und Weise erfolgt, die Jesus und die Apostel der Gemeinde des Herrn nicht verkündigt haben. Sie haben zwar in ihrer Lehre die Vollkommenheit der göttlichen Verheißung im Sieg des Lebens über den Tod, der nur durch die Wiederkunft des Herrn in der Erfahrung der Leibes­verwandlung der Kinder Gottes offenbar wird, verkündigt. Doch nach welcher Ordnung diese Offenbarung des Herrn in der Zeit der sieben Gemeinden erfolgt, haben sie nicht gelehrt. Die Offenbarung darüber, nach welcher Ordnung die Wiederkunft des Herrn in dieser Zeit der sieben Gemeinden erfolgt, hat Gott erst dem Apostel Johan­nes auf Patmos gegeben. Er sollte sie in ein Buch schreiben und den sieben Gemein­den in Asien senden (Offb.1,11). Das Verhalten, das der Apostel Johannes

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der ihm mitgeteilten Ordnung vom Kommen des Herrn gegenüber gezeigt hat (Offb.1,17), beweist, daß ihm, obwohl er Apostel Jesu Christi war, darüber, was die Ordnung der sieben Gemeinden betrifft, das Licht noch gefehlt hat. Daß er die ihm in seiner Erscheinung zuteil gewordene Offenbarung vom Kommen des Herrn in ein Buch schreiben und es den sieben Gemeinden in Asien senden soll, ist auch ein Beweis dafür, daß jene christlichen Gemeinden, die von den Aposteln gegründet wur­den, darüber auch noch keine Unterweisung in der Lehre der Apostel bekommen hat­ten. Weil Gott seinen Willen und Ratschluß durch den heiligen Geist und den Mittler­dienst seiner Diener nie zur Unzeit offenbart, müssen wir es so ansehen, daß es für die Gemeinde des Herrn, die Jesus und die Apostel gegründet haben, und auch selbst für die Apostel nicht erforderlich war, über das Erkenntnis zu haben, was in der späte­ren Zeit der sieben Gemeinden erfolgen mußte. Vielleicht ist gerade dieser Umstand mit ein Grund dafür, weshalb die Gläubigen im allgemeinen bis in die heutige Zeit hin­ein es mehr oder weniger unterlassen haben, sich über die Offenbarung Jesu Christi die biblische Klarheit zu verschaffen. Weil die Apostel die Unterweisung über die Ord­nung vom Kommen des Herrn in der Zeit der sieben Gemeinden nicht aufzeichnen konnten, sieht man meistens auch keine Veranlassung dafür, sich über das Kommen des Herrn aus der Offenbarung Johannes die biblische Erkenntnis für diese Zeit anzueignen. Die Kinder Gottes begnügen sich einerseits in der Hauptsache mit den Unterweisungen, die die Apostel in ihren Briefen über die Wahrheit der Wiederkunft des Herrn gegeben haben, oder sie wollen andererseits mit einem Wort des Herrn, daß Tag und Stunde, wann der Herr komme, niemand wisse (Matth.24,36), sogar auch die apostolische Unterweisung noch wirkungslos machen. Doch die Enthüllung dieses Geheimnisses vom Kommen des Herrn, wie es sich durch die Betrachtungen der sie­ben Sendschreiben klärt, wird beweisen, daß die Kinder Gottes diese Stellung zur Offenbarung Jesu Christi zu unrecht haben. Gerade den Heilswahrheiten gegenüber, die in Gottes Wort als „Geheimnisse“ bezeichnet sind, müssen die Kinder Gottes ganz besonderen Fleiß aufbringen und ihnen in ihrem Studium der Heiligen Schrift, beson­ders des prophetischen Wortes, vermehrte Aufmerksamkeit schenken, sonst bleiben sie ihnen immer versiegelte und unenthüllte Geheimnisse. Das müßte und würde aber zur Folge haben, daß sie in ihrem Wachstum den Segen entbehren müßten, den Gott seinen Kindern um ihrer Vollendung willen durch das Licht über diese Geheimnisse vermitteln will.

Weil das Kommen des Herrn das Geheimnis der sieben Engel der sieben Gemeinden und der sieben Gemeinden genannt ist (Offb.1,19-20), ist damit erklärt, daß den Kindern Gottes das rechte, für sie unerläßliche Licht über die Wahrheit vom Kommen des Herrn in der Zeit der sieben Gemeinden, nur durch ein gründliches Erforschen der sieben Sendschreiben zuteil werden kann. Lautet doch das Zeugnis, wie es in jedem Sendschreiben wiederholt ist, nicht umsonst:

„Wer ein Ohr hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt!“ (Offb.2,7.11.17.29; 3,6.13.22)

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Muß die christliche Gemeinde nach dieser Darstellung von Johannes mit der Tat­sache rechnen, daß das Kommen des Herrn nach dem Ratschluß Gottes für sie ein Geheimnis ist, dann sollte und müßte sich heute kein Kind Gottes darüber wundern und erstaunt sein, wenn der Herr durch Diener der Gemeinde diese Wahrheit auf eine Art und Weise und als eine Ordnung enthüllt, wie man das Kommen des Herrn nie erwartet hätte. Wenn der Herr durch den Geist der Weissagung zur bestimmten Zeit das Licht auch über dieses Geheimnis vom Kommen des Herrn darreicht, muß jedes Kind Gottes in seiner Stellung, die es zum Kommen des Herrn hat, offenbar werden. Wollten die Kinder Gottes auch angesichts dieses enthüllten Geheimnisses noch an den eigenen Ansichten oder väterlichen Überlieferungen vom Kommen des Herrn festhalten, würden sie sich dadurch selbst von dem Teil der christlichen Gemeinde ausschließen, der sich als kluge Jungfrauen auf das Kommen des Herrn hin zubereitet und bereit ist, wenn er offenbar wird (Matth.25,2.4.8-10).

Es ist zu empfehlen, daß jeder Leser, im Anschluß an diese allgemeinen Ausfüh­rungen um des Zusammenhanges und besseren Verständnisses willen nachliest, was über die Ordnung der sieben Gemeinden im ersten Hauptteil, sowie in der Einleitung des zweiten Hauptteils bereits erklärt ist.  

B. Das Geheimnis vom Kommen des Herrn in der Gemeinde zu Ephesus

Übersicht über die Reihenfolge bei der Betrachtung der einzelnen Send­schreiben.

Nachdem wir in den vorstehenden Ausführungen u.a. auch einen allgemeinen Überblick über die Zweckbestimmung der sieben Engel der sieben Gemeinden und der sieben Gemeinden in ihrer Bedeutung als Geheimnis für das Kommen des Herrn gegeben haben, kommen wir nun in der Weiterbetrachtung zu den Einzelheiten dieses Geheimnisses. Wir halten uns dabei an die von Johannes aufgezeichnete Reihenfolge und beginnen in unserer Betrachtung mit der Auslegung des Sendschreibens an die Gemeinde zu Ephesus.

Zunächst achten wir noch auf eine bestimmte Ordnung, die wir in der Auslegung der sieben Sendschreiben einhalten wollen. Obwohl Johannes jedes Sendschreiben an die Adresse eines andern Gemeindeengels und somit auch an eine andere Gemeinde schreiben mußte, sind doch alle sieben Sendschreiben, zwar nicht dem Sinn nach, aber doch in ihrer Zusammensetzung und in ihrem Aufbau ziemlich ein­heitlich abgefaßt.

Als erstes mußte Johannes den einzelnen Gemeindeengeln schreiben, von wem die Botschaft stammt, die er ihnen mitzuteilen hat. Wir könnten

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mit andern Worten sagen, wer der Urheber und Absender dieser Mitteilungen ist, die er ihnen zu übermitteln hat.

Als zweites mußte er über die Stellung der Engel schreiben, die sie zum Herrn einerseits und zu ihrer Gemeinde, der sie vorstanden, andererseits haben.

In Verbindung damit mußte er über die Stellung der Gemeinden berichten, die sie zum Herrn einerseits und zu ihrem Vorsteher andererseits haben.

An vierter Stelle steht die Offenbarung des Herrn den Gemeinden gegenüber.

Und an letzter Stelle mußte Johannes jeder Gemeinde über die Verheißung berichten, die den Überwindern in jeder Gemeinde gegeben ist.

Entsprechend dieser Ordnung, nach welcher Johannes die sieben Sendschreiben den einzelnen Gemeindeengeln schreiben mußte, halten wir uns in der Auslegung der einzelnen Sendschreiben an die folgende Reihenfolge:

1.   Die Offenbarung des Herrn für den Engel der Gemeinde,

2.   die Stellung des Engels der Gemeinde,

3.   die Stellung der Gemeinde,

4.   die Offenbarung des Herrn für die Gemeinde,

5.   die Verheißung für die Überwinder der Gemeinde.

Auf diese Weise vermittelt die Auslegung der Sendschreiben jedem Leser ein recht klares Bild von dem Inhalt der einzelnen Sendschreiben. Auch wird dadurch der einheitliche Sinn, der den sieben Sendschreiben, im Hinblick auf das darin enthaltene Geheimnis vom Kommen des Herrn, zugrunde liegt, leicht erfaßt und erkannt werden können. 


1. Die Offenbarung des Herrn für den Engel der Gemeinde zu Ephesus

a)     Die sieben Sendschreiben sind persönliche Botschaften an die einzelnen Gemeindeengel

Nachdem der Apostel Johannes die Erscheinung des Menschensohnes geschaut und ihm im Anschluß daran durch den Menschensohn der Schreibauftrag erteilt wurde:

„Schreibe nun, was du gesehen hast und was ist und was geschehen soll dar­nach: Das Geheimnis der sieben Sterne, die du gesehen hast zu meiner Rechten und der sieben Leuchter; die sieben Sterne sind Engel der sieben Gemeinden, und die sieben Leuchter sind sieben Gemeinden.“ (Offb.1,19-20),

lautet der Befehl des Menschensohnes an Johannes weiter:

„Dem Engel der Gemeinde zu Ephesus schreibe: Das sagt, der die

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sieben Sterne In seiner Rechten hält, der inmitten der sieben goldenen Leuchter wandelt.“ (Offb.2,1)

Die Worte dieses Schreibauftrages:

„Dem Engel der Gemeinde . . . schreibe“,

wiederholen sich am Anfang eines jeden Sendschreibens. Damit ist als erstes bestä­tigt, daß Johannes das, was er in den sieben Sendschreiben niedergeschrieben hat, nicht von sich aus getan hat, sondern nur im Auftrag des Einen, gleich einem Men­schensohne. Er ist also, wie schon im ersten Hauptteil darauf hingewiesen wurde, nur der Vermittler zwischen dem Menschensohn und den sieben Gemeindeengeln, und auch der Übermittler der Botschaften, die ihnen der Menschensohn mitzuteilen hat.

Ferner sagen die Worte dieses Schreibauftrages, indem sie sich bei jedem Send­schreiben wiederholen, daß jedes Sendschreiben für sich eine persönliche Botschaft an die einzelnen Gemeindeengel ist. Folglich muß auch jedes Sendschreiben für sich als ein in sich abgeschlossenes Ganzes angesehen und im Hinblick auf das Geheim­nis vom Kommen des Herrn als solches beurteilt und behandelt, d.h. seinem Sinn nach erforscht werden. Diese hier gezeigte Ordnung muß genau so als eine rein per­sönliche Angelegenheit angesehen werden, wie das in der Offenbarung des göttlichen Willens von Anfang an der Fall war, wenn Gott sich einzelnen Menschen offenbarte und sie über das persönliche Verhältnis unterrichtete, wie es zwischen ihm und ihnen bestand oder bestehen sollte. Deshalb macht uns diese Ordnung am Anfang der Betrachtungen der Sendschreiben darauf aufmerksam, daß wir bei diesen Wahrheiten streng trennen und auseinanderhalten müssen, wenn uns das Geheimnis vom Kom­men des Herrn ganz klar werden soll. Ja, es mahnt uns, die Grenzen nicht zu verwi­schen, die der Herr in seiner weisen Absicht und nach seinem Ratschluß selbst gesetzt hat.  

b)     Die sieben Sendschreiben haben für alle Kinder Gottes Bedeutung

Die im vorhergehenden Abschnitt erkannte Ordnung darf nun aber nicht zu fal­schen Schlußfolgerungen führen. Bekanntlich ist es im ganzen Wort Gottes so darge­stellt,  - und wir werden in der Wortverkündigung auch immer so unterwiesen -, daß das, was Gott einzelnen Menschen offenbart hat, gleichzeitig für alle andern als offenbarter Wille Gottes Bedeutung hat. In diesem Sinn müssen wir auch die rein per­sönlichen Mitteilungen an die sieben Gemeindeengel, in unserer Einstellung dazu, werten und behandeln. Wenn es an und für sich auch rein persönliche Mitteilungen sind, haben sie doch ihre Bedeutung für alle Kinder Gottes aller Zeiten, in erster Linie für die Gemeinden, denen die Engel vorstehen und zugehören, dann aber in besonde­rer Weise auch für die Kinder Gottes, denen der Herr am Ende das Geheimnis seines Kommens aufschließen und beleuchten will, damit sie sich dadurch für sein geheim­nisvolles Kommen zubereiten können. Das bestätigen die Worte, die Johannes im Auftrag des Menschensohnes ebenfalls in jedem Sendschreiben wiederholen mußte:

„Wer ein Ohr hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt!“

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Diese Worte sprechen für sich. Wenn sie in jedem Sendschreiben wiederholt sind, sind sie ein klarer Beweis dafür, daß die Botschaften in den einzelnen Sendschreiben, obwohl sie in erster Linie rein persönliche Mitteilungen an die Engel der Gemeinden sind, als Worte des Herrn doch auch für alle Kinder Gottes aller Zeiten ihre volle Bedeutung haben und darum von ihnen allen auch als solche gewertet werden müs­sen. Indem diese Ordnung in den Sendschreiben nach diesen beiden Seiten hin gezeigt ist, müssen wir es gerade durch diese Darstellung lernen, die Bedeutung des offenbarten göttlichen Willens in den sieben Sendschreiben einmal daran zu erken­nen, daß die Mitteilungen an die Gemeindeengel persönlich gerichtet sind, und zum andern auch darin, daß sie auch für alle Kinder Gottes volle Bedeutung haben.  

c)     Die sieben Gemeindeengel stehen für die Ausgestaltung des Geheimnisses vom Kommen des Herrn an erster Stelle

Indem die Berichte der Sendschreiben direkt an die einzelnen Gemeindeengel gerichtet sind, muß aus diesem Walten des Herrn erkannt werden, daß diese Engel für das Geheimnis vom Kommen des Herrn die größte Bedeutung haben und dieser Wahrheit gegenüber an erster Stelle stehen; auf ihnen ruht auch die größte Verant­wortung. Daß diese Engel der sieben Gemeinden in dem Schreibauftrag an erster Stelle genannt sind und demzufolge am ersten Platz stehen, ist nicht zu verwundern und darf uns nicht als etwas Neues und Unbekanntes vorkommen. Schon zuvor, als dem Apostel Johannes vom Menschensohn der Auftrag erteilt wurde, zu schreiben, was er gesehen hat, was ist und was nachher geschehen wird, nämlich das Geheim­nis der sieben Engel und der sieben Leuchter, sind die Engel in diesem Schreibauf­trag über das Geheimnis vom Kommen des Herrn an erster Stelle genannt. Soll mit dieser wiederholten Darstellung nicht gesagt sein, worauf es im rechten Erkennen des darin offenbarten göttlichen Willens für die Kinder Gottes zuerst ankommt, nämlich darauf, zu erkennen, daß die sieben Engel, bezüglich des Geheimnisses vom Kom­men des Herrn, den ersten Platz einnehmen und darum dieser Heilswahrheit gegen­über auch die größte Verantwortung haben?! Zu dieser berechtigten Schlußfolgerung muß uns diese Darstellung leiten. Dies genau zu erkennen, ist für das rechte Ver­ständnis dessen, wie sich dieses Geheimnis weiterhin klären wird, von großer Wich­tigkeit, ja, von grundlegender Bedeutung. Wir werden dadurch gleich am Anfang des Studiums dieses Geheimnisses auf die rechte Spur geleitet, von der wir nicht mehr abweichen dürfen.  

d)     Die Ausgestaltung des Geheimnisses vom Kommen des Herrn nimmt in der Stellung des Engels der Gemeinde zu Ephesus ihren Anfang

Aus dem Umstand, daß Johannes die erste Botschaft an den Engel der Gemeinde zu Ephesus schreiben mußte, müssen wir schließen, daß

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in der Stellung dieses Gemeindeengels die Ausgestaltung des Geheimnisses vom Kommen des Herrn, ihren Anfang nimmt. Durch die weiteren Erklärungen über die Stellung dieses Engels werden wir das auch klar bestätigt finden. Wir dürfen das auch schon daraus schließen, daß der Herr den Vorsteher der Gemeinde zu Ephesus an den Anfang stellt. Denn die Bezeichnung „Ephesus“ heißt zu deutsch „wünschens­wert“. Schon daß sich der Herr dieses Namens an erster Stelle bedient, darf als eine Offenbarung des göttlichen Willens angesehen werden. Wir werden dies später beim Vergleich mit den übrigen sechs Namen der Gemeinden noch besser erkennen kön­nen. Wir werden finden, daß schon in den Namen der einzelnen Gemeinden die Bedeutung jeder Gemeinde, die sie im Geheimnis für das Kommen des Herrn hat, zum Ausdruck kommt.

Am Anfang der Ausgestaltung des Geheimnisses vom Kommen des Herrn steht also, von des Herrn Buchseite aus beurteilt, etwas „Wünschenswertes“. Dieses „Wün­schenswerte“ kann sich nur auf die Stellung des Engels dieser Gemeinde und eben­falls auf die Stellung der Gemeinde zu Ephesus beziehen, nämlich darauf, wie sich der Herr diese Stellung zur Erfüllung seiner Verheißung wünscht. Das werden uns ebenfalls die weiteren Ausführungen über die Stellung dieses Engels bestätigen.

Aber noch ein anderer Umstand spricht dafür, weshalb Johannes die erste Bot­schaft an den Engel der Gemeinde zu Ephesus richten mußte. In der Einleitung dieses dritten Bandes, sowie schon im ersten Hauptteil wurde bereits darauf hingewiesen, daß die sieben Gemeindeordnungen noch zu Lebzeiten des Apostels Johannes in der Gemeindeordnung zu Ephesus ihren Anfang nahmen und sich dann im Laufe der Jahrhunderte die übrigen Gemeinden anschließen. Dieser Vorgang erfolgt in der Weise, daß sich immer die nächstfolgende Gemeindeordnung aus der Stellung der vorangegangenen bildet. Wie aus späteren Erklärungen ersichtlich sein wird, bestand die Gemeinde zu Ephesus bereits schon zu der Zeit, als Johannes seine Offenbarung auf Patmos bekommen hat. Das geht auch schon aus dem Schreibauftrag hervor, nach welchem Johannes an zweiter Stelle das schreiben sollte, was ist, also das, was zu dieser Zeit schon vorhanden war. Das war der Anfang der siebenfachen Gemein­deordnung, und zwar in der Gemeinde zu Ephesus. Ja, es muß sogar so gesehen werden, daß zu dieser Zeit die übrigen sechs Gemeinden auch schon vorhanden waren, wenn auch nur als Vorbilder in den damals bestehenden sieben Städtege­meinden Kleinasiens. Nach den Angaben von Johannes im ersten Kapitel wurde ihm auch direkt befohlen, das, was er sieht, in ein Buch zu schreiben und es den sieben, mit Namen genannten Gemeinden in Asien zu senden (Offb.1,11). Beachtenswert ist, daß auch in diesem Schreibbefehl die Gemeinde zu Ephesus zuerst genannt ist und die Reihenfolge der sieben aufeinander folgenden Gemeinden, wie schon vorher gesagt, immer die gleiche ist. Auch diese Ordnung ist ein Beweis für die Tatsache, wie die sieben Engel der sieben Gemeinden und die sieben Gemeinden das Geheimnis der Offenbarung Jesu Christi darstellen. Nach

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diesen und später folgenden Begründungen ist es außer Zweifel, daß die Ausge­staltung des Geheimnisses vom Kommen des Herrn in der Stellung des Engels der Gemeinde zu Ephesus ihren Anfang hat.  

e)          Der Herr offenbart sich dem Engel der Gemeinde zu Ephesus als Menschensohn auf dem Boden der vorderen Hütte

 

I.      Die Offenbarung des Menschensohnes für den Engel der Gemeinde zu Ephesus ist eine Teiloffenbarung des Geheimnisses vom Kommen des Herrn

Der eigentliche Anfang der Ausgestaltung des Geheimnisses vom Kommen des Herrn muß in dem erkannt werden, daß Johannes dem Engel der Gemeinde zu Ephe­sus die Worte schreiben mußte:

„Das sagt, der die sieben Sterne in seiner Rechten hält, der inmitten der sieben goldenen Leuchter wandelt.“ (Offb.2,1)

In diesen Worten an den ersten Gemeindeengel besteht für ihn die erste Offenba­rung des Einen, gleich einem Menschensohne. Um die Bedeutung und den Sinn die­ser, sowie aller noch folgenden Offenbarungen des Einen, gleich einem Menschen­sohne, recht verstehen zu können, müssen wir uns zuerst wieder an den im 1.Kapitel bezeugten eigentlichen Schreibauftrag erinnern. Johannes sollte schreiben, was er gesehen hat, dann was ist und zuletzt auch, das, was geschehen soll darnach (Offb.1,19). Das, was er über diese drei Gebiete schreiben mußte, ist dann zusammen­gefaßt das Geheimnis der sieben Engel der sieben Gemeinden und der sieben Gemeinden genannt (Offb.1,20). Wenn nun diese drei Gebiete nichts anderes darstel­len, als daß sie der Ausdruck und die Offenbarung des Geheimnisses der sieben Engel der sieben Gemeinden und der sieben Gemeinden sind, so muß das so ver­standen werden, daß das, was Johannes als das gesehen hat, was ist, nur eine sinn­bildliche, aber das Wesen des ganzen Geheimnisses umfassende und einschließende Offenbarung des Geheimnisses war. Es war die sinnbildliche Erscheinung von dem, was das Geheimnis vom Kommen des Herrn insgesamt darstellt (Offb.1,12-16). Dieses von Johannes geschaute Geheimnis soll dann in der Erfahrung der sieben Engel der Gemeinden und der sieben Gemeinden offenbar werden, d.h. seine Ausgestaltung und praktische Erfüllung finden. Ist diese Ausgestaltung und Erfüllung erfolgt, kommt dieses Geheimnis in seiner Vollendung zur vollen Darstellung. Es ist dann über die Gemeinde hinaus als das wirksam, was geschehen soll darnach, wenn es in den Gemeinden ausgestaltet und erfüllt ist. In diesem Lichte gesehen, ist der ganze Inhalt  der Offenbarung das Zeugnis vom Offenbarwerden dieses Geheimnisses der sieben Engel der sieben Gemeinden und der sieben Gemeinden. Als dieses Geheimnis ist es deshalb bezeichnet, weil es im Schoße der sieben Engel und der sieben Gemeinden in der Weise und als das seine Ausgestaltung und Erfüllung findet, wie es Johannes sinnbildlich geschaut hat, das dann aber, auf diesem Wege als das erfüllte Geheimnis,

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in der Gemeinde,

im Volk Gottes und

in der ganzen Völkerwelt

in der Vollendung in Erscheinung und in Wirksamkeit tritt. Doch darüber erst später mehr. An diesem Platz soll um des rechten Verständnisses dessen willen, wie sich der Herr dem Engel der Gemeinde zu Ephesus offenbart, der Sinn dieses Geheimnisses in seiner allumfassenden Bedeutung gezeigt werden.

Wenn deshalb Johannes dem ersten Gemeindeengel schreiben muß:

„Das sagt, der die sieben Sterne in seiner Rechten hält, der inmitten der sieben goldenen Leuchter wandelt“,

muß darin die erste Offenbarung des Geheimnis vom Kommen des Herrn als eine Teiloffenbarung gesehen werden. 


II.     Die Bedeutung der Offenbarung des Menschensohnes mit den sieben Sternen in seiner Rechten

Nun ist es wichtig, darauf zu achten, welche Bedeutung dieser Offenbarung zugrunde liegt. Denn wenn sich der Herr diesem ersten Engel, in Verbindung mit dem, was er ihm zu sagen hat, als der Menschensohn offenbart, muß das seine bestimmte Bedeutung haben. Diese Bedeutung zu erkennen, ist für das rechte Verständnis des ganzen Sendschreibens grundlegend. Wenn Johannes aufgefordert wird, dem Engel zu schreiben, von wem die Mitteilung stammt, die er ihm zu übermitteln hat, ist darin enthalten, daß der Herr aus ganz bestimmten Gründen diesen Engel wissen lassen will, daß der, der ihm solche Botschaft mitzuteilen hat, der „Menschensohn“ ist, wie ihn Johannes geschaut hat. Es muß demnach für den Gemeindeengel selbst von großer Wichtigkeit sein, daß ihm das bekannt und es ihm dadurch klar ist, in welchem Verhältnis der Herr zu ihm steht. Es muß ihm bewußt sein, daß sich ihm der Herr nicht als Hoherpriester, sondern als Menschensohn offenbart. Denn der, der die sieben Sterne in seiner rechten Hand hat und unter den sieben goldenen Leuchtern wandelt, ist ja von Johannes als der Menschensohn geschaut worden.

Daß sich der Herr diesem Engel als Menschensohn und nicht als Hoherpriester offenbart, soll er als erstes daran erkennen, daß Jesus ihm sagen läßt, daß er die an ihn gerichtete Mitteilung über seine Stellung, die er zum Herrn hat und zu der Gemeinde, der er vorsteht, und auch die Mitteilung über die Verheißung für seine Gemeinde von dem bekommt, der die sieben Sterne in seiner Rechten hält. Demnach muß diese Art der Offenbarung des Herrn für diesen Engel ein Kennzeichen dafür sein, daß der Herr sich ihm nicht als das offenbaren kann, was er in seiner Stellung als Hoherpriester in der Vollkommenheit für ihn zur Rechten Gottes darstellt, sondern als Menschensohn.

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Was der Herr in der Vollkommenheit als Hoherpriester zur Rechten Gottes dar­stellt, haben die Apostel der Gemeinde des Herrn verkündigt. Darauf ist bereits früher ganz ausführlich hingewiesen worden. Weil aber die Art der Offenbarung des Herrn durch die Stellung seiner Diener bedingt ist, muß an dem, wie er sich dem Engel der Gemeinde zu Ephesus offenbart hat, der Unterschied erkannt werden, der zwischen der Stellung der Apostel und diesem Gemeindeengel bestand. Die Apostel standen in ihrem Dienst auf dem Boden des Allerheiligsten und stellten dadurch auch die Gemeinde auf diesen Boden. Sie verkündigten der Gemeinde die Vollkommenheit in dem, daß Jesus als Hoherpriester in seinem Herrlichkeitsleib in sich alle Menschen vollkommen gerechtfertigt und für Zeit und Ewigkeit vollendet vor Gott darstellt. Auf diesem Boden der Vollkommenheit stehend, erstrebten sie für die Gemeinde des Herrn auch den vollen Sieg der Erlösung, nämlich den Sieg des Lebens über den Tod durch das Eingehen ins Allerheiligste, in die völlige Lebensverbindung und Gemein­schaft mit Gott, so wie sie Jesus als Hoherpriester in seinem Herrlichkeitsleib für sie vor dem Angesichte Gottes darstellt (Hebr.6,18-20; 10,19-21). In dieser Vollkommen­heitsfülle hatte sich ihnen der Herr durch den Geist der Wahrheit offenbart. Verschie­den davon ist deshalb die Art der Offenbarung des Herrn, wenn er sich dem Engel der Gemeinde zu Ephesus als der Menschensohn offenbart, der die sieben Sterne in sei­ner Rechten hält.

Durch diese Art der Offenbarung des Herrn ist als zweites erklärt, daß der Herr zu allen sieben Gemeindeengeln im gleichen Verhältnis steht und infolgedessen auch sie eine ganz bestimmte Ordnung in ihrem Verhältnis zu ihm darstellen. Sie stehen, hin­sichtlich der Offenbarung des Herrn, auf einem besonderen Wahrheitsboden, nämlich auf dem Boden, daß sie den wichtigsten Teil des Geheimnisses vom Kommen des Herrn als die Offenbarung des Menschensohnes darstellen. Das bedeutet aber, daß der Herr dem ersten von den sieben Gemeindeengeln diese ganz neue Dienstordnung für die christliche Gemeinde kundtut. Denn die Apostel haben in ihren Schriften davon nichts erwähnt. Diese neue Dienstordnung besteht darin, daß von der Zeit an, als die Apostel nach ihrem Tode nicht mehr die maßgebenden und ersten Diener der Gemeinde des Herrn sein konnten, nun sieben andere Diener in der Rechten des Herrn nacheinander die Vorsteher in der siebenfachen Gemeindeordnung sind, und zwar bis zur Zeit der Wiederkunft des Herrn.

Die Mitteilung von dieser neuen Dienstordnung darf aber nicht als der letzte Grund davon angesehen werden, weshalb sich der Herr dem ersten Gemeindeengel als der offenbart hat, der die sieben Sterne in seiner Rechten hält. Vielmehr muß eine weitere Bedeutung dieser Offenbarungsart darin gesehen werden, diesem Engel klarzuma­chen, daß die Wiederkunft des Herrn und somit die Erfüllung der göttlichen Ver­heißung im Evangelium nicht zu der Zeit erfolgen kann, in der er als der erste Engel der Gemeinde zu Ephesus dieser Gemeinde vorsteht, weil nach ihm und seiner Gemeinde noch weitere sechs Gemeinden mit ihren Vorstehern kommen werden. Das war für diesen ersten Engel, wie wir in dieser Abhandlung vom ersten Sendschreiben noch ausführlicher darauf hingeleitet werden, eine wichtige Offenbarung.

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Die weitere Bedeutung dieser Art der Offenbarung des Herrn muß darin erkannt werden, daß die sieben Engel Werkzeuge in der Hand des offenbarwerdenden Men­schensohnes sind, durch die er sich unter den sieben Gemeinden nach verschiedenen Seiten hin um der Unvollkommenheit der Gemeinden willen als königlicher Richter offenbaren will. Dazu ist es aber nötig, daß der Menschensohn diese sieben Gemein­deengel in seiner rechten Hand hat. Das heißt mit andern Worten, es ist erforderlich, daß er ihr Herr ist, der größer und gewaltiger ist als sie, und er sie darum so als Werkzeuge gebrauchen möchte, wie es seinen Absichten entspricht.

Und gewiß muß die Bedeutung der Offenbarung des Herrn in der erkannten Weise auch darin gesehen werden, daß er dadurch den Engel der Gemeinde zu Ephesus darauf aufmerksam machen wollte, daß, wenn er ihm nicht als ein solches Werkzeug dienen kann, durch das er sich als Menschensohn, d.h. als königlicher Richter an den unvollkommenen Kindern Gottes und an allen Ungläubigen und Gottlosen in seiner königlichen Kraft, Macht und Herrlichkeit bei seiner Zukunft offenbaren kann, dann ein anderer der sieben Sterne, die er in seiner Rechten hat, dieses Werkzeug sein wird. Darin besteht vielleicht der hauptsächlichste und wichtigste Grund, weshalb sich der Herr diesem ersten Engel als der offenbart hat, der die sieben Sterne in seiner rech­ten Hand hat.

Daß sich der Herr dem Engel der Gemeinde zu Ephesus in dieser Weise offenbart hat, muß der Stellung entsprechen, die dieser Engel einerseits zu ihm als zum Herrn, dem Retter und Erlöser und andererseits zu der Gemeinde hat, zu deren Vorsteher er als einer der Engel, die Jesus in seiner rechten Hand hat, bestimmt ist. Aber auch die Stellung, die dieser Engel zur göttlichen Verheißung im Evangelium hat, muß den Herrn bestimmt haben, sich ihm so zu offenbaren. Was Johannes dem Engel im Auf­trag des Herrn zu sagen hat, ist dann nichts anderes, als eine Mitteilung über die Stellung, die dieser Engel zum Herrn hat, sowie zur Gemeinde, der er vorsteht und auch zur göttlichen Verheißung, die in der Gemeinde sich erfüllen soll. Doch das sol­len uns erst die folgenden Abschnitte, in denen die Stellung des Engels nach diesen drei Seiten hin betrachtet wird, ausführlicher erklären. 


III.    Die Bedeutung der Offenbarung des Menschensohnes durch das Wandeln unter den sieben goldenen Leuchtern

In gleicher Weise ist es wichtig, auch darauf zu achten, welche Bedeutung es hat, daß der Herr dem Engel der Gemeinde zu Ephesus berichten läßt:

„Das sagt . . . der inmitten der sieben goldenen Leuchter wandelt.“

So wie es für den ersten Gemeindeengel nötig war, zu wissen, daß ihm der eine Botschaft mitzuteilen hat, der die sieben Sterne in seiner rechten Hand hält, muß es für ihn auch wichtig gewesen sein, zu wissen, daß diese Mitteilung auch von dem stammt, der inmitten der sieben goldenen Leuchter wandelt.

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Durch diese Offenbarung wurde dem Engel als erstes die Tatsache mitgeteilt, daß die sieben aufeinanderfolgenden Gemeinden eine ebensolche neue Gemeindeord­nung darstellen, wie die sieben Gemeindeengel eine neue Dienstordnung in der christlichen Gemeinde bilden.

Ferner wurde ihm in dieser Offenbarungsart des Herrn das Verhältnis kundgetan, in dem der Herr zu den sieben Gemeinden steht und in dem sie zu ihm stehen. Diese Offenbarung sollte für diesen ersten Gemeindeengel wieder ein Kennzeichen dafür sein, daß sich der Herr unter den sieben goldenen Leuchtern als den sieben Gemein­den nicht als Hoherpriester, sondern als Menschensohn offenbart. Es ist aus dem ersten Hauptteil bekannt, daß das Wandeln des Menschensohnes unter den sieben goldenen Leuchtern gleich seinem Offenbarwerden unter ihnen ist. Nach der Lehre der Apostel stellt Jesus als Hoherpriester die Gemeinde vor Gott heilig und herrlich dar, ohne Flecken und ohne Runzel oder etwas dem Ähnlichen, untadelig und unver­klagbar (Eph.5,25-27; Kol.1,21-22). In der Vollkommenheit kann der Herr unter den sieben Gemeinden vorerst nicht offenbar werden. Er kann das so lange nicht tun, bis er als unter ihnen wandelnder Menschensohn die Gemeinden, oder wenigstens eine unter den sieben, in die Stellung zu ihm gebracht hat, daß sie der Vollkommenheit dessen entspricht, wie er sie in seinem Herrlichkeitsleib als Hoherpriester in der eben genannten vollkommenen Weise darstellt. Indem der erste Gemeindeengel von dieser Ordnung in Kenntnis gesetzt wurde, mußte er daran erkennen, daß der Herr auch in seiner Gemeinde, der er vorstand, in dieser Vollkommenheit nicht offenbar werden kann. Der Herr muß als Menschensohn unter sieben Gemeinden wandeln, ehe er mit der christlichen Gemeinde zu seinem Ziele kommen und sich in ihr in der hohenprie­sterlichen Fülle offenbaren kann, um auf diese Weise die göttliche Verheißung im Evangelium zu erfüllen. Dasselbe gilt nun auch für die Gemeinde zu Ephesus als der ersten der sieben Gemeinden. Auch für sie besteht die Möglichkeit und Aussicht nicht, daß der Herr in dieser Gemeinde in der hohenpriesterlichen Fülle die ganze Ver­heißung Gottes offenbaren könnte. Damit ist aber bewiesen, daß zwischen der Gemeinde des Herrn, die die Apostel gegründet haben und den sieben Gemeinden, unter denen der Herr wandelt, ein Unterschied besteht. Dieser Unterschied muß darin gesehen werden, daß die Gemeinde des Herrn auf Grund des Dienstes, der ihr von den Aposteln getan wurde, auf den Boden der ganzen in Christo vollbrachten Erlö­sung gestellt wurde. Durch diesen Dienst wurde ihr der ganze Ratschluß Gottes kund­getan. Auf diesem Boden stehend, konnte sie in der gottgewollten Glaubenstreue zum Haus Gottes und zum Tempel Gottes ausreifen und somit die Erfüllung der göttlichen Verheißung im Evangelium in der Vollendung erfahren. Die sieben Gemeinden stehen aber so lange nicht auf diesem Boden, bis der Menschensohn, der unter ihnen wan­deln muß, eine dieser sieben Gemeinden zu dieser Vollendung des Hauses Gottes, als dem Allerheiligsten des Tempels Gottes, führen kann. Das zeigt die Ordnung, daß, solange die Apostel den von Gott gewollten Dienst in der Gemeinde getan haben, der Menschensohn sich in der Gemeinde nicht offenbart hat. Diese Offenbarung des Menschensohnes und

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der damit verbundene Dienst in der Gemeinde kommt für die sieben Gemeinden erst in Verbindung mit dem Dienste der sieben Engel der sieben Gemeinden in Betracht. Aus dieser Tatsache wird es klar, daß dieser Dienst des Menschensohnes in den sie­ben Gemeinden an die Stelle des Dienstes der Apostel in der Gemeinde des Herrn tritt. Die Apostel müssen deshalb diesen Dienst zuerst ausgeübt haben, den nachher in den sieben Gemeinden der Menschensohn selbst übernimmt.

Weil der Herr dem ersten Engel sagt, daß er unter allen sieben goldenen Leuch­tern wandelt, ist damit erklärt, daß der Herr zu allen sieben Gemeinden im gleichen Verhältnis steht. Es ist aber auch gesagt, daß sie in einem ganz bestimmten Verhält­nis solange zu ihm stehen, bis die göttlichen Verheißungen an einer der sieben Gemeinden so vollkommen erfüllt sind, wie diese Verheißungen von den Aposteln verkündigt wurden und durch ihren Dienst in der Gemeinde hätten erfüllt werden sol­len. So wie die sieben Gemeindeengel ein Teil des Geheimnisses der Offenbarung Jesu Christi sind, stellen auch die sieben Gemeinden den andern Teil von diesem Geheimnis dar. Aus der ganzen Art der Darstellung der Sendschreiben kann erkannt werden, daß die sieben Gemeinden in ihrer Stellung als ein Teil des Geheimnisses vom Kommen des Herrn von geringerer Bedeutung sind als die sieben Gemeindeen­gel.

Wenn der Herr dem ersten Gemeindeengel offenbarte, daß der, der ihm die Mit­teilung zukommen läßt, unter den sieben Gemeinden wandelt, muß der Herr zu dieser Offenbarung wiederum durch die Stellung veranlaßt worden sein, die dieser Engel zu der Gemeinde hat. Er muß als Vorsteher der Gemeinde eine Stellung eingenommen haben, die nur dem Menschensohn zukommt, so wie er unter den sieben Gemeinden wandelt, d.h., sich unter ihnen offenbart. Das wird in einem späteren Abschnitt noch ausführlicher gezeigt werden. 


IV.    Der Herr offenbart sich dem Engel der Gemeinde zu Ephesus als Menschen­sohn und königlicher Richter

Diese ganze Art der Offenbarung des Herrn, daß er als der Menschensohn die sieben Gemeindeengel in seiner rechten Hand hält und inmitten der sieben Gemein­den wandelt und offenbar wird, unterscheidet sich von seiner Stellung, die er in der Vollkommenheit als Hoherpriester zur Rechten Gottes einnimmt; es ist sein Offenbar­werden als königlicher Richter (Offb.1,13-16). Über diese Stellung des Herrn ist im ersten Hauptteil bzw. im ersten Band bereits ausführlich berichtet worden. Um Wie­derholungen zu vermeiden, erübrigt es sich, jene Darlegungen nochmals auszuführen. Hier soll um des Zusammenhanges und besseren Verständnisses willen nur noch darauf hingewiesen werden, daß die Offenbarung des Herrn als Menschensohn sein Kommen als königlicher Richter ist. Als solcher kommt er zur Offenbarung seiner königlichen Macht über alle ihm und seinem vollbrachten Erlösungswerk

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entgegenstehenden Mächte, Herrschaften und Gewalten. Und als solcher kommt er auch zum Gericht über alle Menschen, einschließlich der Kinder Gottes, die sich nicht in ganzer Treue zu seinem vollbrachten Werk und Heil stellen. Die entsprechenden Worte Gottes, die das Kommen des Menschensohnes zu diesem eben erwähnten Zweck erklären, sind ebenfalls im ersten Hauptteil als Zitate mit aufgeführt. Indem der Herr als königlicher Richter die sieben Gemeindeengel in seiner rechten Hand hält und unter den sieben Gemeinden wandelt, muß das dem Zweck dienen, alles Unvoll­kommene, sowohl in der Stellung der sieben Engel, als auch in der Stellung der sie­ben Gemeinden, offenbarzumachen und zu richten. Durch diese Reinigungs- und Läuterungsgerichte muß es dann einerseits dahin kommen, daß sich in der Stellung eines der sieben Engel die Vollkommenheit ausgestaltet, daß sich der Herr in seiner königlich-richterlichen Macht durch ihn über alles gottlose Wesen offenbaren kann. Andererseits muß das dazu führen, daß sich in einer der sieben Gemeinden die Voll­kommenheit ausgestaltet, daß in dieser Gemeinde der Thron Gottes, sein Haus, das ist sein Tempel, zustande kommt. Nur auf diese Weise geht das Geheimnis der sieben Engel der sieben Gemeinden und der sieben Gemeinden als das Geheimnis vom Kommen des Herrn in Erfüllung. Diese Ordnungen werden dann in den weiteren Betrachtungen der sieben Sendschreiben weiter geklärt und beleuchtet werden. 


V.     Die Offenbarung des Herrn als königlicher Richter ist sein Offenbarwerden auf dem Boden der vorderen Hütte

In Verbindung mit dieser Offenbarung des Herrn, die er dem Engel der Gemeinde zu Ephesus gibt, müssen wir gleich am Anfang der Betrachtung der Sendschreiben noch auf eine weitere wichtige Ordnung hinweisen, deren Kenntnis zum rechten Ver­ständnis der sieben Sendschreiben unerläßlich ist. Es ist die Ordnung, daß die Offen­barung des Herrn als Menschensohn, wie ihn Johannes geschaut hat und wie er sich den sieben Gemeinden gegenüber offenbart, auch sein Offenbarwerden auf dem Boden der vorderen Hütte ist. Das wird leicht verstanden, wenn wir uns an die Betrachtungen im zweiten Band erinnern, was dort über die Hohepriesterstellung Jesu ausgeführt ist. Auch in diesen hier vorausgehenden Unterweisungen ist die Bedeu­tung der Hohenpriesterstellung Jesu schon erklärt worden.

Sein Hoherpriesterdienst besteht  - um es des Zusammenhanges wegen nur kurz zu wiederholen -  darin, daß er in seiner Person, nämlich in seinem von den Toten unsterblich und unverweslich auferweckten Herrlichkeitsleib, alle Menschen für Zeit und Ewigkeit gerechtfertigt und vollendet, vor dem Angesichte Gottes darstellt (Röm.8,34; 9,24). Diesen Dienst übt er dem Teufel, d.i. dem Verkläger gegenüber aus, und zwar so lange,

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bis dieser Verkläger gestürzt ist und sein Verklagen vor Gott nicht mehr ausüben kann (Offb.12,7-11). Wenn Jesus seinen Hohenpriesterdienst so lange ausgeübt hat, ist die Folge davon die, daß er dann durch seine Wiederkunft seinen Herrlichkeitsleib den Kindern Gottes gibt, die durch ihren Glauben an seinen Hohenpriesterdienst so weit ausgereift und vollendet sind, daß sie den Verkläger überwunden haben (Phil.3,20-21; Kol.3,3-4; Offb.12,11). Daß Jesus diesen Gläubigen seinen Herrlichkeitsleib gibt, ist die Erfüllung davon, daß der Vater und der Sohn zu ihnen kommen und in ihnen Woh­nung machen (Joh.14,23), damit sie auf diese Weise den Sieg des Lebens über den Tod erlangen. Denn der Vater ist schon im Sohn, was dadurch zum Ausdruck und zur Darstellung kommt, daß Jesus als der Hohepriester zur Rechten Gottes den unver­gänglichen Herrlichkeitsleib trägt. Deshalb ist auch die Erfahrung, wenn der Hoheprie­ster den im Glauben vollendeten Kindern Gottes nach dem Sturz des Drachen und Verklägers seinen Herrlichkeitsleib gibt, die Erfüllung davon, daß der Vater und der Sohn in ihnen Wohnung machen.

Verschieden von dieser Hohenpriesterstellung Jesu und deren Bedeutung für das Allerheiligste ist die Offenbarung des Herrn als Menschensohn, indem er als königli­cher Richter die sieben Engel der sieben Gemeinden in seiner rechten Hand hält und unter den sieben Gemeinden offenbar wird. Auf dem Boden der vorderen Hütte, das ist im Heiligen, kann sich der Herr in der Erfahrung der Kinder Gottes nicht im Sieg des Lebens über den Tod offenbaren, wie er dies in seiner Hohenpriesterstellung im Himmel, d.i. im Allerheiligsten seines unsterblichen Herrlichkeitsleibes, vor dem Ange­sichte Gottes tut. Um die Art der Offenbarung des Herrn als Menschensohn auf dem Boden der vorderen Hütte nach der Darstellung in den Sendschreiben recht verstehen zu können, muß beachtet werden, was im ersten Hauptteil recht ausführlich erklärt ist, nämlich, daß der siebenarmige Leuchter im Abbild der Stiftshütte auch in der vorderen Hütte, vor dem Vorhang und vor dem Throne Gottes und der Bundeslade stand (2.Mos.26,35; 40,4. 24-25; 3.Mos.24,3-4; Hebr.9,2; zu „Thron“ vgl.Offb.8,3). Damit ist bewiesen, daß der siebenarmige Leuchter mit seinen sieben Lampen, die das Abbild von den sieben Engeln der sieben Gemeinden und den sieben Gemeinden sind, ihren Dienst und ihre Bedeutung nur auf dem Boden der vorderen Hütte haben. Der Gottesdienst, der in der vorderen Hütte verrichtet wird, ist aber verschieden von demjenigen im Allerheiligsten. Ins Allerheiligste durfte der Hohepriester nur einmal jährlich zur Ver­söhnung des ganzen Volkes hineingehen, und zwar als Abbild von dem Hohenprie­sterdienst Jesu. In der vorderen Hütte dagegen üben die Priester ihren beständigen Opferdienst als Vorbild des Lebenseinsatzes (Hebr.9,6-7). Solange sie diesen Dienst ausrichten, sind sie noch nicht in der Verbindung mit dem Sieg des Lebens über den Tod, der nur im Allerheiligsten in der Hohenpriesterstellung Darstellung findet, son­dern sie sind nur mit der Ausauferstehung und der Erstlingsauferstehung in Verbin­dung. Darüber sagt der Apostel, daß, solange die vordere Hütte noch besteht und auf diesem Boden

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der Gottesdienst noch geübt wird, das der Beweis dafür ist, daß der Weg ins Heilig­tum, nämlich ins Allerheiligste noch nicht geoffenbart sei (Hebr.9,8-10).

Daß die Offenbarung des Herrn als Menschensohn unter den sieben Gemeinden nur auf diesem Boden der vorderen Hütte der Auferstehung der Toten erfolgt, kann daraus erkannt werden, wie sich der Menschensohn dem Johannes geoffenbart hat, als dieser, angesichts der ihm gezeigten Erscheinung des Menschensohnes, wie tot zu Jesu Füßen fiel (Offb.1,17). Der Menschensohn legte seine rechte Hand auf ihn und sprach zu ihm:

„Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige; ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und des Totenreichs.“ (Offb.1,17-18)

Schon im erstem Hauptteil ist erklärt, daß ihm der Menschensohn damit die Hoff­nung der Auferstehung aus den Toten vermittelte. Die Vermittlung dieser Auferste­hungshoffnung durch den, der die Schlüssel des Todes und des Totenreiches hat, nämlich durch den auf dem Boden der vorderen Hütte offenbarwerdenden Menschen­sohn, war für Johannes darum nötig, weil er zu dieser Zeit auch auf dem Boden der vorderen Hütte stand. Er war zu der Zeit, obwohl er ein Apostel Jesu Christi war, und die Apostel die Ordnung des Allerheiligsten bezeugt haben, doch noch nicht auf dem Boden des Allerheiligsten selbst und somit auch nicht in der Stellung, in der er als persönliche Erfahrung den Sieg des Lebens über den Tod in der Leibesverwandlung hätte erfahren können. Das beweist er selbst dadurch, daß er, angesichts der Erscheinung des Menschensohnes, wie er die sieben Sterne in seiner rechten Hand hält und unter den sieben Gemeinden offenbar wird, sich vor dieser Offenbarung des Herrn fürchtet und wie tot vor den Füßen des Menschensohnes niederfällt. Weil sich der Apostel Johannes dem offenbarwerdenden Menschensohn gegenüber in einer solchen Stellung befand, konnte dieser ihm auch keinen andern Trost vermitteln und keine andere Hoffnung in Aussicht stellen, als daß er ihn aus den Toten und dem Totenreich erwecken wird, weil er die Schlüssel des Todes und des Totenreiches hat.

Würde die Offenbarung des Herrn in dem erfolgt sein, was er als Hoherpriester, im Sieg des Lebens über den Tod, darstellt, dann hätte Johannes keine Veranlassung gehabt, sich vor ihm zu fürchten und wie tot zu seinen Füßen niederzufallen; denn auf diese Art der Vollkommenheitsoffenbarung des Herrn war Johannes früher in seinem apostolischen Lehrzeugnis und durch seinen bewiesenen Glaubensgehorsam einge­stellt (1.Joh.2,28; 4,17-18). Aber darauf kommt es jetzt in Gegenwart des offenbarwer­denden Menschensohnes nicht mehr an; denn der Herr muß sich den sieben Gemein­deengeln gegenüber und unter den sieben Gemeinden so offenbaren, wie es jeweils ihrer Stellung zu ihm entspricht. Was dieser ganze Vorgang zu bedeuten hat und in welchem Lichte diese Schilderung von dem Apostel Johannes über den offenbarwer­denden Menschensohn gesehen und dementsprechend beurteilt werden muß, wird in der weiteren Schilderung

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über die Stellung des Engels der Gemeinde zu Ephesus gezeigt werden. Diese Dar­stellung, wie wir sie bis jetzt erkannt haben, genügt schon, um zu beweisen, daß die Offenbarung des Herrn als Menschensohn unter den sieben Engeln und den sieben Gemeinden auf dem Boden der vorderen Hütte, d.i. auf dem Boden des Lebensein­satzes und der Auferstehung aus den Toten erfolgt und dem Dienst der Apostel ent­spricht, den sie auf Grund ihrer Vollmacht früher in der Gemeinde des Herrn ausgeübt haben.

Wird der Herr als Menschensohn auf dem Boden der vorderen Hütte offenbar, dann muß diese Art seiner Offenbarung auch der Stellung der sieben Gemeindeengel  und der sieben Gemeinden entsprechen. Das heißt mit anderen Worten: Weil sie in ihrer Stellung zu Jesus nur auf dem Boden der vorderen Hütte stehen, sind sie nur in Verbindung mit dem Lebenseinsatz und infolgedessen auch nur mit der Auferstehung aus den Toten. Diese Wahrheit der Auferstehung aus den Toten haben die Apostel der Gemeinde wohl auch verkündigt, aber sie haben doch das Ziel der Leibensver­wandlung, den Sieg des Lebens über den Tod, als die vollkommene Erfüllung der göttlichen Verheißung im Evangelium an den ersten Platz gestellt (Röm.8,11.23; 1.Kor.15,51-52; 2.Kor.5,4; Phil.3,20-21; Kol.3,4; 1.Thess.4,15-17; 2.Thess.1,7.10; 1.Petr.1,4-9). Darin muß einerseits der große Unterschied erkannt werden, der zwischen dem Dienst der Apostel und ihrem Verhältnis zum Herrn und der Stellung der Engel der sieben Gemeinden und ihrem Verhältnis zum Menschensohn besteht. Andererseits muß darin auch der große Unterschied erkannt werden, der zwischen der ersten Gemeinde und ihrem Verhältnis zum Herrn und der Stellung der sieben Gemeinden zum Menschen­sohn besteht.

Daß der Herr als Menschensohn unter den sieben Gemeinden auf dem Boden der vorderen Hütte offenbar wird, und daß von dieser vorderen Hütte gesagt ist, daß, solange, wie sie besteht, der Weg ins Heiligtum noch nicht geoffenbart ist (Hebr.9,6-10), ist somit der klarste und darum unantastbarste und unwiderleglichste Beweis dafür, daß die siebenfache Gemeindeordnung, nach der Darstellung in den sieben Send­schreiben, solange dauert, bis der Herr auf dem Boden des Allerheiligsten zu seinem Tempel kommt. Ist die Offenbarung des Herrn aber bis heute in dieser Vollkommen­heit noch nicht erfolgt, so ist damit bestätigt, daß die Entwicklung und Ausgestaltung der christlichen Gemeinde noch bis zur Gegenwart nach dieser siebenfachen Gemeindeordnung erfolgt. Alle Auswirkungen und Erfahrungen in der christlichen Gemeinde, - auch in der gegenwärtigen Zeit -, stehen in irgendeiner Weise im Zusammenhang mit den Ordnungen, wie sie in den sieben Sendschreiben auf dem Boden der vorderen Hütte geschildert sind. Würde man diese Ordnungen in der Gemeinde Gottes bis heute gekannt haben, hätte man nicht zur Unzeit mit der Wie­derkunft und Offenbarung des Herrn zur Leibesverwandlung rechnen können, nämlich in den Zeiten, in denen dafür die Vorbedingungen in den sieben Gemeinden noch gar nicht geschaffen waren. Denn solange die Stellung der sieben Gemeinden eine solche ist, daß der Herr ihnen gegenüber nur als Menschensohn auf dem Boden der vorde­ren

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Hütte des Lebenseinsatzes und in der Hoffnung der Ausauferstehung und der ersten Auferstehung offenbar werden kann, ist ja der Weg ins Allerheiligste noch nicht geof­fenbart. Das heißt mit andern Worten: Solange die sieben Gemeinden durch ihren Gottesdienst, d.i. durch ihre Erkenntnis, durch ihren Glauben, durch ihre Hoffnung und ihre Liebesbetätigung nur die Ordnung der vorderen Hütte oder gar des Vorhofs dar­stellen, kann das Kommen des Herrn zu seinem Tempel nicht erfolgen. Der Sieg des Lebens über den Tod, als Erfüllung der göttlichen Verheißung im Evangelium, durch die Wiederkunft des Herrn, so wie es die Apostel verkündigt haben, kann so lange nicht offenbar werden.

Wenn diese grundlegende Ordnung von den Kindern Gottes in diesem biblischen Lichte erkannt und auch anerkannt wird, räumen sie sich dadurch selbst alle Steine und Hindernisse aus dem Wege, die ihnen sonst in der weiteren Enthüllung des Geheimnisses vom Kommen des Herrn durch die Auslegung der sieben Sendschrei­ben als Steine des Anstoßens begegnen könnten. Wird diese Ordnung der Offenba­rung des Herrn als Menschensohn auf dem Boden der vorderen Hütte, - und wie wir später noch kennenlernen werden, auch auf dem Boden des Vorhofs, wie die sieben Gemeindeordnungen diese beiden Richtungen darstellen, - von den Kindern Gottes nicht erkannt und anerkannt, bleibt ihnen die Offenbarung des Herrn und sein Kom­men immer ein unenthülltes Geheimnis. Sie beweisen dann in dieser Stellung, daß sie auch kein Licht über das Allerheiligste, über das Haus Gottes und den Tempel Gottes haben, wie ihn Jesus in seinem von den Toten unsterblich und unverweslich aufer­weckten und zur Rechten Gottes erhöhten Herrlichkeitsleib als Hoherpriester vorbild­lich und vollkommen darstellt. Dieser Mangel in ihrer Stellung muß aber wiederum zur Folge haben, daß sie für die Offenbarung des Herrn und für sein Kommen zu seinem Tempel, um ihn mit der Herrlichkeit zu erfüllen, überhaupt kein Verständnis haben. Der geistige Blick dafür, daß die göttliche Verheißung im Evangelium nur auf dem Wege der Leibesverwandlung und im Erlangen vom Sieg des Lebens über den Tod in Erfüllung geht, und zwar nur durch die Wiederkunft des Herrn, fehlt ihnen ganz. Dar­aus erklärt sich dann aber auch ihre Einstellung zu diesen göttlichen Heilswahrheiten und Ordnungen und zu den Trägern derselben.

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