Weg zur Wahrheit

Röm. 4,7 «Selig sind die, welchen die Übertretungen vergeben und deren Sünden zugedeckt sind;  8 selig ist der Mann, welchem der Herr die Sünde nicht zurechnet!»

Joh. E. Keller 

Bibliothek Weg zur Wahrheit  

Das Sendschreiben an die Gemeinde zu Smyrna  

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Das Geheimnis vom Kommen des Herrn in der Gemeinde zu Smyrna 

1.     Die Offenbarung des Herrn für den Engel der Gemeinde zu Smyrna.  

a) Die Ausgestaltung des Geheimnisses vom Kommen des Herrn findet in der Stellung des Engels der Gemeinde zu Smyrna ihre Fortsetzung. 

Die zweite Botschaft, die der Apostel Johannes von dem Menschensohn bekom­men hat, mußte er dem Engel der Gemeinde zu Smyrna übermitteln. Darüber heißt es:

„Dem Engel der Gemeinde zu Smyrna schreibe.“ (Offb.2,8)

Aus dem Umstand, daß Johannes die zweite Botschaft an den Engel der Gemeinde zu Smyrna richten mußte, müssen wir schließen, daß in der Stellung die­ses Gemeindeengels die Ausgestaltung des Geheimnisses vom Kommen des Herrn ihre Fortsetzung findet. Wir haben erkannt, daß und auf welche Weise die Ausgestal­tung dieses Geheimnisses in der Stellung des Engels der Gemeinde zu Ephesus ihren Anfang genommen hat. Durch die weiteren Erklärungen über die Stellung des Engels der Gemeinde zu Smyrna werden wir es ausführlich bestätigt finden, weshalb dieser Engel in seiner Stellung die Fortsetzung der Ausgestaltung des Geheimnisses vom Kommen des Herrn ist, das in der Stellung des Engels der Gemeinde zu Ephesus sei­nen Anfang genommen hat.

Die Namensbezeichnung „Smyrna“ heißt zu deutsch „Myrrhe“ = „Bitterkeit“. Daß sich der Herr dieses Namens an zweiter Stelle bedient, darf als eine Offenbarung des göttlichen Willens angesehen werden, wie solche auch bei der Gemeinde zu Ephesus erfolgte. In diesem Namen kommt die Bedeutung zum Ausdruck, die die Gemeinde zu Smyrna für das Geheimnis vom Kommen des Herrn hat.

Während am Anfang der Ausgestaltung des Geheimnisses vom Kommen des Herrn etwas „Wünschenswertes“ steht, findet die Ausgestaltung dieses Geheimnisses ihre Fortsetzung in der Myrrhe, d.i. Bitterkeit. Diese Bitterkeit kann sich nur darauf beziehen, unter welchen Umständen

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und Verhältnissen sich in der Erfahrung des Engels der Gemeinde zu Smyrna und in der Erfahrung dieser Gemeinde das Geheimnis vom Kommen des Herrn weiter ausgestaltet. Das werden uns die weiteren Ausführungen über die Stellung dieses Engels und der Gemeinde bestätigen. 

b) Der Herr offenbart sich dem Engel der Gemeinde zu Smyrna als Menschensohn auf dem Boden der vorderen Hütte. 

I. Die Offenbarung des Menschensohnes für den Engel der Gemeinde zu Smyrna ist eine Teiloffenbarung des Geheimnisses vom Kommen des Herrn.

Der eigentliche Anfang dieser Fortsetzung der Ausgestaltung des Geheimnisses vom Kommen des Herrn muß in dem erkannt werden, daß Johannes dem Engel der Gemeinde zu Smyrna die Worte schreiben mußte:

„Das sagt der Erste und der Letzte, welcher tot war und lebendig geworden ist.“ (Offb.2,8)

In diesen Worten an den zweiten Gemeindeengel besteht für ihn die erste Offen­barung des Einen, gleich einem Menschensohne. Was diese Offenbarung bedeutet, kann nur in Verbindung damit verstanden werden, wie sich der Menschensohn dem Apostel Johannes in seiner Erscheinung im Geheimnis offenbart hat. Weil sich Johan­nes vor der Erscheinung des Menschensohnes fürchtete und wie tot zu dessen Füßen fiel, legte dieser seine rechte Hand auf ihn und tröstete ihn mit den Worten:

„Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige; ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und des Totenreiches.“ (Offb.1,17-18)

Der Zusammenhang dieser beiden Zeugnisse zeigt, daß sich der Menschensohn dem Engel der Gemeinde zu Smyrna fast in der gleichen Weise offenbart, wie er dies dem Apostel Johannes gegenüber getan hat. Damit ist bewiesen, daß diese Art der Offenbarung des Herrn für den Engel der Gemeinde zu Smyrna ebenfalls eine Teilof­fenbarung des Geheimnisses vom Kommen des Herrn ist, wie das auch beim Engel der Gemeinde zu Ephesus der Fall war.  

II. Die Bedeutung der Offenbarung des Menschensohnes als der Erste und der Letzte und als der Totgewesene und Lebendiggewordene.

Nun ist es wichtig, darauf zu achten, welche Bedeutung dieser Offenbarung des Menschensohnes für den Engel der Gemeinde zu Smyrna

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zugrunde liegt. Denn wenn sich der Herr diesem zweiten Engel in Verbindung mit dem, was er ihm zu sagen hat, in ähnlicher Weise offenbart wie dem Apostel Johan­nes, muß das seine bestimmte Bedeutung haben. Diese Bedeutung kann nur in Ver­bindung damit recht erkannt werden, was der Herr als der Erste und Letzte und als der Totgewesene und Lebendiggewordene darstellt. Dieses Zeugnis ist in weiteren Kapiteln der Offenbarung noch zweimal wiederholt. In Offb.21,6 lautet der Bericht:

„Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende.“

Im folgenden Kapitel stehen die Worte:

„Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende, der Erste und der Letzte.“ (Offb.22,13)

Der Zusammenhang dieser Worte zeigt, daß Jesus als der Erste und der Letzte auch das Alpha und das Omega, d.h. der Anfang und das Ende ist. Deshalb weist Jesus mit der Bezeichnung, der Erste und der Letzte, darauf hin, daß er der Totgewe­sene und Lebendiggewordene ist. Diese verschiedenen Bezeichnungen

der Erste und der Letzte,

der Totgewesene und Lebendiggewordene,

das A und das O,

der Anfang und das Ende,

sagen ein und dasselbe. Mit diesen Bezeichnungen erklärt Jesus sowohl dem Apostel Johannes, als auch dem Engel der Gemeinde zu Smyrna die Tatsache, daß er der erste ist, der aus den Toten auferstanden und als Totgewesener wieder lebendig geworden ist. Er will diese beiden Knechte darüber unterrichten, daß er

„der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern“ (Röm.8,29),

„der Erstling der Entschlafenen“ (1.Kor.15,20. 23),

„der Erstgeborene aller Kreatur“ (Kol.1,15),

„der Anfang, der Erstgeborene aus den Toten, damit er in allem der Erste sei.“ (Kol.1,18)

So wie Jesus in diesem Sinn der Anfang und der Erste ist, ist er auch das Ende und der Letzte, und zwar aus dem Grunde, weil er in diesem von den Toten aufer­weckten Zustand von Ewigkeit zu Ewigkeit bleibt. Die Offenbarung des Herrn für den Engel der Gemeinde zu Smyrna ist deshalb die Offenbarung dessen, was Jesus dar­stellt als der Erstgeborene der Brüder, die aus den Toten auferstehen. Es ist aber auch die Offenbarung dessen, daß Jesus als der von den Toten Lebendiggewordene der ist, der die Gläubigen aus den Toten auferweckt, die um des Glaubens willen, gleich ihm, dadurch unter die Macht und Gewalt des Todes kommen, daß sie in ihrem Glauben die Treue bis zum Tod beweisen müssen.

Diese Art der Offenbarung des Herrn ist aber nicht seine Offenbarung als Hoher­priester und was er als Hoherpriester für die Gläubigen zur Rechten Gottes in seinem unsterblich gewordenen Herrlichkeitsleib im Sieg des Lebens über den Tod darstellt. Es ist vielmehr auch nur ein

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Teil der Offenbarung dessen, wie er als Menschensohn unter den sieben goldenen Leuchtern auf dem Boden der vorderen Hütte wandelt, und zwar als Fortsetzung der gleichen Offenbarung in der ersten Gemeinde. Darüber mußte der Herr den Vorsteher der zweiten Gemeinde in gleicher Weise unterrichten, wie er das beim Engel der ersten Gemeinde getan hat. Es soll für ihn das Kennzeichen sein, daß der Herr auf dem Boden, auf dem dieser Engel und mit ihm seine Gemeinde steht, nicht mehr in der Vollkommenheit als Hoherpriester offenbar werden kann, sondern nur als Men­schensohn, der die Macht und Kraft hat, die Toten aufzuwecken, wie er selbst von den Toten auferstanden ist. Er kann sie jetzt nicht mehr zum Sieg über den Tod führen, wie dieser Sieg der Gemeinde des Herrn von den Aposteln bezeugt wurde. Dieser Engel soll deshalb durch die Mitteilung des Herrn erkennen, daß die Wiederkunft des Herrn und dadurch die Erfüllung der göttlichen Verheißung im Evangelium nicht zu der Zeit erfolgen kann, in der er als der Engel der Gemeinde zu Smyrna dieser Gemeinde vorsteht. Das war für diesen zweiten Engel, wie wir in dieser Abhandlung vom zweiten Sendschreiben noch ausführlicher darauf hingeleitet werden, eine wichtige Offenba­rung.

Die Art der Offenbarung des Herrn für den Engel der Gemeinde zu Smyrna kann nur richtig verstanden werden, wenn beachtet wird, daß diese Offenbarung das Ergebnis von dem ist, wie sich der Herr in der Erfahrung des Engels der Gemeinde zu Ephesus offenbaren wollte. Für diesen letztgenannten Engel wollte sich der Herr auf dem Boden der ersten Liebe in der Erfahrung der Leibesverwandlung offenbaren. Das wollte der Herr dadurch tun, daß er ihm zu essen gibt von dem Baum des Lebens, der im Paradiese Gottes ist (Offb.2,7). Dadurch wäre in der Erfahrung des ersten Gemein­deengels der volle Sieg der in Christo vollbrachten Erlösung als der Sieg des Lebens über den Tod offenbar geworden. Auf diese Weise hätte sich die göttliche Verheißung im Evangelium von der ersten Liebe in der ersten Gemeinde nach der Lehre Jesu und der Apostel völlig erfüllt. Jesus Christus wäre dadurch wiedergekommen und das Reich Gottes würde schon in der Zeit der Gemeinde zu Ephesus aufgerichtet worden sein. Doch weil der erste Engel über den Verlust seiner ersten Liebe keine Buße getan und er auch die ersten Werke nicht mehr getan hat, mußte ihn der Herr als Leuchter für den Sieg des Lebens über den Tod in der Leibesverwandlung von seiner Stelle stoßen. Das heißt mit anderen Worten: Er konnte sich in der Erfahrung dieses Engels nicht mehr als der Hohepriester offenbaren; denn er konnte ihm nicht zu essen geben von dem Baum des Lebens, der im Paradiese Gottes ist. Weil der Herr den Engel als Leuchter von seiner Stelle gestoßen hat, und somit der Gemeinde von die­ser Zeit an die Wahrheit der ersten Liebe fehlte, wurde dies alles die Ursache dafür, daß Jesus sich dem zweiten Gemeindeengel auch nicht mehr als Hoherpriester offen­baren konnte, sondern nur noch als der Menschensohn, der die Ordnung der Aufer­stehung von den Toten darstellt.

Daß sich der Herr dem Engel der Gemeinde zu Smyrna in dieser Weise offenbart hat, muß aber auch der Stellung entsprechen, die dieser

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Engel einerseits zu ihm als dem Retter und Erlöser und andererseits zu der Gemeinde hat, deren Vorsteher er nach dem Willen des Herrn ist. Aber auch die Stellung, die dieser Engel zur göttlichen Verheißung im Evangelium hat, muß den Herrn veranlaßt haben, sich ihm so zu offenbaren. Doch muß es so gesehen werden, daß die Stellung dieses zweiten Engels auch die Fortsetzung der Stellung des ersten Engels ist, nach­dem dieser seine erste Liebe verlassen hat, darüber nicht Buße tat und deshalb vom Menschensohn als Leuchter für die Wahrheit der Leibesverwandlung von seiner Stelle gestoßen wurde.

Die Erklärung der vollen Bedeutung dieser Art der Offenbarung des Herrn für den Engel der Gemeinde zu Smyrna folgt dann in den weiteren Abschnitten dieses Send­schreibens. Auch die Tatsache, daß die Offenbarung des Herrn für diesen Engel die Fortsetzung seiner Offenbarung für den Engel der ersten Gemeinde ist, und daß die Stellung des Engels der Gemeinde zu Smyrna die Fortsetzung von der Stellung des ersten Gemeindeengels ist, wird in den weiteren Ausführungen über das zweite Send­schreiben noch mehr beleuchtet werden.

Was Johannes diesem zweiten Engel im Auftrag des Herrn zu sagen hat, ist dann nichts anderes als eine Mitteilung über die Stellung, die dieser Engel zum Herrn hat, sowie zur Gemeinde, der er vorsteht, und auch zur göttlichen Verheißung, die in der Gemeinde sich erfüllen soll. Doch das sollen uns erst die folgenden Abschnitte, in denen die Stellung des Engels nach diesen drei Seiten hin betrachtet wird, ausführli­cher erklären.  

2. Die Stellung des Engels der Gemeinde in Smyrna zu Jesu und zur Gemeinde.  

a) Die dem Herrn wohlgefällige Stellung des Engels der Gemeinde zu Smyrna.  

I. Die Reihenfolge der zweiten Botschaft an den Engel der Gemeinde zu Smyrna.

So wie beim ersten, kommen wir nun auch beim zweiten Sendschreiben zum zweiten Teil der Botschaft, die der Apostel Johannes dem Engel der Gemeinde zu Smyrna im Auftrag des Menschensohnes mitzuteilen hatte. Im ersten Teil der Mittei­lung an diesen Gemeindeengel hat ihm der Herr sagen lassen, von wem die Botschaft ausgeht, die ihm Johannes zu übermitteln hat. Der zweite Teil ist ein Bericht über die Stellung des Engels, wie er sie einerseits zu seinem Retter und Erlöser Jesu Christo und andererseits zu der Gemeinde hat, deren Vorsteher er ist. Diese Mitteilung lautet:

„Ich weiß deine Trübsal und deine Armut, - du bist aber reich, - und die Lästerung von denen, die sagen, sie seien Juden und sind es nicht, sondern eine Synagoge des Satans. Fürchte nichts, was du leiden wirst! Siehe, der Teufel wird

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etliche aus euch ins Gefängnis werfen, damit ihr versucht werdet, und ihr werdet Trübsal haben zehn Tage. Sei getreu bis zum Tode, so will ich dir die Krone des Lebens geben!“ (Offb.2,9-10)

Der Inhalt dieser Mitteilung zerfällt dem Sinn nach hauptsächlich in die drei fol­genden Ordnungen:

1)     Der Menschensohn bezeugt dem Engel der Gemeinde zu Smyrna seine ihm wohlgefällige Stellung.

2)     Er fordert ihn auf zur Furchtlosigkeit in seinen Trübsalen und zur Treue bis zum Tode.

3)     Er verheißt ihm für die Treue bis zum Tode die Krone des Lebens.

Um ein recht klares Bild über die Stellung des Engels der Gemeinde zu Smyrna zu bekommen, müssen wir in unserer Auslegung diese drei Ordnungen getrennt vonein­ander betrachten. Wir halten uns dabei an die im Bericht des Menschensohnes gege­bene Reihenfolge und wollen zuerst kennenlernen, worin die dem Herrn wohlgefällige Stellung dieses Engels besteht. 

II. Die Armut des Engels der Gemeinde zu Smyrna. 

Die Armut des Engels der Gemeinde zu Smyrna ist eine Folge des Verlustes der ersten Liebe.

Mit den Worten:

„Ich weiß deine Trübsal“ (Offb.2,9),

muß der Apostel Johannes seine Mitteilung an den Engel der Gemeinde zu Smyrna über dessen Stellung einleiten. So wie der Menschensohn über die Stellung des ersten Engels unterrichtet war, macht er auch den Engel der zweiten Gemeinde dar­auf aufmerksam, daß ihm über seine Stellung zu seinem Herrn und zu seiner Gemeinde, der er vorstand, alles bekannt ist. Manches mag dem Engel über seine Stellung selbst schon bekannt gewesen sein, anderes wieder nicht. Wie dem auch sei, der Menschensohn fand es für nötig, seinen Diener darüber zu unterrichten, daß er über seine Stellung alles weiß. Auch muß es so verstanden werden, daß der Herr dem Engel das, was er über seine Stellung wußte, deshalb mitteilen ließ, daß es allen sie­ben Gemeinden als göttliche Offenbarung bekannt wurde. Deshalb stehen ja auch am Ende dieses zweiten Sendschreibens wieder die Worte, wie im ersten Sendschreiben:

„Wer ein Ohr hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt.“ (Offb.2,11)

Der Menschensohn läßt den zweiten Engel zuerst wissen, daß er über seine Trübsal unterrichtet ist. Um des Zusammenhanges und um des leichteren Verständ­nisses willen erklären wir die Bedeutung der Trübsal

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des Engels der zweiten Gemeinde erst in einem später folgenden Abschnitt. Aus demselben Grunde achten wir in unserer Betrachtung über die Stellung dieses Engels zuerst auf das, was ihm der Menschensohn an zweiter Stelle sagen läßt mit den Worten:

„Ich weiß deine Armut.“ (Offb.2,9)

Dieses Zeugnis ist bezeichnend für den Engel der zweiten Gemeinde. Was diese Armut des zweiten Gemeindevorstehers bedeutet, kann nur in Verbindung mit den Ausführungen über das erste Sendschreiben recht verstanden werden. Im ersten Sendschreiben haben wir kennengelernt, daß der Engel dieser ersten Gemeinde seine erste Liebe verlassen hat, und daß er trotz der Aufforderung zur Buße seine Stellung in der ersten Liebe nicht mehr zurückerlangt hat. Die Folge davon war, daß er als Leuchter für die Wahrheit der ersten Liebe, d. i. für die in Christo vollbrachte ganze Erlösung, von seiner Stelle gestoßen wurde. Von dieser Zeit an fehlt der Gemeinde das Licht über den ganzen Sieg der in Christo Jesu vollbrachten Rettung und Erlö­sung, wie dieses Licht zuvor in der ersten Liebe des Ephesusengels vorhanden war.

Daß der Engel der Smyrna-Gemeinde, die zeitlich auf die erste Gemeinde folgte, nicht mehr auf dem Wahrheitsboden der ersten Liebe stehen konnte, war nach dem Urteil des Herrn für seine Stellung Armut. Er konnte durch den Glauben an die ganze Erlösung, auch wenn er darüber noch die Erkenntnis hatte, nicht mehr in den Besitz der ersten Liebe kommen. Infolgedessen konnte er in seiner Gemeinde auch nicht der Leuchter für den Sieg des Lebens über den Tod sein, der in der Leibesverwandlung der Kinder Gottes offenbar werden soll. Aus diesem Grunde sagt ihm der Menschen­sohn auch nicht, daß er für seine Gemeinde in derselben Weise ein Leuchter sein soll wie der Engel der Gemeinde zu Ephesus.

Die Armut des Engels der Gemeinde zu Smyrna ist ein klarer Beweis dafür, daß sich die zweite Gemeindeordnung aus der ersten Gemeinde ergeben hat.

Mit dem Hinweis auf die Armut ist der große Unterschied zwischen der ersten und zweiten Gemeinde gezeigt. Die Armut ist der klarste Beweis dafür, daß die Möglich­keit, die in der ersten Gemeinde für die Erfüllung des Geheimnisses vom Kommen des Herrn bestand, in der zweiten Gemeinde schon nicht mehr gegeben war. Folglich ist die Armut in der zweiten Gemeinde das bestimmte Kennzeichen für die Abwärtsbe­wegung in der Gemeinde des Herrn. Durch die Armut wird bestätigt, daß die Stellung des Engels der zweiten Gemeinde das Ergebnis der Stellung des ersten Engels ist. Demzufolge ist auch die Gemeinde zu Smyrna als die zweite Gemeindeordnung die Fortsetzung der ersten Gemeindeordnung, und zwar in der Weise, daß sich der Gemeindezustand der zweiten Gemeinde aus dem ersten Gemeindezustand ergeben hat. Alles was sonst in der

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Stellung des Engels der zweiten Gemeinde noch vorhanden ist, selbst sein Reichtum, auf den der Menschensohn auch hinweist, ändert nichts daran, daß diesem Engel die Grundlage für die Erfüllung des Geheimnisses vom Kommen des Herrn fehlt und er deshalb in seiner Stellung Armut aufzuweisen hat. In der Gemeinde zu Ephesus waren dieser Mangel und diese Armut nicht vorhanden, solange der Engel in der Stellung der ersten Liebe war. Vielmehr war dieser Engel im Besitz der ersten Liebe reich. Die Armut, als die fehlende erste Liebe, gab der Stellung des zweiten Engels und der Gemeinde, der er vorstand, das Gepräge. Alles, was über diesen Engel und die Gemeinde zu Smyrna noch gesagt ist, steht mit der Armut des Engels in direkter Verbindung.

In diesem Lichte gesehen ist die Armut des zweiten Engels ausschlaggebend für die Ausgestaltung des Geheimnisses vom Kommen des Herrn. Inwiefern dies der Fall ist, werden die weiteren Ausführungen über dieses Sendschreiben noch klären. 

 

III. Der Reichtum des Engels der Gemeinde zu Smyrna.

Der Reichtum des Engels der Gemeinde zu Smyrna ist sein Glaube an Jesum und seine Hoffnung auf den aus den Toten Auferstandenen.

Im Anschluß an die Worte:

„Ich weiß … deine Armut“,

läßt der Menschensohn dem Engel der Gemeinde zu Smyrna auch sagen:

„Du bist aber reich.“ (Offb.2,9)

Dieser Hinweis auf das Reich-Sein ist das weitere Urteil des Herrn über die Stel­lung des zweiten Gemeindeengels zu Jesu. Daß dieser Engel arm war, ist aber, wie wir erkannt haben, nicht sein persönliches Verschulden. Es war vielmehr die Schuld des ihm vorausgegangenen Engels der Gemeinde zu Ephesus, indem dieser seine erste Liebe verlassen und sie nicht wieder erlangt hat. Auch war die Armut in der Stellung des zweiten Engels die Folge davon, daß der Herr den ersten Engel als Leuchter der Wahrheit der ersten Liebe von seiner Stelle gestoßen hat. Trotz des Zustandes, den der Herr mit Armut bezeichnet, bestand zwischen dem Engel der zweiten Gemeinde und dem Herrn doch ein solches Verhältnis, daß es von dem Men­schensohn als der Reichtum in der Stellung des Engels bezeichnet wird.

Dieser Reichtum entspricht dem Sinn nach dem Trost, den der Herr dem Apostel Johannes gegeben hat, als dieser angesichts der ihm offenbarten Erscheinung des Menschensohnes wie tot zu dessen Füßen fiel. Um dieser Furcht willen richtet der Menschensohn an ihn die Worte:

„Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige; ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und des Totenreichs.“ (Offb.1,17-18)

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Wir haben schon früher darauf hingewiesen, daß der Herr mit diesen Worten den Apostel Johannes tröstete, indem er ihm die Verheißung seiner Ausauferstehung von den Toten gab. Diese Hoffnung war für Johannes deshalb nötig, weil er zu der Zeit, als ihm die Erscheinung des Menschensohnes auf Patmos gezeigt wurde, in der Hoff­nung lebte, bei der Wiederkunft des Herrn bereit zu sein und die Verwandlung seines Leibes zu erfahren. Weil es ihm aber auf Grund der Erscheinung des Menschensoh­nes zum Bewußtsein kam, daß er den Sieg des Lebens über den Tod durch die Ver­wandlung seines Leibes nicht erlangen konnte, mußte ihn der Herr mit einer anderen Hoffnung trösten. Das tat er, indem er ihm die Verheißung für seine Auferweckung aus den Toten gab.

Einen solchen Trost brauchte auch der Engel der Gemeinde zu Smyrna um seiner Armut willen. Er wurde ihm durch seinen Herrn zuteil, der, wie für Johannes, so auch für ihn der Erste und der Letzte war, nämlich der, der tot war und durch die Aufer­weckung aus den Toten lebendig geworden ist (Offb.2,8). Durch diesen Hinweis auf das, was der Herr für ihn ist, zeigt ihm dieser das Verhältnis, in dem er zu ihm als sei­nem Knecht und Diener der Gemeinde steht. Daß der zweite Gemeindeengel ange­sichts seiner Armut noch einen solchen Herrn hat, der von den Toten lebendig gewor­den ist, ist nach dem Urteil des Herrn sein Reichtum. Wenn der Engel nicht mehr auf dem Boden der ersten Liebe stehen und die sich daraus ergebende Hoffnung der Lei­besverwandlung haben konnte, mußte er doch eine Stellung gehabt haben, auf Grund derer er mit dem Herrn rechnen durfte, der tot war und lebendig geworden ist. Daß er diesen Herrn erkennen, an ihn glauben, ihn bekennen und für ihn leiden durfte, besonders aber, daß er durch ihn eine Hoffnung auf die Auferstehung von den Toten haben konnte, das war sein Reichtum und sein Reich-Sein. Das sollte ihm im Bewußt­sein seiner Armut zum Troste gereichen.

 

Das Besitzen der Heilsgüter des Hauses Gottes ist der Reichtum der Gläu­bigen.

Um den Sinn des Reichtums in dieser Weise sehen und verstehen zu können, achten wir auf einige Schriftworte, die uns die rechte Bedeutung des Reich-Seins in diesem Zusammenhang erklären. Der Psalmist redet von den reichen Gütern des Hauses Gottes und sagt, daß die Kinder Gottes davon gesättigt werden (Ps.36,9). Der Apostel Paulus redet von dem Reichtum der Gnade Gottes und sagt, daß die Kinder Gottes dadurch erlöst und ihnen die Sünden vergeben sind (Eph.1,7). Im gleichen Brief redet er sogar von dem überschwenglichen Reichtum der Gnade Gottes in Christo Jesu (Eph.2,7) und von dem Reichtum der Herrlichkeit Gottes (Eph.3,16). Ferner unter­weist er die Kinder Gottes auch über den Reichtum von Herrlichkeit in dem Geheimnis des Evangeliums (Kol.2,2). Es ist der unausforschliche Reichtum Christi (Eph.3,8). Eine Tiefe des Reichtums nennt Paulus die Weisheit und die Erkenntnis Gottes (Röm.11,33). Gott erfüllt die Bedürfnisse seiner Kinder nach seinem Reichtum in Herrlichkeit in Christo Jesu (Phil.4,19). Er tut den Reichtum

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seiner Herrlichkeit kund an den Gefäßen der Barmherzigkeit (Röm.9,23) und durch sein Erbe unter den Heiligen (Eph.1,18). Gott ist auch reich an Erbarmen (Eph.2,4). Auch von dem Reichtum seiner Güte, Geduld und Langmut legt der Apostel Zeugnis ab (Röm.2,4). Die Kinder Gottes sollen reich sein in Gott (Luk.12,21). Sie sollen überflüssig reich sein zu jedem guten Werk (2.Kor.9,8) und reich werden zu aller Wohltätigkeit (2.Kor.9,11). Die Gläubigen zu Korinth sind durch die Gnade Gottes, die ihnen in Christo Jesu gegeben worden ist, in allen Stücken reich gemacht worden, in ihm, in aller Lehre, in aller Erkenntnis, am Glauben, am Wort, an allem Eifer und der Liebe (1.Kor.1,5; 2.Kor.8,7; Phil.1,9; Jak.2,5). Die Schmach Christi ist größerer Reichtum als die Schätze Ägyptens (Hebr.11,26).

Alle diese Worte Gottes erklären, in welchem Sinn der Reichtum und das Reich-Sein der Knechte des Herrn verstanden werden muß. Zusammengefaßt gesagt, besteht der Reichtum in der Fülle der Heilsgüter, von Weisheit und Erkenntnis, die Gott in seinem Sohne offenbart hat (Jes.33,6). Diese Wahrheiten der in Christo voll­brachten Rettung sind die Heilsgüter des Hauses Gottes. Wohl konnte der Engel der Gemeinde zu Smyrna nicht mehr im Vollbesitz des Reichtums aller Heilsgüter der Wahrheit der Erlösung sein, weil die erste Liebe in der ersten Gemeinde schon verlo­ren war. Aber das, was er von Christo noch besaß, war auch noch Reichtum von den Heilsgütern des in Christo vollbrachten Erlösungswerkes.

Nur in diesem Sinn erklären sich diese beiden dem Buchstaben nach einander entgegenstehenden Bezeichnungen:

„Ich weiß … deine Armut“,

„Du bist aber reich“.

Die Bedeutung dieses Reichtums für den zweiten Gemeindeengel wird in allem, was über die Stellung dieses Engels und die ihm zuteil werdende Offenbarung seines Herrn in der Weiterbetrachtung noch folgt, beleuchtet. Denn von dem aus, was das Reich-Sein dieses Engels darstellt, ergibt sich alles, was über seine Stellung in dem Bericht des Menschensohnes noch gesagt ist, aber auch das, wie der Herr sich ihm gegenüber um seiner Stellung willen offenbart.  

IV. Die Trübsal des Engels der Gemeinde zu Smyrna.

Der Teufel, als der Widersacher der Glaubensgerechtigkeit und der Aufer­stehung, ist der Urheber der Trübsale des Engels der Gemeinde zu Smyrna.

Wie in den vorausgegangenen Ausführungen bereits kurz darauf hingewiesen ist, steht nach dem Bericht des Menschensohnes die Trübsal in der Stellung des Engels der Gemeinde zu Smyrna am ersten Platz. Denn der Herr sagt diesem Engel als erstes:

„Ich weiß deine Trübsal.“ (Offb.2,9)

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Dem Teufel, als dem Widersacher der Gläubigen, ist es gelungen, den Engel der Gemeinde zu Ephesus dahin zu verführen, daß dieser seine erste Liebe verlassen hat und auch von den ersten Werken abgefallen ist.

Durch seine List ist es ihm ferner gelungen, diesen Engel über den Verlust seiner ersten Liebe an der Buße zu hindern. Als Folge dieser satanischen Verführung mußte der Menschensohn diesen Engel als Leuchter von seiner Stelle stoßen. Das bedeutet, daß sich der Herr durch diesen Engel nicht in der ganzen Fülle der göttlichen Ver­heißung in der Leibesverwandlung offenbaren konnte. Als dem Widersacher diese Verführung gelungen war, gab er sich damit aber nicht etwa zufrieden. Er ist ja nach dem Worte Gottes nicht nur ein Lügner, sondern als der Vater der Lüge auch ein Menschenmörder (Joh.8,44). Aus diesem Grunde ruhte er auch nicht eher, bis er als die Todesmacht selbst über den Sohn Gottes am Kreuze herrschen konnte. Nächst Jesu bewies er seine Macht an vielen Jüngern Jesu, indem er sie auf alle nur denkbare Weise verfolgte und ihnen bittere Trübsale zufügte. Den Höhepunkt dieser Verfol­gungsleiden und Trübsale bildeten die Verfolgungen in der Gemeinde zu Smyrna. Im Mittelpunkt dieser Trübsale stand der Vorsteher dieser Gemeinde. In dieser Gemeinde hatte es der Widersacher besonders darauf abgesehen die Gläubigen durch die ihnen bereiteten Verfolgungsleiden und Trübsale in ihrem Glauben an die Wahrheit der Erlösung zu hemmen, zu hindern und zum Abfall zu bringen. Er begnügte sich noch nicht damit, daß durch seinen Verführungseinfluß in der Gemeinde zu Ephesus die erste Liebe verlassen wurde und dadurch die göttliche Verheißung in der Leibesver­wandlung durch das Kommen des Herrn nicht in Erfüllung gehen konnte. Es ist dem Teufel ja nicht unbekannt, daß, wenn die erste Gemeinde die Bereitschaftsstellung für die Wiederkunft des Herrn zur Leibesverwandlung zwar nicht erlangt hat, die Gläubi­gen dem Evangelium treu sein können bis zum Tod, und daß sie dann vom Herrn aus den Toten auferweckt werden, so daß sie auf diesem Weg ihre Vollendung in dem Sieg über den Widersacher erlangen. Aus diesem Grunde will er durch die Offenba­rung seiner Macht in der Erfahrung dieser Kinder Gottes ihre Glaubenstreue bis zu ihrer Vollendung im Geiste verhindern.

Um diese Absicht in der zweiten Gemeinde recht wirkungsvoll und mit sicherem Erfolg durchführen zu können, mußte der Bösewicht in erster Linie seine ganze Macht an dem Vorsteher dieser Gemeinde beweisen. Dieser Gemeindeengel war es darum, der in jener Zeit die ganze Leidenstiefe der satanischen Verfolgungstrübsale auszuko­sten hatte.

 

Die treue Glaubensstellung des Engels der Gemeinde zu Smyrna ist die Ursache für die Trübsale, die ihm der Teufel bereitet.

Wenn aber der Satan seine ganze Macht auf diesen Knecht des Herrn richtete, ist damit erwiesen, daß dieser Diener des Herrn in seiner Gemeinde auch eine gute Glaubensstellung hatte. Wir dürfen gewiß annehmen, daß dieser zweite Gemeindeen­gel ein Schüler der Apostel Jesu

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Christi, insonderheit des Apostels Johannes, war. Durch ihr Vorbild reifte er im Glau­ben zu einem treuen Knechte des Herrn heran. Nachdem die Apostel alle gestorben waren, ruhte auf ihm die ganze Verantwortung für die Gemeinde. Um dieser Verant­wortung willen sollte er doch noch ein treuer Zeuge und Bekenner der Wahrheit des Evangeliums sein, der diese Treue bis zum Tode darstellen würde. Um das recht zu verstehen, brauchen wir uns nur daran zu erinnern, wie der Apostel Paulus seinen jüngeren Mitarbeiter Timotheus zum Dienst an der Gemeinde und für sie verpflichtete, als er wußte, daß er schon geopfert wurde als Trankopfer, weil die Zeit seines Abscheidens gekommen war (2.Tim.4,6). Er unterwies ihn u.a. auch mit den vielsagen­den und ernsten Worten:

„Ich beschwöre dich vor Gott und Jesu Christo, der richten wird Lebendige und Tote bei seiner Erscheinung und seiner Thronbesteigung: Predige das Wort, tritt auf, es sei gelegene oder ungelegene Zeit, strafe, drohe, ermahne mit aller Geduld und Belehrung! Denn es wird eine Zeit kommen, wo sie die gesunde Lehre nicht ertragen werden, sondern nach ihren eigenen Lüsten werden sie sich selbst Lehrer aufladen, nach denen ihnen die Ohren jucken; und sie werden ihre Ohren von der Wahrheit abwenden, und sich den Legenden zuwenden. Du aber bleibe in allen Dingen nüchtern, leide Ungemach, tue das Werk eines evangeli­schen Predigers, richte deinen Dienst völlig aus!“ (2.Tim.4,1-5)

In dieser Weise war der Engel der Gemeinde zu Smyrna von seinen apostolischen Lehrern gewiß auch unterwiesen, besonders darin, im Dienst am Evangelium Unge­mach zu leiden und seinen Dienst völlig auszurichten. Dieser Engel muß darum in seinem Dienst als ein treuer Diener der Gemeinde angesehen werden, der in seiner Gemeinde im Lichte der noch vorhandenen Erkenntnis des Evangeliums ein treuer Bekenner desselben war. Aus diesem Grunde richtete sich auch der ganze Haß des Widersachers gegen ihn, indem dieser ihm große Trübsale bereitete.

 

Die Synagoge des Satans bereitet dem Engel der Gemeinde zu Smyrna seine Trübsale.

Die Werkzeuge, deren sich der Teufel bediente, um diesem zweiten Engel Trüb­sale zu bereiten, waren nach dem Bericht des Menschensohnes in erster Linie dieje­nigen, die sich in dieser Gemeinde Juden nannten, es aber nicht waren, sondern eine Synagoge, d. h. Schule, Satans waren. Deshalb sagte der Herr diesem Engel:

„Ich weiß … die Lästerung von denen, die sagen, sie seien Juden und sind es nicht, sondern eine Synagoge des Satans.“ (Offb.2,9)

Wenn der Bericht des Menschensohnes im Anschluß an diese Worte weiter lautet:

„Fürchte nichts, was du leiden wirst! Siehe, der Teufel wird etliche aus euch ins Gefängnis werfen, damit ihr versucht werdet,

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und ihr werdet Trübsal haben zehn Tage. Sei getreu bis zum Tode, so will ich dir die Krone des Lebens geben!“ (Offb.2,10),

so zeigt der Zusammenhang dieser Worte, daß diejenigen Gläubigen, die der Men­schensohn als die Schule Satans bezeichnet, die Hauptursache von den Leiden und Trübsalen waren, die der Vorsteher der Gemeinde zu Smyrna durchzukosten hatte. Als die Schule Satans waren sie dessen gut geschulte und von ihm ausgerüstete Werkzeuge, die dem Engel der Gemeinde zu Smyrna seine Trübsale auf jedeWeise bereiteten. Besonders waren es die Lästerungen dieser Synagoge des Satans, durch die diesem Gemeindevorsteher große Trübsale bereitet wurden.

 

Die Ursachen für den Kampf, den die Synagoge des Satans mit dem Engel der Gemeinde zu Smyrna führte.

Wenn dieser Knecht des Herrn auch nicht mehr auf dem Wahrheitsboden der ersten Liebe stehen konnte, weil dafür kein Leuchter mehr vorhanden war, so mußte er in seinem Glauben doch noch treu zu der Glaubensgerechtigkeit, die als die Got­tesgerechtigkeit in Christo Jesu für alle Sünder offenbar geworden ist, stehen und im Geiste ausreifen. Konnte dieser Diener des Herrn auch nicht mehr mit der Erfüllung der göttlichen Verheißung in der Leibesverwandlung rechnen und dieses Ziel erhoffen, mußte er doch in ganzer Treue an die von Jesu und den Aposteln verkündete Lehre von der Auferstehung der Toten glauben. Die Erkenntnis von diesen Wahrheiten und den Glauben daran, wie ihn der Vorsteher der Gemeinde zu Smyrna übte, verlästerten aber die falschen Juden die Synagoge des Satans. Weil sie sich als Juden bezeich­nen, ist damit erklärt, daß sie sich in ihrer Stellung als die allein geistlich Gesinnten ausgeben. Als Juden, für die sie sich ausgaben, hatten sie aber ihre Stellung in der Gesetzesgerechtigkeit, oder aber sie bezeichneten sich als die geistlich Gesinnten, d.h. Juden, weil sie sich auf Menschengebote und -satzungen verließen und die Erfüllung der göttlichen Verheißungen von diesem Boden aus für sich und die Gemeinde erwarteten. In dieser Lehranschauung und Gesetzeseinstellung waren sie aber von Satan, dem Vater der Lüge, gelehrt und geschult. Deshalb lästerten sie auch den Gemeindeengel, der die wahre Gottesfurcht dadurch übte, daß er sich nach dem Verlust der ersten Liebe noch treu zu der Glaubensgerechtigkeit und der Auferste­hungshoffnung bekannte. Ihre Lästerungen und Schmähungen wirkten sich dann in den Verfolgungen und Trübsalen aus, wie das schon in der Erfahrung des Sohnes Gottes der Fall war. Wenn diese Synagoge des Satans auch selbst nicht die Macht besaß, den Gemeindeengel zu verfolgen und ihm dadurch bittere Trübsale zuzufügen, so mußten sie doch seine Verräter gewesen sein, indem sie ihn der heidnischen Obrigkeit jener Zeit auslieferten und deren Verfolgungswahn unterstützten. Solche Menschen, die sich in ihrer Gesetzesgerechtigkeit Juden, d.h. geistlich Gesinnte, nen­nen, die aber nach dem Urteil des Herrn ihrem Wesen nach im wahren Sinne des Wortes eine Schule Satans sind, sind

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zu allem Bösen fähig. Sie scheuen in ihrer Feindschaft gegen die Träger und Beken­ner der Glaubensgerechtigkeit in Christo Jesu kein Mittel, sie zu bedrücken und zu bekämpfen und wenn möglich ganz auszurotten. An Drohungen, daß sie die Macht der obrigkeitlichen Gewalt zu Hilfe nehmen, lassen sie es nicht fehlen. Das bestätigen die anschließenden Worte:

„Fürchte nichts, was du leiden wirst! Siehe, der Teufel wird etliche aus euch ins Gefängnis werfen, damit ihr versucht werdet, und ihr werdet Trübsal haben zehn Tage. Sei getreu bis zum Tode, so will ich dir die Krone des Lebens geben!“ 

Die Bedeutung der zehn Trübsalstage für die Leiden des Engels der Gemeinde zu Smyrna.

Diese Worte zeigen, daß sich die bereits wirksamen Trübsale in der Erfahrung des zweiten Gemeindeengels noch steigerten, und zwar dadurch, daß der Teufel und Widersacher durch die Unterstützung der Synagoge des Satans die damals vorhan­dene heidnische Obrigkeit zu seinem Werkzeug benutzte und durch sie etliche ins Gefängnis werfen ließ. Aber nicht genug daran. Zehn Tage lang soll die Trübsal in dieser Gemeinde dauern. Wenn diesem Knecht des Herrn von dem Menschensohn gesagt wird, daß er treu sein soll bis zum Tode, ist damit bewiesen, daß während die­ser zehn Trübsalstage der Tod eine schreckliche Ernte hält, und daß auch der Gemeindevorsteher während dieser schweren und langen Verfolgungszeit um seines Glaubens willen den Tod erleiden muß. Die zehn Tage Trübsal sind gewiß nicht zehn gewöhnliche Tage, sondern zehn verschiedene Verfolgungszeiten in der christlichen Gemeinde. Die Zeitdauer der Gemeinde zu Smyrna währt etwa vom Jahre 100 n. Chr. bis 300 n. Chr. Diese Zeit ist in der Geschichte als die schwere Märtyrerzeit bekannt. Die zehn Tage Trübsal können deshalb als die in der Geschichte berichteten folgen­den zehn Christenverfolgungen erkannt werden: 

 1.    64 n. Chr.                      unter   Nero, in Rom.

 2.    91-96 n. Chr.                 unter Domitianus. Durch sie wurde der Apostel
                                             Johannes betroffen.

 3.    107 n. Chr.                    unter   Trajanus, in Jerusalem.

 4.                                         unter   Trajanus, in Antiochien.

 5.    167 n. Chr.                    unter   Marcus Aurelius, in Asien und Bithynien.

 6.    177 n. Chr.                    unter   Marcus Aurelius, in Südfrankreich.

 7.    193-211 n. Chr.             unter   Septimius Severus.

 8.    250 n. Chr.                    unter   Decius, im ganzen Römischen Reich.

 9.    253-260 n. Chr.              unter   Valerianus.

10    303 n. Chr.                    unter   Diocletianus, im ganzen Römischen Reich. 

Diese lange Verfolgungszeit ist die Versuchungszeit für die Gemeinde zu Smyrna. In erster Linie wurde natürlich auch der Vorsteher dieser Gemeinde in dieser Zeit ver­sucht; denn ihm sagt ja der Herr in diesem Zusammenhang:

„Fürchte nichts, was ‚du‘ leiden wirst!“

Auf diese Weise versuchte der Widersacher, diesen Knecht Gottes in seinem Glauben an die Gottesgerechtigkeit und an

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die Auferstehung der Toten zu Falle zu bringen, um ihn dadurch zu verschlingen (vgl.1.Petr.5,8). In diesem Lichte kann es nun verstanden werden, weshalb der Men­schensohn in der Beurteilung der Stellung und Erfahrung dieses Gemeindeengels die Trübsal an den ersten Platz stellt. Was über diese Trübsal noch zu sagen ist, werden wir in den weiteren Abschnitten noch kennenlernen.  

b) Der Menschensohn fordert vom Engel der Gemeinde zu
Smyrna die Treue bis zum Tode. 

Die Treue bis zum Tode bewirkt die Glaubensvollendung des Engels der Gemeinde zu Smyrna.

Das, was wir bis jetzt über die Stellung des Engels der Gemeinde zu Smyrna ken­nengelernt haben, ist die dem Herrn wohlgefällige Stellung; denn er hat daran nichts zu tadeln. Doch damit ist der Bericht des Menschensohnes über die Stellung dieses Engels noch nicht erschöpft. Wohl war die Glaubensstellung dieses zweiten Gemein­deengels eine solche, daß sie die Ursache zu seinen Trübsalen und Verfolgungslei­den durch den Teufel wurde, der sich dazu seiner Synagoge bediente. Doch der Men­schensohn mußte ihn noch ermahnen:

„Fürchte nichts, was du leiden wirst! … Sei getreu bis zum Tode, so will ich dir die Krone des Lebens geben!“ (Offb.2,10)

Der Herr tadelt zwar die Stellung dieses Engels nicht, doch zeigen diese Ermah­nungen, daß er in seinem Glaubensgehorsam noch nicht vollendet war. Er mußte vielmehr durch die Verfolgungsleiden und Trübsale in seinem Glauben erst noch bewährt und vollendet werden. Darüber lehrt schon Jakobus:

„Selig ist der Mann, der die Anfechtung erduldet; denn nachdem er bewährt ist, wird er die Krone des Lebens empfangen, welche der Herr verheißen hat denen, die ihn lieben!“ (Jak.1,12)

Um seiner Vollendung willen mußte dieser Knecht des Herrn zuerst noch in der Furchtlosigkeit bewährt werden. Wenn er diese Stellung in der Furchtlosigkeit erlangt hat, muß er darin verharren und treu sein bis zum Tod, um auf diesem Weg vollendet zu werden. Diese Ermahnungen des Menschensohnes sind aber keine Aufforderung zur Buße über eine falsche Stellung zu irgendeiner Wahrheit der Erlösung; sie sind auch kein Tadel der Stellung dieses Engels, sondern sie sind nur eine Unterweisung darüber, daß, wenn dieser Gemeindevorsteher die Bewährung in seiner Glaubens­stellung erlangen will, er in seinen Trübsalen und Verfolgungsleiden treu sein muß bis zum Tod. 

Zum Unterschied der Treue bis zum Tode bewirkt die Stellung in der ersten Liebe die Bereitschaft für das Kommen des Herrn.

Daß dieser zweite Engel seine Glaubensvollendung durch seine Treue bis zum Tod erlangen muß, zeigt den Unterschied zwischen seiner Stellung

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und der Stellung des Engels der Gemeinde zu Ephesus. Die Glaubensvollendung des letztgenannten Engels bestand in seiner Stellung in der ersten Liebe und in den ersten Werken. Deshalb mußte er, als er seine erste Liebe verlassen hatte, über diesen Abfall Buße tun, wenn er die Vollendung seines Glaubens als Bereitschaftsstellung beim Kommen des Herrn darstellen wollte. Diese Stellung in der ersten Liebe war darum nicht die Glaubenstreue bis zum Tod, sondern es war die Siegesstellung über den letzten Feind, den Tod. Es ist die Stellung, in der das Kind Gottes erkennt und glaubt, daß es in Christo mitgekreuzigt (Röm.6,6), mitgestorben (Röm.6,7-8), mit Christo verwachsen zu gleichem Tode (Röm.6,5), mit ihm begraben (Röm.6,4), miterweckt von den Toten (Eph.2,5-6) und mitversetzt ist ins Himmlische (Eph.2,6). Wäre der Engel der Gemeinde zu Ephesus im Glauben an diese Ordnung der Erlösungswahrheit geblie­ben, so wäre dies das Bleiben in seiner ersten Liebe gewesen. Das hätte dahin geführt, daß sein Glaube vollendet worden wäre in der Bereitschaftsstellung für die Wiederkunft des Herrn zur Leibesverwandlung. In dieser vollendeten Glaubensstel­lung wäre er für die Gemeinde das beständige Licht für den Sieg des Lebens über den Tod gewesen, das ist auch das Licht für die Offenbarung des Herrn auf dem Boden des Allerheiligsten als die vollkommene Erfüllung der göttlichen Verheißung im Evan­gelium. Weil der erste Engel über den Verlust seiner ersten Liebe keine Buße getan hat und deshalb sein Leuchter von seiner Stelle gestoßen wurde, konnte er die Voll­endung in seinem Glauben als Bereitschaftsstellung für die Wiederkunft des Herrn nicht erlangen. Demzufolge konnte er die Leibesverwandlung als den Sieg des Lebens über den Tod auch nicht erlangen. Der Herr konnte sich durch ihn auf dem Boden des Allerheiligsten durch seine Wiederkunft nicht offenbaren; d.h. die göttliche Verheißung im Evangelium konnte durch ihn nicht völlig in Erfüllung gehen.

 

Der Engel der Gemeinde zu Smyrna hat auf Grund der fehlenden ersten Liebe, trotz seiner Treue bis zum Tode, keine Möglichkeit mehr, für das Kommen des Herrn bereit zu sein.

Verschieden von diesem Weg, der durch die Stellung des ersten Gemeindeengels zur vollkommenen Erfüllung der göttlichen Verheißung in der Leibesverwandlung beim Kommen des Herrn hätte führen sollen, ist die Ordnung der Glaubensvollendung des zweiten Gemeindeengels auf dem Weg der Leidenstreue bis zum Tode. Um im Glau­ben in dieser Ordnung bewährt zu werden, mußte er nicht mehr auf dem Boden der ersten Liebe stehen, sondern er brauchte in seinem Glauben an die Glaubensrecht­fertigung in Christo Jesu und an die Wahrheit der Auferstehung der Toten in den Ver­folgungsleiden nur treu zu sein bis zum Tode. Mehr konnte dieser Engel in seiner Glaubensstellung nicht aufbringen und darstellen; denn der Leuchter der Wahrheit der ersten Liebe war für ihn schon von seiner Stelle weggestoßen. Deshalb bestand für den Engel der zweiten Gemeinde nicht mehr die Möglichkeit, an die erste Liebe zu glauben und in diesem Glauben durch den Besitz derselben vollendet

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zu werden. Für ihn kam nicht mehr in Frage, zu glauben, daß er mit Christo gekreuzigt, mitgestorben, mitbegraben, mitauferweckt aus den Toten und mitversetzt ist ins Himmlische. Das heißt mit andern Worten: Er hatte keine Möglichkeit mehr, zu glauben, daß der Tod für ihn persönlich schon besiegt und überwunden ist in Christo Jesu, so daß er selbst diesen letzten Feind durch Leben und Übrigbleiben bis zur Wiederkunft des Herrn hätte überwinden können. Deshalb tadelt ihn der Herr auch nicht darüber, daß er nicht auf dem Boden der ersten Liebe stand und er fordert von ihm auch keine Buße, sondern ermahnt ihn nur, sich nicht zu fürchten in seinen Lei­den, und daß er in der Erkenntnis und Glaubensstellung, die er hat, treu sein soll bis zum Tod. Beweist der Engel diese Treue, dann bekommt er von seinem Herrn zur Belohnung die Krone des Lebens. Was diese Krone des Lebens im Lichte der göttli­chen Verheißung im Evangelium und nach dem hier gegebenen Zusammenhang bedeutet, soll uns der nächste Abschnitt erklären. Zunächst müssen wir sehen, wel­che Bewandtnis es damit hat, daß der Engel der zweiten Gemeinde nur noch treu sein soll bis zum Tod, und welche Bedeutung diese Stellung für das Geheimnis vom Kom­men des Herrn hat. Der zweite Engel hatte nur noch die Möglichkeit, seinen Glauben an Jesum, den Retter und Erlöser, in der Treue bis zum Tod zu beweisen. Das heißt mit anderen Worten: Er konnte die Treue in seinem Glauben nur als Märtyrer in der Treue bis zum Tod darstellen. Diese Treue bis zum Tod ist aber auch nicht mehr die Aufopferung und Hingabe des natürlichen Lebens als Trankopfer über dem Opfer und Gottesdienst des Glaubens der noch rückständigen Gemeinde (Phil.2,17), sondern es ist die Stellung, in der der Tod im Zugrundegehen des äußeren Menschen dem Zweck dient, daß der innere Mensch erneuert wird (2.Kor.4,16). In dieser Ordnung dient das Sterben nicht mehr als Trankopfer der Gemeinde, sondern der persönlichen Vollen­dung im Geiste.  

Die Märtyrerstellung des Engels der Gemeinde zu Smyrna als die Treue bis zum Tode ist der Gottesdienst auf dem Boden der vorderen Hütte nach dem Abbild des Levitendienstes.

Zum Unterschied der Stellung in der ersten Liebe, die damit rechnet was der Ret­ter Jesus Christus als Hoherpriester im Himmel, d.i. im Allerheiligsten für die Kinder Gottes darstellt, konnte der zweite Gemeindevorsteher in seiner Stellung seinen Got­tesdienst nur auf dem Boden der vorderen Hütte verrichten. Das tut er, wenn er sich in seinen Verfolgungsleiden nicht fürchtet und darin treu ist bis zum Tode, d.h. wenn er bestrebt ist, sein Leben im Dienste seines Retters als Märtyrer zu dem Zweck hinzu­legen, daß es zu seiner Vollendung im Geiste dienen kann.

Doch wenn dieser Engel seinen Gottesdienst gleich den Priestern auch auf dem Boden der vorderen Hütte in der Treue bis zum Tode übt, ist dieser Gottesdienst doch nicht von der gleichen Bedeutung wie derjenige der Priester und somit wie der des Engels der Gemeinde zu Ephesus.

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Der Gottesdienst des Engels der Gemeinde zu Smyrna, in dem er treu ist bis zum Tod, entspricht dem Dienst, den die Leviten in der Stiftshütte unter der Aufsicht des Hohenpriesters und der Priester verrichtet haben. Um das recht verstehen zu können, achten wir an diesem Platz, wie wir es teilweise schon bei der Betrachtung des ersten Sendschreibens getan haben, kurz auf die Unterschiede in der Ausübung des Gottes­dienstes durch den Hohenpriester, die Priester und die Leviten.

Den Gottesdienst im Allerheiligsten durfte nur der Hohepriester verrichten. Nur er durfte einmal jährlich mit Opferblut ins Allerheiligste gehen, um sich und das ganze Volk mit Gott zu versöhnen. Die zu diesem Zweck als Sünd- und Brandopfer bestimmten Opfertiere mußte der Hohepriester selbst herzubringen, d.h. er mußte sie selbst opfern und etwas von ihrem Blut ins Allerheiligste hineinbringen (3.Mos.16,1-34; Hebr.9,7). In dieser Opferordnung des Hohenpriesters muß das Abbild für das wahre Sühnopfer des Sohnes Gottes erkannt werden. Nun muß die Opferordnung des Hohenpriesters so verstanden werden, daß die Opfertiere, die er selbst als Sündopfer und Brandopfer darbringen mußte, das Abbild für die persönliche Leibesaufopferung des Hohenpriesters zu seiner eigenen und des Volkes Versöhnung waren und auf Jesum, den Hohenpriester, hinweisen. Darüber berichtet der Brief an die Hebräer recht ausführlich.

Verschieden von dem Gottesdienst des Hohenpriesters ist der Dienst der Priester. Sie durften denselben nur in der vorderen Hütte ausrichten in Verbindung mit dem Brandopferaltar, der vor der Tür der Stiftshütte stand (Hebr.9,6). Ins Allerheiligste hinter den zweiten Vorhang, der die zweite Hütte von der vorderen trennte, durften die Prie­ster nicht gehen. Ihr wichtigster Gottesdienst bestand im Darbringen der Opfer auf dem Brandopferaltar, um sich selbst und das Volk Gottes um der Sünde willen, in Verbindung mit dem Hohenpriester, mit Gott zu versöhnen. Die Tiere, die sie für ihre und des Volkes Sünden darbringen, sind das Abbild für ihre eigenen Leiber. In Wirk­lichkeit müßten sie also ihren eigenen Leib für ihre und des Volkes Verfehlungen in der gleichen Weise auch so opfern wie der Hohepriester. Nun muß es seine Bedeu­tung haben, weshalb die Priester, nebst dem jährlichen Hohenpriesterdienst im Aller­heiligsten, auch noch alle Tage ihre Opfer darbringen mußten, zumal doch der Opfer­dienst des Hohenpriesters allumfassende Bedeutung hatte. Durch das jährliche Opfer mußte der Hohepriester das Heiligtum, die Stiftshütte, den Altar, die Priester und das ganze Volk versühnen (3.Mos.16,33). Solche große Bedeutung hatte der Opferdienst der Priester nicht. Sie konnten mit ihren alltäglichen Opfern nur sich selbst und das Volk um ihrer täglich sich wiederholenden Sünden willen versühnen. In der Opferord­nung der Priester kommt aber zur Darstellung, daß sie in ihrem Gottesdienst dieselbe Stellung und Gesinnung haben mußten wie der Hohepriester im Abbild von Jesu. Sie mußten auch freiwillig ihr Leben für ihre und des Volkes Sünden einsetzen. Dieser Gottesdienst entspricht dem Dienst der Apostel. Der Apostel Paulus weist diesbezüg­lich auf seine Stellung mit den Worten hin:

„ … zu erkennen ihn und die Kraft seiner Auferstehung und

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die Gemeinschaft seiner Leiden, daß ich seinem Tode ähnlich werde.“ (Phil.3,10)

In diesen Worten erklärt er, daß er im Leiden und Sterben dem Herrn gleich sein wollte, das heißt, daß er dieselbe Opferstellung freiwillig einnehmen wollte wie Jesus . Diese Tatsache ergänzt und bestätigt dieser Apostel indem er den Philippern schreibt:

„Sollte ich aber auch wie ein Trankopfer ausgegossen werden über dem Opfer und dem Gottesdienst eures Glaubens, so bin ich doch froh und freue mich mit euch allen; gleicherweise sollt auch ihr froh sein und euch mit mir freuen.“ (Phil.2,17-18)

Dieses Trankopfer hat die Bedeutung, wie Paulus es dann in seinem Brief an die Kolosser bezeugt mit den Worten:

(Ich) freue mich in den Leiden für euch, und was an den Trübsalen Christi noch fehlt, erdulde ich an meinem Fleische zugunsten seines Leibes, welcher ist die Gemeinde.“ (Kol.1,24)

Nach diesen Worten ist die Bedeutung der Trankopferstellung in der freiwilligen Lebensaufopferung der Apostel die, daß durch sie das ergänzt bzw. fortgesetzt wird, was an den Leiden Christi noch fehlt. Es sind die Leiden und das Sterben der Trank­opfer, durch die die Gemeinde zur Vollendung der Tempelstellung kommen soll. Ohne diese priesterliche Trankopferstellung wäre die Erbauung und Vollendung des Tem­pels nicht möglich, obwohl Jesus als Hoherpriester ein für allemal ein vollgültiges Opfer für Sünden dargebracht hat (Hebr.10,14). Das Bedeutungsvolle dieser Trankop­ferstellung besteht darin, daß die Opfer in der Gesinnung dargebracht werden müs­sen, in der Jesus sein Opfer dargebracht hat. Diese priesterliche Trankopferstellung hatte der Engel der Gemeinde zu Ephesus, den wir als den Apostel Johannes erkannt haben, sowie die übrigen Apostel, die ihm in der Ordnung dieser Trankopferstellung im Sterben vorangegangen sind. Sein Verlassen der ersten Liebe änderte an dieser Trankopferstellung nichts.

Daß die Opferordnung in der Stiftshütte auf die erkannte Weise von Gott verordnet wurde, ist aber im Brief an die Hebräer dahin erklärt, daß, solange diese Ordnung des Gottesdienstes auf dem Boden der vorderen Hütte noch erfolgt und erfolgen muß, dies der Beweis dafür ist, daß der Weg ins Allerheiligste noch nicht geoffenbart ist, solange die vordere Hütte noch besteht (Hebr.9,8-10). Der Apostel deutet diese Ord­nung auf die gegenwärtige Zeit. Das heißt mit anderen Worten: Die Priester sind in ihrem gottesdienstlichen Opferdienst auf dem Boden der vorderen Hütte das Abbild von den Trankopfern in der Gemeinde Gottes. Folglich sind sie darin auch das Abbild für die Glaubensstellung der Kinder Gottes, die ihren Leib freiwillig ihrem Gott für die Gemeinde auf den Opferaltar legen. Weil aber die Priester ihren Gottesdienst durch ihre Opfer nur auf dem Boden der vorderen Hütte üben, erfolgt auch die Leidenstreue bis zum Tod ebenfalls nur auf dem Boden der vorderen Hütte.

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Von diesem Priesterdienst unterscheidet sich wieder der Dienst der Leviten. Sie waren auch vom Herrn zum Dienst an der Stiftshütte bestimmt. Doch konnten und durften sie ihren Dienst nur unter der Aufsicht des Hohenpriesters und der Priester ausrichten (4.Mos.3,5-9. 25-26. 28. 31-32. 36-37; 4,1-49). Von ihrem Dienst ist nicht gesagt, daß sie Opfer darbringen müssen wie der Hohepriester und die Priester. Demnach konnten sie die Versühnung des Volkes nicht direkt bewirken. Ihr Dienst bestand hauptsächlich darin, daß sie die Stiftshütte mit allen ihren Einrichtungen tragen mußten, wenn das Volk in der Wüste von einem Ort zum anderen wanderte. Weil sie aber von Gott zum Dienst an der Stiftshütte bestimmt waren, bedeutet das, daß sie ihr ganzes Leben diesem Dienst weihen mußten.

Diesem Levitendienst entspricht die Stellung des Engels der Gemeinde zu Smyrna und die Stellung der Märtyrer, die dem Herrn dadurch dienen, daß sie die Träger des Evangeliums sind und dasselbe bekennen, auch wenn sie deshalb leiden müssen und getötet werden. Weil der Dienst dieser Märtyrer auch nicht auf dem Boden des Aller­heiligsten erfolgt, wird er von ihnen auf dem Boden der vorderen Hütte geübt.

Nach der eben gegebenen Erklärung über die Stiftshüttenordnung ist die Stellung der Märtyrer in ihrer Treue bis zum Tode der Ausdruck davon, daß diese Stellung nur für die vordere Hütte Bedeutung hat. Solange die priesterlichen Tankopfer und die Märtyrer durch ihre Glaubenstreue bis zum Tod in der Gemeinde vorhanden sind, ist das der Beweis dafür, daß sie und mit ihr die ganze Gemeinde des Herrn noch nicht die Ordnung des Allerheiligsten darstellen. Sie haben die volle Gemeinschaft mit der Hohenpriesterordnung noch nicht, wie Jesus diese Ordnung in seinem einmaligen hohenpriesterlichen Sühnopfer und seit seiner Auferstehung von den Toten und seiner Himmelfahrt in seinem unsterblichen Herrlichkeitsleib als Hoherpriester in der Voll­kommenheit darstellt.  

Solange die Märtyrertreue bis zum Tode geübt werden muß und im gewalt­samen Tod Ausdruck findet, ist das der Beweis dafür, daß die Bereitschaft für die Wiederkunft des Herrn noch nicht erlangt ist.

In diesem Lichte gesehen, besteht ein große Unterschied zwischen dem Gottes­dienst des Hohenpriesters auf dem Boden des Allerheiligsten und dem Gottesdienst der Priester und Leviten auf dem Boden der vorderen Hütte in der Trankopferstellung und in ihrer Glaubenstreue bis zum Tode. Den Märtyrern fehlt die Erkenntnis bzw. der Glaube an die volle Bedeutung des Opfers Jesu und seines hohenpriesterlichen Dien­stes, den er zur Rechten Gottes in der Weise übt, daß er die Kinder Gottes in seiner Person in seinem unsterblichen Herrlichkeitsleib vor Gott darstellt und vertritt. Folglich fehlt ihnen der Glaube daran,

1)     daß Jesus sie durch seine Menschwerdung in seinem Leibe darstellt,

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2)     daß sie durch sein Sterben am Kreuz in ihm mitgestorben sind,

3)     daß sie in ihm mitbegraben sind,

4)     daß sie samt ihm lebendiggemacht und in ihm mitauferweckt sind von den Toten zur     Unsterblichkeit,

5)     daß sie in ihm mitversetzt sind ins Himmlische und ihr Leben verborgen ist in Christo mit Gott,

6)     daß sie, wenn Christus, ihr Leben, offenbar wird, mit ihm offenbar wer­den in Herrlichkeit.

Auf Grund dieser fehlenden Erkenntnis können sie die Glaubensvollendung, daß der letzte Feind, der Tod, besiegt ist, auf dem Boden der ersten Liebe in der Bereit­schaftsstellung bei der Wiederkunft des Herrn nicht mehr erlangen. Folglich können sie auch nicht mehr mit dem kommenden Bräutigam durch die Umwandlung ihres Lei­bes zur Hochzeit eingehen (Matth.25,10). Das bedeutet aber im tieferen Sinn, daß sich an ihnen die göttliche Verheißung im Evangelium als Sieg des Lebens über den Tod nicht in der ganzen Bedeutung erfüllen kann. Weil die Märtyrer an den vollen Sieg der in Christo vollbrachten Erlösung noch nicht glauben können, aber auch das ewige Leben von Jesu erwarten, müssen sie im Glauben an ihn und seine Auferstehungs­kraft treu sein bis zum Tode, damit er sie dann um dieser Treue willen von den Toten auferwecken kann. Sie müssen deshalb, weil sie noch nicht glauben können, daß Christus als der Eine für alle gestorben ist und sie in ihm mitgestorben sind (Röm.5,6.8; 6,5-8; 2.Kor.5,14-15; 1.Thess.5,10), selbst noch sterben, damit sie durch ihren Tod vollen­det werden. Weil sie auch noch nicht glauben können, daß Jesus Christus als der Eine für alle auferweckt ist und sie in ihm lebendiggemacht und aus den Toten aufer­weckt sind (2.Kor.5,15; Eph.2,5-6), müssen sie von Jesu, nach der erfolgten Verwesung, aus den Toten auferweckt werden.

Diese Ordnung der vorderen Hütte gilt nun auch für den Engel der Gemeinde zu Smyrna. Darauf weist der Menschensohn hin, wenn er ihn auffordert:

„Fürchte nichts, was du leiden wirst! … Sei getreu bis zum Tod!“

Wenn deshalb der Engel auch nicht mehr auf dem Boden der ersten Liebe stehen und seinen Gottesdienst auf dem Boden des Allerheiligsten üben konnte, weil die erste Liebe schon in der ersten Gemeinde verlassen wurde, konnte er seinem Herrn und Retter doch noch auf dem Boden der vorderen Hütte dienen, indem er für ihn in der Treue bis zum Tod sein Leben einsetzte. Das können ihm gleich alle treuen Kin­der Gottes zu allen Zeiten tun. Diese Treue bis zum Tod ist auch schon zu den ver­schiedensten Zeiten der Gemeindeentwicklung mehr oder weniger geübt worden. Diese Kinder Gottes sind als Märtyrer auf diesem Weg durch ihre Treue bis zum Tod in ihrem Geiste vollendet worden. Aber ins Allerheiligste konnten sie dadurch doch noch nicht eingehen. Auch die Wiederkunft des Herrn konnte durch diesen Gottes­dienst auf dem

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Boden der vorderen Hütte noch nicht erfolgen. Denn es bleibt als eine unumstößliche Ordnung bestehen, daß, solange die vordere Hütte besteht, d.h. der Gottesdienst auf dem Boden der Märtyrer durch die Treue bis zum Tod geübt wird, der Weg ins Aller­heiligste des Hohenpriesterdienstes Jesu noch nicht geoffenbart ist (Hebr.9,6-10).

Indem wir die Glaubensstellung des zweiten Gemeindeengels als seine Treue bis zum Tod in diesem Lichte beleuchten und beurteilen müssen, soll dadurch diese Märtyrerstellung nicht als etwas Geringes hingestellt werden. Im Gegenteil, wir müs­sen die Treue bis zum Tod als etwas Großes einschätzen, das die Kinder Gottes in ihrem Gottesdienst aufbringen. Aber wir dürfen die Märtyrerstellung auch nicht als etwas Höheres einschätzen, als sie in Gottes Heilsratschluß ihren Platz hat. Es muß nach dem Heilsratschluß Gottes in der Gegenüberstellung mit dem ersten Send­schreiben so gesehen und anerkannt werden, daß

  1)   die Märtyrerstellung in der Treue bis in den Tod nicht die Stellung in der ersten Liebe ist.

  2)   Sie ist nicht der Gottesdienst auf dem Boden des Allerheiligsten.

  3)   Sie ist nicht der Ausdruck des Glaubens an die Wahrheit der ganzen Erlösung für Geist, Seele und Leib, wie diese Rettung in Christo Jesu für alle Kinder Gottes vollbracht ist.

  4)   Sie ist nicht der Glaube an den Sieg des Lebens über den Tod, wie er in dem Hohenpriesterdienst Jesu durch seinen unsterblich gewordenen Herrlichkeitsleib zur Rechten Gottes für alle Kinder Gottes als die Voll­endung dargestellt wird.

  5)   Sie ist nicht die Bereitschaftsstellung für die Wiederkunft des Herrn zur Leibesverwandlung.

  6)   Sie ist nicht die vollendete Glaubensstellung, um gleich Jesu ins Aller­heiligste eingehen zu dürfen.

  7)   Sie ist nicht die vollendete Glaubensstellung als der Ausdruck des Glaubens, der der Sieg ist, der die Welt überwunden hat.

  8)   Sie ist nicht der vollendete Glaube, durch den die göttliche Verheißung im Evangelium völlig in Erfüllung geht.

  9)   Sie ist auch nicht die Glaubensstellung, durch die sich das Geheimnis vom Kommen des Herrn als das Geheimnis der sieben Sterne und der sieben Leuchter erfüllt.

10)   Sie ist auch nicht der Glaube in der Trankopferstellung über dem Opfer und dem Gottesdienst der Gemeinde.

Sie ist der Glaube auf dem Boden der vorderen Hütte der persönlichen Treue bis in den Tod, um dadurch im Geiste vollendet zu werden.  

Unbiblische Darstellung der Treue bis zum Tode.

Die vorstehenden Ausführungen über die vom Herrn geforderte Treue bis zum Tode beweisen, in welchem Lichte die Kinder Gottes diese Ordnung

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sehen und deuten müssen.

Es gibt kaum eine Wahrheit, die in der Gemeinde des Herrn so oft genannt und auf die so viel hingewiesen wird wie auf die Worte:

„Sei getreu bis zum Tode, so will ich dir die Krone des Lebens geben!“

Auch gibt es kaum ein christliches Haus, in dem man diese Worte nicht auf einem Wandspruch lesen kann. Besonders aber werden diese Worte viel gelehrt und haupt­sächlich den Kranken als Mahnworte in ihren Leiden nahegelegt. Wenn der in diesen Worten bezeugten Ordnung in der Gemeinde des Herrn solche Bedeutung beigemes­sen wird, muß das seinen Grund haben. Dieser Grund muß darin erkannt werden, daß man in dieser Stellung, wenn ein Kind Gottes in seinem Glauben an Gott in seiner Christusnachfolge treu ist bis zum Tode, die beste, treueste und darum die vollkom­menste Stellung im Glaubensleben erkennt und das auch so lehrt. In dieser Ansicht wird man bestärkt durch die Verheißung, daß der Herr denen, die treu sind bis zum Tode, die Krone des Lebens gibt. Wie die Stellung der Treue bis zum Tode, so stellt man dann auch die Verheißung der Krone des Lebens als das größte, vollkommenste und darum alleingültige Ziel aller Gläubigen dar. Was diese Verheißung der Krone des Lebens in Wahrheit bedeutet, und wie falsch die Erkenntnis und Darstellung dieser Wahrheit durch solche Verkündung des Wortes Gottes ist, soll uns nachher noch erklärt werden. Zunächst wollen wir die falsche Darstellung und Anwendung der Worte:

„Sei getreu bis zum Tode!“,

im Lichte des Wortes Gottes beleuchten.

Es wird in der christlichen Gemeinde schon seit Jahrhunderten und bis zur Gegenwart fast allgemein genau so dargestellt, daß ein an Gott und Jesum Christum gläubiges Menschenkind keine bessere und vollkommenere Glaubensstellung aufzu­weisen brauche und auch nicht haben könne als die, daß es treu ist bis zum Tod, indem es Gott und Jesum bis zum Tode, nämlich bis zum leiblichen Sterben, nicht verleugnet. In dieser Stellung sieht man den Höhepunkt der Treue in der Christus­nachfolge. Dabei muß noch gesagt werden, daß es selten so gesehen und dargestellt wird, daß die Treue bis zum Tode die Märtyrerstellung ist, in der die Kinder Gottes unter allen Umständen und Verhältnissen, in allen Leiden und Trübsalen, besonders in den Verfolgungsleiden und Trübsalen, gemäß ihrer erlangten Erkenntnis von Gott und Jesu Christo ihre Vollendung im Geiste erstreben. Es führte mit der Zeit sogar dahin, daß man dieses Wort so entkräftet und seiner biblischen Bedeutung beraubt hat, daß man jedem Christen bei seinem Sterben das Zeugnis seiner Glaubenstreue bis zum Tode ausstellt, auch wenn er sich in seinem Leben nur ganz wenig um das Wort Gottes und den Willen Gottes gekümmert hat und überhaupt kein Kind Gottes war, sondern nur ein Namenchrist, der vielleicht unter das Urteil kommt:

„Du hast den Namen, daß du lebst, und bist tot.“ (Offb.3,1)

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Der schriftgemäße Sinn der Treue bis zum Tode in der Stellung des Engels der Gemeinde zu Smyrna.

Würde man darauf achten, wem der Herr diese Ermahnung gibt und für wen des­halb eine solche Möglichkeit besteht, treu zu sein bis zum Tode, könnte man keine solch unbiblische Auffassung von dieser Wahrheit und Ordnung haben. Diese Forde­rung richtet der Menschensohn an den Engel der Gemeinde zu Smyrna. In diesem Gemeindevorsteher haben wir aber einen Schüler der Apostel Jesu Christi erkannt, der mit dem Wort Gottes und dem darin bezeugten Willen Gottes gut vertraut war. Er war nicht ein solches Kind Gottes, das die ersten Tritte in seiner Christusnachfolge tat, sondern ein solcher Knecht des Herrn, der um seines Glaubens willen bereits viel Trübsale zu erdulden hatte. Darüber hinaus waren der Gemeinde, deren Vorsteher er war, weitere zehn Trübsalstage in Aussicht gestellt, in denen auch etliche aus der Gemeinde noch in das Gefängnis geworfen werden sollten. Als Diener seiner Gemeinde mußte er schon ein im Dienst am Evangelium herangereiftes Kind Gottes gewesen sein. An der Spitze der Gemeinde stehend, wurde er allen übrigen Gemein­degliedern voraus der Angriffsboden für die Mächte der Finsternis, die sich gegen ihn stellten und ihm in allerlei Verfolgungen viele Trübsale bereiteten. Ihn forderte der Herr auf, treu zu sein bis zum Tode, damit er ihm die Krone des Lebens geben kann. Daraus ergibt sich, daß ein Kind Gottes schon eine recht treue und in der Christus­nachfolge geübte Stellung haben muß, wenn es treu sein will und soll bis zum Tode, und wenn es als Märtyrer auf dem Boden der vorderen Hütte seine Vollendung erlan­gen will. Würden die Kinder Gottes das gründlich beachten, dann könnten sie über die Treue bis zum Tode nicht so leichthin und unbiblisch urteilen.

Um diese Ordnung weiter recht verstehen und sich darüber das biblische Urteil bilden zu können, muß es einem Kinde Gottes, das treu sein will, klar sein, daß die Stellung in der Treue bis zum Tode nichts weniger ist als die Märtyrerstellung. Das zeigt schon der Zusammenhang dieses zweiten Sendschreibens, indem diese Stel­lung gefordert wird, recht klar. Doch wollen wir um der großen Bedeutung dieser Wahrheit willen noch auf einige andere Worte Gottes hinweisen. Zur Zeit, wenn im dritten Hauptteil der Offenbarung das fünfte Siegel des siebenmal versiegelten Gerichtsbuches geöffnet wird, ist von den Seelen unter dem Altar die Rede. Das sind die Kinder Gottes, die erwürgt worden sind um des Wortes Gottes und um des Zeug­nisses willen, das sie hatten (Offb.6,9).

„Sie riefen mit lauter Stimme und sprachen: ‚Wie lange, o Herr, du Heiliger und du Wahrhaftiger, richtest und rächest du nicht unser Blut an denen, die auf Erden wohnen?’ Und es wurde ihnen gegeben einem jeden ein weißes Kleid, und es ward ihnen gesagt, daß sie noch eine kleine Zeit ruhen sollten, bis auch ihre Mit­knechte und ihre Brüder vollendet wären, die auch sollten getötet werden, gleich­wie sie.“ (Offb.6,10-11)

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In diesem Zeugnis ist von den Märtyrern die Rede, die während der ganzen Gemeindezeit durch ihre Stellung zum Worte Gottes und um ihres Zeugnisses willen ihre Vollendung erlangt haben. Sie wurden um ihrer Stellung willen, die sie zum Wort Gottes haben, getötet. Um ihrer Gesinnung willen wurden sie auf diesem Weg durch ihre Treue bis zum Tod in ihrer Stellung im Geiste vollendet. Deshalb bekommen sie zur bestimmten Zeit ein weißes Kleid. Diese Stellung, wie sie in diesem Zeugnis von den Märtyrern berichtet ist, entspricht der Stellung des Engels der Gemeinde zu Smyrna, indem er in seinen Verfolgungsleiden treu sein soll bis zum Tode. Diese bei­den Zeugnisse ergänzen sich dahin, daß in Offb.6 erklärt ist, daß die Märtyrer nicht durch ihren Glauben an die ganze Erlösung vollendet werden, sondern durch ihre Treue bis zum Tod, indem sie sich um des Wortes Gottes und um des Zeugnisses willen, das sie haben, töten lassen. Zu ihrer Vollendung ist noch ihr gewaltsamer Tod nötig. Sie müssen also praktisch genau so den Tod ihres Leibes erleiden, wie ihn Jesus für sie erlitten hat. Durch ihren Glauben allein können sie nicht vollendet und gerettet werden, sondern vielmehr durch das Sterben ihres Leibes, indem sie als Märtyrer getötet werden.

Darin muß der große Unterschied erkannt werden, der zwischen der Stellung des Engels der Gemeinde zu Ephesus und derjenigen des Engels der Gemeinde zu Smyrna besteht. Der Ephesusengel stand zuerst auf dem Boden der ersten Liebe. Wäre er in dieser Stellung geblieben, dann wäre er dadurch vollendet worden in der Bereitschaftsstellung für die Wiederkunft des Herrn. Durch das Kommen des Herrn wäre dann sein Leib verwandelt worden. Er hätte auf diese Weise den Sieg des Lebens über den Tod erfahren, und die göttliche Verheißung im Evangelium wäre an ihm völlig erfüllt worden. Weil aber die erste Liebe in der Stellung des ersten Engels verlorenging, deshalb konnte der zweite Gemeindeengel auch nicht mehr auf dem Boden dieser ersten Liebe stehen und infolgedessen auch seine Vollendung nach die­ser Ordnung nicht mehr erlangen. Er hätte zwar noch auf dem Boden des Lebensein­satzes als Trankopfer für die Gemeinde stehen können, wenn er aber durch seine Treue bis zum Tod die Vollendung erlangen mußte, konnte er auch den Priesterdienst in der Lebensaufopferung als Trankopfer für die Gemeinde in der vorderen Hütte nicht mehr ausrichten, sondern nur noch den Dienst der Leviten. In der Märtyrerstellung der Treue bis zum Tode gibt es daher keine Vollendung als Ausdruck der Bereitschafts­stellung für die Wiederkunft des Herrn zur Leibesverwandlung. Das ist in Offenbarung 6 klar bestätigt, indem da ausgeführt ist, daß die Märtyrer von der Zeit an, wenn das fünfte Siegel geöffnet wird, noch eine Zeitlang warten müssen, und zwar solange, bis auch ihre Mitknechte und Brüder durch den Märtyrertod hindurch ihre Vollendung erlangt haben. Diese Mitknechte und Brüder sind die Märtyrer aus der Zeit des Endes, die im allgemeinen dann beginnt, wenn das sechste Siegel geöffnet wird und die Gerichte des sechsten Siegels sich auswirken. Von diesen beiden Arten Märtyrern ist noch die Rede in Offenbarung 20. Der Apostel Johannes

„sah Throne, und sie setzten sich darauf, und das Gericht wurde ihnen gegeben; und ich sah die Seelen derer, die enthauptet worden

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waren um des Zeugnisses Jesu und um des Wortes Gottes willen, und die das Tier nicht angebetet hatten, noch sein Bild und das Malzeichen nicht auf ihre Stirn noch auf ihre Hand genommen hatten.“ (Offb.20,4)

In diesem Abschnitt sind die Märtyrer in Verbindung mit der ersten Auferstehung genannt. Sie werden zur bestimmten Zeit alle zusammen lebendig und haben dadurch an der ersten Auferstehung Anteil. Alle übrigen Toten  - ausgenommen die Toten, die ihren Dienst als Trankopfer ausgeübt haben und die vor der ersten Auferstehung zur Ausauferstehung als dem Sieg über die Verwesung gelangt sind -  gehören nicht zu den Märtyrern, ganz gleich, welche Stellung sie sonst in diesem Leben zum Worte Gottes und zu Jesu Christo eingenommen haben (Offb.20,4-6). Nur die Märtyrerstellung und Gesinnung, die in der Treue bis zum Tod besteht, ist die Bedingung, um an der ersten Auferstehung Anteil haben zu können.

Diese Schriftordnung ist allerdings ein anderes Zeugnis über dis Stellung der Kin­der Gottes in der Treue bis zum Tod, als es gewöhnlich so leichthin dargestellt wird. Nur in diesem Lichte kann die Stellung des Engels der zweiten Gemeinde recht beur­teilt werden, wenn er treu sein soll bis zum Tode.  

Die Folgen der unbiblischen Deutung der Treue bis zum Tode.

Im Lichte dieser klaren Schriftordnung, wie sie uns in den vorstehenden Ausfüh­rungen entgegenleuchtet, kann nun auch leicht erkannt werden, welche Folgen es hat, wenn die Ordnung der Treue bis zum Tode falsch aufgefaßt und gelehrt wird. Wenn die Stellung der Treue bis zum Tode so dargestellt wird, daß es die höchste Stellung ist, die ein Kind Gottes in seinem Glaubensleben und in seiner Christusnachfolge erstreben und erlangen kann und muß, so hat das zur Folge, daß sich die Kinder Gottes mit dem Erlangen dieser Stellung zufrieden geben. Unter solchem Lehreinfluß denken sie dann gar nicht mehr daran, sich so einzustellen und ihren Glauben an die in Christo vollbrachte Erlösung so zu betätigen, daß sie als die klugen Jungfrauen bereit sind, wenn der Herr kommt zur Rettung derer, die auf ihn warten. Denn sie leben ja in der Überzeugung, daß sie durch ihre Treue bis zum Tode diese Stellung schon besitzen. Das Erstreben und Erlangen dieser Bereitschaftsstellung hat dann für solche Kinder Gottes keine weitere Bedeutung mehr. Das müßte aber urbedingt zur Folge haben, daß überhaupt keine Kinder Gottes bereit sind, wenn der Herr wieder­kommt. Wie stellt man sich aber bei solcher Wortverkündigung, daß die Treue bis zum Tode die höchste Stellung der Kinder Gottes sei, zu den Schriftworten, die in klarer Weise von der Bereitschaftsstellung beim Kommen des Herrn reden, wie es Jesus und die Apostel gelehrt haben?! (Matth.24,13. 40-44; 25,10; Röm.8,17; 1.Kor.15,51-55; 2.Kor.5,2-4; Phil.3,20-21; Kol.3,4; 1.Thess.1,10; 3,13; 4,15.17; 5,23-24; 2.Thess.1,7.10; 2,10; Hebr.9,28; 10,36-39; 1.Petr.1,4-9; 4,13-14; 5,2-4.10; 1.Joh.2,28; Jak.5,7-8). Sie können diese Zeugnisse nur so erklären, daß sie in der

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Treue bis zum Tod auch die Bereitschaftsstellung sehen. Vielleicht wird von den Gläubigen meistens nicht einmal die Treue bis zum Tode als Bedingung gefordert, um beim Kommen des Retters bereit sein zu können. Denn es wird gewöhnlich so darge­stellt, daß die Bereitschaftsstellung bei der Wiederkunft Jesu Christi gar keine beson­ders geförderte Glaubensstellung erfordere. Man geht darin so weit, daß man einfach erklärt, daß die Kinder Gottes, die zu der Zeit gerade leben, wenn der Herr wieder­kommt, und die dann an ihn glauben, diejenigen sind, die auch bereit sind. Aufgrund dieser Ansicht spricht man auch solchen Kindern Gottes die Bereitschaftsstellung zu, die als Folge ihres Todes auch die Verwesung erfahren mußten. Es muß also so gesehen werden, daß, wenn es für die Kinder Gottes keine höhere und größere Stel­lung in ihrem Glaubensleben gibt, als treu zu sein bis zum Tode, dann der Herr über­haupt nicht wiederkommen kann. Denn die Treue bis zum Tode ist noch nicht die voll­endete Glaubensstellung für die Wiederkunft des Herrn. Es ist nur der Gottesdienst, den die Leviten auf dem Boden der vorderen Hütte unter der Leitung der Priester aus­üben können. Um darin nicht zu irren, müssen wir auch an diesem Platz wieder daran erinnern und darauf verweisen, daß, solange der Gottesdienst nur auf dem Boden der vorderen Hütte geübt wird, die Stellung des Gottesdienstes für das Allerheiligste noch nicht erlangt ist (Hebr.9,6-10).

Wollen darum Kinder Gottes Mitarbeiter ihres Gottes sein und für das Zustande­kommen seines Reiches Sorge tragen, indem die göttliche Verheißung im Evangelium durch ihre Leibesverwandlung bei der Wiederkunft des Herrn in Erfüllung geht, dürfen sie solch falschen Lehreinflüssen nicht gehorchen. Sie dürfen dann nicht nur die Treue bis zum Tode anstreben, sondern sie müssen den Glaubenssieg über den Tod erlangen wollen, nämlich die Bereitschaft bei der Wiederkunft des Herrn! (Matth.25,10; 1.Kor.15,51-57; 1.Thess.4,15. 17).

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