Weg zur Wahrheit

Röm. 4,7 «Selig sind die, welchen die Übertretungen vergeben und deren Sünden zugedeckt sind;  8 selig ist der Mann, welchem der Herr die Sünde nicht zurechnet!»

Joh. E. Keller

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Buch  

Das Sendschreiben an die Gemeinde zu Thyatira 

 Seite 3

Das Geheimnis vom Kommen des Herrn in der Gemeinde zu Thyatira 

1. Die Offenbarung des Herrn für den Engel der Gemeinde zu Thyatira 

a)   Die Ausgestaltung des Geheimnisses vom Kommen des Herrn findet in der Stellung des Engels der Gemeinde zu Thyatira ihre Fortsetzung

Mit den Erklärungen, die wir über die ersten drei Sendschreiben gegeben haben, ist das Zeugnis über das „Geheimnis der sieben Sterne und der sieben Leuchter“ als das „Geheimnis vom Kommen des Herrn“ noch nicht beendet; denn der Bericht des Menschensohnes lautet weiter:

„Dem Engel der Gemeinde zu Thyatira schreibe.“ (Offb.2,18)

Damit ist als erstes bewiesen, daß das Geheimnis vom Kommen des Herrn in der Stellung der drei vorausgegangenen Gemeindevorsteher nicht in Erfüllung gegangen ist. Die Gründe hierfür sind uns klargeworden. Mit diesem fortsetzenden Bericht ist nun also auch erklärt, daß das eben erwähnte Geheimnis vom Kommen des Herrn in der Stellung des Vorstehers der Gemeinde zu Thyatira seine weitere Ausgestaltung findet. Nach welcher Ordnung diese weitere Ausgestaltung erfolgt, zeigt dann die Betrachtung des ganzen Sendschreibens.

Der Name der vierten Gemeinde „Thyatira“ heißt zu deutsch „Opferhaus“. Wie bei den ersten drei Gemeinden muß es als eine Offenbarung des göttlichen Willens angesehen werden, daß sich der Menschensohn bei der vierten Gemeinde dieses Namens bedient. Auch in diesem Namen kommt zum Ausdruck, welche Bedeutung die Gemeinde zu Thyatira für das Geheimnis vom Kommen des Herrn hat. Die Bezeichnung „Opferhaus“ ist die Offenbarung für den geistigen Boden, auf dem das Geheimnis vom Kommen des Herrn sich in der Stellung des vierten Gemeindevorstehers und in der Stellung der vierten Gemeinde ausgestaltet. Diesen Opferhausboden werden wir in der Betrachtung dieses Sendschreibens ausführlich kennenlernen.

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b) Der Herr offenbart sich dem Engel der Gemeinde zu Thyatira
als Menschensohn auf dem Boden des Vorhofs 
 

I. Die Offenbarung des Menschensohnes für den Engel der Gemeinde zu Thyatira ist eine Teiloffenbarung des Geheimnisses vom Kommen des Herrn

Das erste, was Johannes im Auftrag des Menschensohnes dem Engel der Gemeinde zu Thyatira schreiben muß, ist die Botschaft:

„Das sagt der Sohn Gottes, der Augen hat wie eine Feuerflamme, und dessen Füße gleich dem glühenden Erze sind.“ (Offb.2,18)

In dieser Mitteilung ist für den vierten Gemeindevorsteher die erste Offenbarung des Einen, gleich einem Menschensohne, enthalten. Diese Art der Offenbarung des Menschensohnes ist schon vom Apostel Johannes in der Erscheinung des Einen, gleich einem Menschensohne, geschaut worden. Wie wir aus den Betrachtungen der ersten drei Sendschreiben erkannt haben, offenbart sich der Menschensohn jedem Gemeindevorsteher auf eine andere Art und Weise; auch wandelt er unter jeder Gemeinde anders. Das trifft auch beim vierten Gemeindeengel zu. Ihm gegenüber offenbart sich der Menschensohn auf eine Art, wie er das bei den ersten drei Gemeindeengeln nicht getan hat,

1) als der Sohn Gottes,

2) als der, der Augen hat wie eine Feuerflamme,

3) als der, der Füße hat, gleich dem glühenden Erze.

Diese Offenbarungsart kann nur recht verstanden werden in Verbindung damit, wie dem Johannes die Erscheinung des Menschensohnes im Geheimnis gezeigt wurde:

„Seine Augen (waren) wie eine Feuerflamme; und seine Füße wie Erz, wenn es im Ofen glüht.“ (Offb.1,14-15)

Die Gegenüberstellung dieser beiden Offenbarungsarten beweist, daß die Offenbarung des Menschensohnes für den vierten Gemeindeengel wieder eine Teiloffenbarung des Geheimnisses vom Kommen des Herrn darstellt, wie das auch bei den ersten drei Gemeindevorstehern der Fall ist.  

II. Die Bedeutung der Offenbarung des Menschensohnes als Sohn Gottes

Es muß uns klar werden, was diese Art der Offenbarung des Menschensohnes in ihrem Wesen bedeutet. Als erstes achten wir darauf, was es für eine Bewandtnis damit hat, daß sich der Herr diesem Engel als der Sohn Gottes offenbart. Es ist in den Sendschreiben das erste und einzige Mal, daß sich der Menschensohn Sohn Gottes nennt. Damit

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ist als erstes erklärt, daß der Eine, gleich einem Menschensohne, den der Apostel Johannes in seiner Erscheinung geschaut hat, der Sohn Gottes ist. Ihm ist alle Gewalt gegeben im Himmel und auf Erden und darum auch die königlich-richterliche Gewalt über die untreuen christlichen Gemeindeordnungen, die in den sieben Gemeinden bis zur Zeit der Wiederkunft des Herrn vorhanden sind. Auf Grund des großen Abfalls, der sich von der ersten bis zur vierten Gemeinde durchgewirkt hat und der in dieser vierten Gemeinde seinen Höhepunkt erreicht, muß der Herr dieser Gemeinde wieder in Erinnerung bringen, daß er trotz ihres Abfalls von ihm für sie noch immer der Sohn Gottes ist, der zur Rechten Gottes erhöht wartet, bis alle seine Feinde zum Schemel seiner Füße gelegt sind (1.Kor.15,25; Hebr.1,13). Die Untreue und der Abfall der Gemeinden ändern an der Stellung des erhöhten Sohnes Gottes zu seiner Gemeinde nichts; er kann von seinem Thron nicht verdrängt werden. Denn es steht geschrieben:

„Von den Engeln zwar heißt es: ,Er macht seine Engel zu Winden und seine Diener zur Feuerflamme’; von dem Sohne aber: ,Dein Thron, o Gott, besteht von Ewigkeit zu Ewigkeit; und ein Szepter der Geradheit ist das Szepter deines Reiches.’“ (Hebr.1,7-8)

Es ist vielmehr so, daß der Herr zuerst den ganzen Abfall in der Gemeinde sich auswirken läßt, und dann offenbart er sich in der ganzen Bedeutung seiner königlich-richterlichen Stellung als der Sohn Gottes, zu dem ihn sein Vater erhöht hat. Nicht die Engel und nicht die Götzen haben diese Stellung und diese Macht, die der Sohn Gottes hat. Daß der Herr sich dem vierten Engel nur aus dem Grunde als Sohn Gottes offenbarte, um ihm die Bedeutung seiner Machtstellung kundzutun, ist dadurch erklärt, daß er den Engel darauf hinweist, daß er als Sohn Gottes Augen hat wie eine Feuerflamme und Füße gleich dem glühenden Erze.

In dieser Offenbarungsart zeigt der Sohn Gottes dem Engel der Gemeinde zu Thyatira das Verhältnis, in dem er als Menschensohn zu ihm stehen muß. Er kann sich ihm nicht in seiner Bedeutung als Hoherpriester offenbaren, der den Sieg des Lebens über den Tod darstellt. Das bedeutet, daß er sich ihm nicht auf dem Boden des Allerheiligsten offenbaren kann. Diesem Gemeindevorsteher kann sich der Herr auch nicht als der offenbaren, der tot war und wieder lebendig geworden ist und der auch die Gläubigen aus den Toten auferweckt, von denen die einen in ihrer Stellung zu Jesus Trankopfer geworden sind (Phil.2,17; Offb.1,17-18) und andere wieder treu waren bis zum Tode (Offb.2,10). Das bedeutet, daß Jesus sich diesem Engel auch nicht auf dem Boden der vorderen Hütte offenbaren kann, wie er das dem Engel der zweiten Gemeinde gegenüber getan hat. Die Offenbarung des Herrn als Sohn Gottes mit den Feuerflammenaugen und den wie Erz glühenden Füßen ist vielmehr seine Offenbarung als königlicher Richter auf dem Boden des Vorhofs. Die Offenbarung des Herrn für den vierten Engel entspricht

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also dem, wie er sich in fast ähnlicher Weise dem dritten Gemeindevorsteher geoffenbart hat. Wenn der Menschensohn in einem solchen Verhältnis zum Engel der Gemeinde zu Thyatira steht, so muß die Ursache dafür natürlich in der Stellung gesehen werden, die dieser Engel zum Herrn hat. Demnach muß sich dieser Gemeindevorsteher in seiner Stellung auch auf dem Boden des Vorhofs bewegt haben. Das werden auch die späteren Ausführungen über seine Stellung bestätigen.

In diesem Lichte gesehen, muß diese Art der Offenbarung des Herrn für diesen Engel eine bestimmte und klare Unterweisung über seine Stellung sein, wie er sie als ein Knecht in der Rechten des Herrn hat. Es ist für diesen Gemeindevorsteher auch ein Kennzeichen dafür, daß der Herr sich ihm nicht als das offenbaren kann, was er als Hoherpriester in der Vollkommenheit für ihn zur Rechten Gottes darstellt, sondern er muß ihm als Menschensohn und königlicher Richter auf dem Boden des Vorhofes begegnen. Ein weiterer Grund für diese Offenbarungsart muß darin gesehen werden, daß der Menschensohn dem Engel klarmachen wollte, daß die Wiederkunft des Herrn und somit die Erfüllung der göttlichen Verheißung im Evangelium nicht in der Zeit erfolgen kann, in der er als der Engel der Gemeinde zu Thyatira dieser Gemeinde vorsteht. Das war für diesen Engel eine wichtige Offenbarung.  

III. Die Bedeutung der Offenbarung des Sohnes Gottes mit seinen Feuerflammenaugen

Um die Offenbarung des Menschensohnes als Sohn Gottes und königlichen Richter auf dem Boden des Vorhofs noch besser verstehen zu können, müssen wir uns auch darüber klar werden, was es bedeutet, daß der Sohn Gottes Augen hat wie eine Feuerflamme. Was diese Feuerflammenaugen des Sohnes Gottes darstellen, haben wir schon in der Betrachtung des ersten Hauptteiles der Offenbarung recht ausführlich erklärt *). Gleich dem scharfen, zweischneidigen Schwert, das aus seinem Munde ausgeht, sind auch die Feuerflammenaugen des Sohnes Gottes Gerichtsmittel für seine Offenbarung als königlicher Richter. Das ist in diesem Sendschreiben erklärt mit den Worten des Sohnes Gottes:

„Ihre Kinder (die Kinder des Weibes Jesabel) will ich töten, und alle Gemeinden werden erkennen, daß ich es bin, der (mit seinen Feuerflammenaugen) Nieren und Herzen erforscht.“ (Offb.2,23)

*) Diese Erklärung über die Feuerflammenaugen des Menschensohnes findet sich in „Weg zur Wahrheit“, XXVII. Jahrgang, Heft Nr. 7, 8 und 9, S. 196-201, sowie im ersten Band der Offenbarungsbetrachtungen, S. 245 — 250. Da diese Wahrheit in dem vorliegenden Abschnitt nur noch kurz erklärt wird, ist es nötig, daß der Leser diese Wahrheit in den angegebenen Schriften in diesem Zusammenhang nachliest.

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Das ist auch in Offenbarung 19 bezeugt, indem dort von dem König der Könige, der mit Gerechtigkeit richtet und streitet, gesagt ist, daß seine Augen wie eine Feuerflamme sind (Offb.19,11-16). Damit ist gezeigt, daß der Sohn Gottes seine Feuerflammenaugen gebraucht, um seine königlich-richterliche Macht über alles gottlose Wesen auszuüben. Die Feuerflammenaugen des Sohnes Gottes sind auch sieben Feuerfackeln und die sieben Geister Gottes, die über die Erde ausgesandt sind (Offb.4,5; 5,6). Ein Vergleich dieser Schriftworte mit 2.Thess.1,7-10 und Hebr.1,7 beweist, daß diese sieben Geister Gottes als die sieben Augen des Lammes die dem Herrn dienenden Engel seiner Kraft sind, durch die er bei seinem Kommen zum Gericht an denen Vergeltung übt, die Gott nicht anerkennen und dem Evangelium unseres Herrn Jesu nicht gehorsam sind.

Im Lichte dieser Schriftzeugnisse können wir nun auch die Bedeutung davon erkennen, daß der Sohn Gottes sich dem Vorsteher der Gemeinde zu Thyatira mit seinen Feuerflammenaugen offenbart. Die Feuerflammenaugen an diesem Platz bestätigen die bereits erkannte Tatsache, daß der Sohn Gottes für den vierten Gemeindevorsteher nur als königlicher Richter auf dem Boden des Vorhofes offenbar wird. Die Stellung dieses Gemeindeengels und seiner Gemeinde muß demnach derart sein, daß der Herr durch seine dienenden Engel als richtende Feuerflammen unter ihnen wandeln muß. Dieser Umstand läßt schon auf die Untreue dieses Gemeindevorstehers und auf die Gottlosigkeit in seiner Gemeinde schließen.  

IV. Die Bedeutung der Offenbarung des Sohnes Gottes mit seinen Füßen gleich dem glühenden Erze

Zum vollen Verständnis der Offenbarung des Sohnes Gottes als königlichen Richters auf dem Boden des Vorhofs in der Gemeinde zu Thyatira, ist es noch nötig, zu wissen, was es bedeutet, daß die Füße des Sohnes Gottes gleich dem glühenden Erze sind. Was diese wie Erz glühenden Füße des Sohnes Gottes darstellen, haben wir ebenfalls schon in der Betrachtung des ersten Hauptteiles ausführlich erklärt *). Im ersten Hauptteil sind die wie Erz im Ofen glühenden Füße des Menschensohnes, gleich seinen Feuerflammenaugen, als Gerichtsmittel erklärt, die der Menschensohn anwendet, indem er als königlicher Richter unter den sieben Gemeinden wandelt. In jenen Ausführungen ist gezeigt, daß die vier lebendigen Wesen die wie Erz glühenden Füße des Herrn sind. Diese vier lebendigen

*) Diese Erklärung über die wie Erz glühenden Füße des Menschensohnes findet sich in „Weg zur Wahrheit“, XXVII. Jahrgang, Heft Nr. 7, 8 und 9, S. 201—209, sowie im ersten Band der Offenbarungsbetrachtungen, S. 250—258. Da wir diese Wahrheit in diesem Abschnitt auch nur noch kurz erklären, ist es nötig, daß der Leser die Ausführungen darüber in den angegebenen Schriften in diesem Zusammenhang nachliest.

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Wesen haben im großen Gericht Gottes ebenso große Bedeutung wie die sieben Engel Gottes, die wir als die sieben Feuerfackeln vor dem Gerichtsthrone Gottes stehend erkannt haben. Durch seine glühenden Füße will sich der Herr alle ihm entgegenstehenden Finsternis- und Lügengewalten unterwerfen; er will dieselben sich zum Schemel seiner Füße legen.

Weil sich der Sohn Gottes auch dem Vorsteher der vierten Gemeinde mit seinen wie Erz glühenden Füßen offenbart, ist damit wieder bestätigt, daß der Menschensohn unter dieser Gemeinde nur als königlicher Richter auf dem Boden des Vorhofs wandeln kann. Daraus muß aber geschlossen werden, daß sich die Gemeinde zu Thyatira dem Sohne Gottes in einer so schlimmen Weise widersetzte, daß er unter ihr auf solch schreckliche und gewaltige richterliche Art und Weise wandeln muß. Die Erklärung über die volle Bedeutung dieser Art der Offenbarung des Menschensohnes für den Engel der Gemeinde zu Thyatira folgt in den weiteren Abschnitten dieses Sendschreibens, in denen auch gezeigt wird, daß die Offenbarung des Sohnes Gottes für diesen vierten Gemeindeengel die Fortsetzung seiner Offenbarung für die ersten drei Gemeindevorsteher ist. Desgleichen wird erklärt werden, daß die Stellung des Engels der Gemeinde zu Thyatira die Fortsetzung von der Stellung der ersten drei Gemeindevorsteher in der Abwärtsbewegung ist. Hier soll nur darauf hingewiesen werden, daß aus der nun erkannten Art der Offenbarung des Sohnes Gottes für den Engel der Gemeinde zu Thyatira erkannt werden kann, daß sich dieser Engel samt seiner Gemeinde noch weiter von der Grundlage Jesu und der Apostel entfernt hat. Dadurch haben sie sich aber noch weiter von der Ordnung entfernt, in der einzig nur die göttliche Verheißung als das Geheimnis vom Kommen des Herrn in Erfüllung geht. Darauf muß am Anfang der Betrachtung des vierten Sendschreibens gründlich geachtet werden; denn diese Tatsache charakterisiert sowohl die Stellung dieses vierten Gemeindeengels als auch die Stellung der ihm anvertrauten Gemeinde.  

2. Die Stellung des Engels der Gemeinde in Thyatira zu Jesu und zur Gemeinde 

a) Der Sohn Gottes bezeugt dem Engel der Gemeinde zu Thyatira das Gute in seiner Stellung  

I. Der Sohn Gottes macht die Stellung des Engels der Gemeinde zu Thyatira nach zwei Seiten hin offenbar

In der Weiterbetrachtung des vierten Sendschreibens kommen wir nun zum zweiten Teil der Botschaft, die der Sohn Gottes dem Engel der Gemeinde zu Thyatira mitzuteilen

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hat. Im ersten Teil läßt der Sohn Gottes diesem Gemeindevorsteher berichten, von wem die Botschaft kommt, die an seine Adresse gerichtet ist. Demgegenüber enthält der zweite Teil die Botschaft über die persönliche Stellung, wie sie der Engel einerseits zum Herrn, andererseits auch zu der Gemeinde hat, deren Vorsteher er ist. Die Mitteilung über den zweiten Teil lautet:

„Ich weiß deine Werke und deine Liebe und deinen Dienst und deinen Glauben und deine Geduld, und daß deiner letzten Werke mehr sind als der ersten. Aber ich habe wider dich, daß du das Weib Jesabel gewähren lässest, die sagt, sie sei eine Prophetin, und die meine Knechte lehrt und verführt, Hurerei zu treiben und Götzenopfer zu essen.“ (Offb.2,19-20)

In diesem Zeugnis ist die Stellung des vierten Gemeindevorstehers nach zwei Seiten hin beleuchtet. Zuerst weist der Sohn Gottes auf das Gute in der Stellung des Engels hin. Dann macht er ihn aber auch auf das Mangelnde und Unvollkommene in seiner Stellung aufmerksam. Um ein recht klares Bild über die Stellung dieses Engels zu bekommen, betrachten wir diese beiden Seiten voneinander getrennt. Dabei halten wir uns wieder, wie bei den ersten drei Sendschreiben, an die vom Sohn Gottes gegebene Reihenfolge und wollen als erstes kennenlernen, worin das Gute in der Stellung dieses Engels besteht. 

II. Die Werke des Engels der Gemeinde zu Thyatira

Der erste Bericht des Sohnes Gottes über das Gute in der Stellung des vierten Gemeindevorstehers lautet:

„Ich weiß deine Werke.“ (Offb.2,19)

In diesem Zeugnis kommt die Stellung des Engels zum Herrn und seiner Gemeinde zum Ausdruck. Daß dieser Gemeindevorsteher solche Werke hat, daran hat der Sohn Gottes nichts auszusetzen, sondern das erkennt er an. Dieser Bericht des Menschensohnes über das Gute in der Stellung des vierten Engels macht fast den Eindruck, als hätte der Vorsteher der Gemeinde zu Thyatira die gleiche gute Stellung wie der Engel der Gemeinde zu Ephesus. Doch das trifft nicht zu. Deshalb können auch die Werke dieses vierten Engels nicht dieselbe Bedeutung haben wie die des ersten Gemeindevorstehers. Das ist in erster Linie darin begründet, weil der vierte Engel nicht auf dem Boden der ersten Liebe stand wie der erste Engel. Jeder Gemeindevorsteher kann seine Stellung nur entsprechend der Grundlage haben, auf der er und seine Gemeinde jeweils stehen. Diese Grundlage bildete beim Engel der Gemeinde zu Ephesus die erste Liebe als die Wahrheit der ganzen Erlösung vom Sieg des Lebens über den Tod, wie sie Jesus und die Apostel der Gemeinde verkündigt haben. Folglich war der Boden, auf dem

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dieser erste Engel stand, das Allerheiligste. Von dieser Grundlage aus hat er seine Werke und alles von ihm bezeugte Gute in seiner Stellung geübt. Deshalb muß das Gute in seiner Stellung von diesem Boden aus beurteilt werden. Zur Zeit, als der vierte Gemeindeengel der Vorsteher der Gemeinde zu Thyatira war, war aber das Abweichen von dieser Grundlage Jesu und der Apostel, als von der Grundlage der ersten Liebe, schon so weit erfolgt, daß dieser vierte Gemeindeengel samt seiner ganzen Gemeinde nur noch auf dem Boden des Vorhofs stehen konnte. Aus diesem Grunde muß das vom Sohn Gottes bezeugte Gute in seiner Stellung, also auch seine Werke, von diesem Boden des Vorhofs aus beurteilt werden. Das von seiner Stellung bezeugte Gute stellt nicht mehr das Gold des Allerheiligsten und der vorderen Hütte dar, sondern im besten Falle noch das im Vorhof neben dem Erz vorhandene Silber. Wie wir bis jetzt kennengelernt haben, hat jeder der Gemeindevorsteher in seiner Stellung zum Herrn und zu der Gemeinde, der sie vorstanden, Gutes aufzuweisen. Das ist auch nicht anders denkbar. Wäre der Grundkern dieser Knechte des Herrn nicht gut, hätte er sie nicht zu seinen Knechten und zu Vorstehern der Gemeinde berufen. Wie auch immer der Gemeindezustand war, den die einzelnen Gemeindevorsteher mit ihren Gemeinden darstellten, so muß es doch das ernste Bestreben dieser Diener gewesen sein, ihren Dienst für Jesum und ihre Gemeinde nach ihrem Vermögen aufs treueste auszurichten. Nur aus dieser Einstellung heraus erklärt es sich, daß der Vorsteher der Gemeinde zu Thyatira Werke aufzuweisen hat, die der Sohn Gottes anerkennt, obgleich der Abfall von der Grundlage Jesu und der Apostel in den vorhergehenden Gemeinden schon so weit fortgeschritten war, daß der vierte Gemeindezustand nur noch den Boden des Vorhofs darstellte. Im Abbild der Stiftshütte hat aber der Gottesdienst auf dem Boden des Vorhofs nicht die gleich große Bedeutung wie der Gottesdienst auf dem Boden der vorderen Hütte und im Allerheiligsten, auch wenn dieser Dienst auf dem Vorhofsboden im großen ganzen treu geübt wird. Die Werke des vierten Gemeindeengels können also unmöglich die Bedeutung haben wie die ersten Werke des Engels der Gemeinde zu Ephesus. Im Vorhof durfte sich im Abbild der Stiftshütte nur die Masse des Volkes aufhalten, die keinen Zutritt zu der vorderen Hütte und zum Allerheiligsten hatte. Das beweist, daß der vierte Gemeindeengel seine Werke auch nur für die große Masse der Christenheit verrichtete, die in jener Zeit bereits in der Gemeinde zu Pergamus in der Verbindung dieser Gemeinde mit der weltlichen Macht vorhanden war. Diese Verbindung der Gemeinde mit der Weltobrigkeit wurde in der Gemeinde zu Thyatira fortgesetzt und vertieft. Diese weitere Ausgestaltung werden wir später noch eingehend kennenlernen. An dieser weiteren Gemeindeentwicklung hatte der vierte Engel als Vorsteher dieser Gemeinde Anteil. Dieser Umstand gab ihm reichlich Gelegenheit, auf alle Weise seine Werke für sich persönlich und für die Gemeinde zu üben. Weil die Wahrheit des Evangeliums schon in der vorausgehenden Gemeinde zu Pergamus nur noch als das verborgene Manna bezeichnet ist, fehlten das Licht und die Erkenntnis für dieses Evangelium von der Glaubensrechtfertigung und der Auferstehung der Toten auch in der Gemeinde zu Thyatira fast völlig. Deshalb kann der Engel dieser Gemeinde seine Werke nur noch Gemeindeentwicklung hatte der vierte Engel als Vorsteher dieser Gemeinde Anteil. Dieser Umstand gab ihm reichlich Gelegenheit, auf alle Weise seine Werke für sich persönlich und für die Gemeinde zu üben. Weil die Wahrheit des Evangeliums schon in der vorausgehenden Gemeinde zu Pergamus nur noch als das verborgene Manna bezeichnet ist, fehlten das Licht und die Erkenntnis für dieses Evangelium von der Glaubensrechtfertigung und der Auferstehung der Toten auch in der Gemeinde zu Thyatira fast völlig

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auf dem Boden der gesetzlichen Werkgerechtigkeit geübt haben. Wir würden heute sagen, er übte seine Werke in dem Bestreben, einen recht christlichen Lebenswandel zu führen. Er wollte seinen Gott und Heiland in dem befriedigen und ihm darin dienen, was er nach den Forderungen des Sittengesetzes lebte und übte. Darin mußte er in seiner Gemeinde ein Eiferer gewesen sein und für sie eine vorbildliche Stellung eingenommen haben. Deshalb sind auch seine Werke an erster Stelle genannt. Wenn er auch diese Werke auf dem Boden des Fleisches übte, anerkennt sie der Sohn Gottes doch, und zwar deshalb, weil dieser Engel zu seiner Zeit gar keine andere Möglichkeit mehr hatte, seine Gottesfurcht zu beweisen und in der Masse des Volkes die Ausbreitung und Vertiefung des Christentums zu fördern. Daraus kann der große Unterschied zwischen den Werken des ersten Gemeindevorstehers im Üben der ersten Liebe und den Werken dieses vierten Engels leicht erkannt werden. Die Werke des vierten Gemeindevorstehers stellen in ihrem Wesen die Bemühungen im Fleische dar.  

III. Die Liebe des Engels der Gemeinde zu Thyatira

An zweiter Stelle läßt der Sohn Gottes dem Engel der Gemeinde zu Thyatira über das Gute in seiner Stellung berichten:

„Ich weiß … deine Liebe.“ (Offb.2,19)

Daraus kann erkannt werden, daß dieser Knecht des Herrn sich in seiner Stellung zu Jesu und zur Gemeinde auch in der Liebe ausgezeichnet hat. Übte er aber seine Werke nur auf dem Boden des Vorhofs nach der fleischlichen Ordnung der Werkgerechtigkeit, so konnte er dementsprechend auch seine Liebe nur nach dieser Vorhofsordnung üben. Diese Liebe muß er darin bewiesen haben, daß er im tiefsten Grunde seines Herzens Gott und Jesum liebte, soweit er darüber Licht und Erkenntnis hatte. Weil das Wesen der Liebe aber nur in der Hingabe und Aufopferung für eine Sache besteht, muß dieser Engel sich in dieser Stellung in seiner Gemeinde geübt haben. Durch seine Hingabe für die Sache des Herrn  - wenn es auch nur für die geringsten Anfangsgründe der Wahrheit des Evangeliums von Jesu Christo war -  kam seine Liebe zum Ausdruck. In dieser Liebe muß er sich im Dienst für seine Gemeinde ganz hingegeben haben. Ohne Zweifel mußte dieser Vorsteher von allen denen in seiner Gemeinde, die ihm in seiner Stellung nicht ebenbürtig waren, viele Anfeindungen über sich ergehen lassen. Dadurch hatte er ebenfalls Gelegenheit, sich in der tragenden und vergebenden Liebe zu üben; und das hat er auch getan. Doch besteht zwischen dieser Liebe des vierten Gemeindevorstehers und der ersten Liebe des Engels der Gemeinde zu Ephesus ein großer Unterschied. Das kann aus dieser Darstellung leicht erkannt werden.

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IV. Der Dienst des Engels der Gemeinde zu Thyatira

Weiter weist der Sohn Gottes auf das Gute in der Stellung des Engels der Gemeinde zu Thyatira hin mit den Worten:

„Ich weiß … deinen Dienst.“ (Offb.2,19)

Aufgrund dieses Zeugnisses hat sich dieser Gemeindevorsteher auch in seinem Dienst zum Wohlgefallen des Herrn betätigt. Dieser Dienst entspricht dem Wesen nach wohl der Arbeit des Engels der Gemeinde zu Ephesus. Es ist gewiß nur eine andere Bezeichnung für den Ausdruck Arbeit. Der vierte Gemeindevorsteher war nicht lässig in seiner Arbeit in der Gemeinde; es war ihm vielmehr ein ernstes Anliegen, in der Gemeinde treu zu dienen und zu arbeiten. Natürlich konnte er diesen Dienst auch nur auf dem Boden des Vorhofs, den Anfangsgründen der Evangeliumslehre von Jesu Christo, ausüben. Diese Anfangsgründe des Evangeliums dienten aber in dieser Zeit gerade der Ausbreitung des Evangeliums unter den Völkern in der wirkungsvollsten Weise. Gewiß haben die angewandten Mittel, den heidnischen Völkern das Evangelium aufzunötigen, in jener Zeit nicht immer ein großes Maß des Geistes und der Gesinnung Jesu Christi bewiesen, aber nichtsdestoweniger fand darin der Dienst dieses Engels mehr Ausdruck als seine Fähigkeit, in seinem fleischlichen Wirken in der Gemeinde geistiges Leben zu erzeugen und zu vertiefen.  

V. Der Glaube des Engels der Gemeinde zu Thyatira

In dem Bericht über das Gute in der Stellung des Engels der Gemeinde zu Thyatira läßt ihm der Sohn Gottes auch sagen:

„Ich weiß … deinen Glauben.“ (Offb.2,19)

Das beweist, daß dieser vierte Gemeindevorsteher auch den Glauben in seiner Gemeinde in vorbildlicher Weise dargestellt hat. Soweit wie er über die Anfangsgründe der Lehre des Evangeliums von Jesu Christo noch Licht und Erkenntnis hatte, hat er auch seinen Glauben daran treu geübt. Weil dieser Diener des Herrn aber nur noch auf dem Boden des Vorhofs stand, konnte er seinen Glauben auch nur für das Sichtbare, für die Natur- und Fleischesordnung üben, so wie es der vorderen Hütte des Fleisches entspricht. Aber den Glauben an die in Christo vollbrachte ganze Erlösung, um bei der Wiederkunft des Herrn bereit zu sein zur Leibesverwandlung, konnte er nicht haben, auch nicht den Glauben an die Ordnung der Auferstehung, wie er nötig ist, um als

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Märtyrer an der ersten Auferstehung Anteil zu haben. Es ist auch nicht mehr das Glaubensmaß, wie es von dem Engel der Gemeinde zu Pergamus berichtet ist. In dem Maße, wie die Gemeinde in ihrem Abfall von der Ordnung der Erlösung fortgeschritten ist, konnte auch nur noch der Glaube an das Evangelium vorhanden sein und geübt werden. Diese Glaubensunterschiede der Knechte des Herrn und Diener der Gemeinden müssen beachtet werden, wenn wir ein klares Bild über die Stellung der einzelnen Gemeindevorsteher der sieben Gemeinden bekommen wollen.  

VI. Die Geduld des Engels der Gemeinde zu Thyatira

Ein weiteres Zeugnis über das Gute in der Stellung des Engels der Gemeinde zu Thyatira gibt der Sohn Gottes diesem Gemeindevorsteher mit den Worten:

„Ich weiß … deine Geduld.“ (Offb.2,19)

Die Geduld dieses Engels kann sich wieder nur auf die Ausdauer und Beharrlichkeit in all dem Guten beziehen, das wir bis jetzt aus der Stellung dieses vierten Gemeindeengels kennengelernt haben. Daß er auch diese Geduldstellung noch aufzuweisen hat, zeichnet die Stellung dieses Engels noch besonders aus. Es zeigt, daß es möglich ist, auch auf dem Boden des Vorhofs noch eine treue Stellung einzunehmen. Der Sohn Gottes anerkennt auch diese noch vorhandene Treue.  

VII. Die letzten Werke des Engels der Gemeinde zu Thyatira

Über das Gute in der Stellung des Engels der Gemeinde zu Thyatira läßt der Sohn Gottes noch weiter mitteilen:

„Ich weiß, … daß deiner letzten Werke mehr sind als der ersten.“ (Offb.2,19)

Das ist der letzte Bericht über das Gute in der Stellung dieses vierten Gemeindevorstehers. Es ist nochmals ein Zeugnis über seine Werke. Der Hinweis des Sohnes Gottes, daß die letzten Werke dieses Engels zahlreicher sind als die ersten, beweist, daß dieser Knecht des Herrn sich durch seine Werktätigkeit an der Spitze seiner Gemeinde ganz besonders auszeichnete. Daraus kann der Fleiß dieses Gemeindedieners erkannt werden. Er sah seinen hauptsächlichsten und wichtigsten Gottesdienst in seiner Werktätigkeit in der Ausbreitung des Glaubens an Jesum Christum, wodurch sein Einfluß in der Gemeinde dementsprechend größer wurde. In diesen Werken sah er seine Treue zu Gott

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und Jesu Christo. Dieser Engel konnte seinen Fleiß und seine Treue zu Christus nur auf diese Weise recht tatkräftig nach außen zur Darstellung bringen. In dieser Übung und Betätigung muß er kein Opfer gescheut haben und wurde dadurch gewiß als Knecht des Herrn zu seiner Zeit eine große und bekannte Persönlichkeit in der Gemeinde, deren Tun und Name noch lange im Sinne eines großen Vorbildes weitergelebt hat.  

b) Der Sohn Gottes bezeugt dem Engel der Gemeinde zu Thyatira das Mangelnde in seiner Stellung

Was wir in den bisherigen Betrachtungen nach dem Zeugnis des Sohnes Gottes über die Stellung des Engels der Gemeinde zu Thyatira kennengelernt haben, war die dem Herrn wohlgefällige Stellung seines Dieners. Es ist die Stellung, die ein Vorsteher der Gemeinde haben muß, wenn in der Gemeinde das wenige, das ihr von der Wahrheit des Evangeliums durch die Zeiten des Abfalls hindurch verblieben ist, noch erhalten werden soll. Wir haben deshalb diese gute Stellung des vierten Gemeindevorstehers, die er auf dem Boden des Vorhofs in seinem Dienst für den Herrn und die Gemeinde bewiesen hat, als das Silber bezeichnet, das außer dem Erz sich im Vorhof findet. Diese treue Stellung im Gottesdienst auf dem Boden des Vorhofs ist bei den Vorstehern der Gemeinde Voraussetzung, wenn durch ihren Dienst und nach ihrem Vorbild wenigstens die Anfangsgründe der Worte Gottes und des Evangeliums bekannt und erhalten werden sollen. Dessen mußte sich der Diener des Herrn als Vorsteher der vierten Gemeinde bewußt gewesen sein; denn was sollte ihn sonst veranlaßt haben, eine solch treue Stellung in seinen Werken, seiner Liebe, seinem Dienst, seinem Glauben und in seiner Geduld einzunehmen? Dabei muß noch angenommen werden, daß dieser Gemeindevorsteher der Ansicht war, daß er auf dem Boden des ganzen Evangeliums stand. Es ist wenigstens aus dem Zeugnis des Sohnes Gottes über seine Stellung nicht zu ersehen, daß es diesem Engel bewußt war, wie weit die ersten drei Gemeinden in den vorausgegangenen Jahrhunderten der Gemeindezeit schon von der Grundlage Jesu und der Apostel abgewichen waren.

Doch im Anschluß an das gute Zeugnis, das der Sohn Gottes dem Engel der Gemeinde zu Thyatira über seine gute Stellung ausstellt, läßt er ihm auch mitteilen:

„Aber ich habe wider dich, daß du das Weib Jesabel gewähren lässest, die sagt, sie sei eine Prophetin, und die meine Knechte lehrt und verführt, Hurerei zu treiben und Götzenopfer zu essen.“ (Offb.2,20)

Das ist nun der Bericht über die dem Herrn mißfällige Stellung dieses Engels. Es ist das einzige Zeugnis über das Mangelnde in seiner Stellung. Aber das, was der Sohn Gottes in der Stellung dieses Dieners nicht gutheißen kann, ist doch

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von großer Tragweite für den Zustand der vierten Gemeinde und für die Ausgestaltung des Geheimnisses vom Kommen des Herrn in der Stellung dieses Engels und seiner ihm anvertrauten Gemeinde. Der Engel war in seinem Vorsteherdienst doch nicht ganz treu; denn der Sohn Gottes hat wider ihn, daß er das Weib Isebel gewähren läßt, die sagt, sie sei eine Prophetin, aber doch die Knechte des Herrn zur Untreue gegen ihn verführt. Von welch großer Bedeutung diese Rückständigkeit in der Dienststellung dieses Gemeindevorstehers ist, wird uns erst später ganz verständlich werden, wenn wir in dem Abschnitt über die Stellung der vierten Gemeinde das Weib Isebel als das kennengelernt haben, was sie nach dem Zeugnis der Heiligen Schrift ist. An diesem Platz soll nur kurz darauf hingewiesen werden, daß dieses Weib eine widergöttliche Erscheinung in dieser Gemeinde war, die der Gemeindevorsteher geduldet hat, d.h. die er gewähren ließ. Von seiner Stellung aus, die er als Leiter der Gemeinde innehatte, und auch auf Grund seiner persönlichen guten Stellung, die wir von ihm kennengelernt haben, macht ihn der Sohn Gottes für die Gemeinde verantwortlich. Er hätte sich in ein anderes Verhältnis zu dem Weib Isebel stellen müssen, als er es getan hat. Aus der Darstellung des Sohnes Gottes zu schließen, mußte dem Engel das böse, widergöttliche Tun und Treiben dieses Weibes Isebel in seiner Gemeinde gut bekannt gewesen sein. Die Darstellung läßt aber auch erkennen, daß er gegen diesen die Gemeinde zerstörenden Satanseinfluß gar nichts unternommen hat, um ihn von seiner Gemeinde fernzuhalten. Es wäre zwar gewiß nicht in seiner Macht gewesen, diesen Einfluß des Weibes Isebel völlig von der Gemeinde fernzuhalten; aber er hätte doch Schritte tun und entschieden beweisen müssen, daß er damit auf keinen Fall einverstanden war und es darum unmöglich gutheißen konnte. Doch er hat gar nichts dagegen getan, sondern dieses Weib Isebel einfach gewähren lassen. Das ist seine Untreue und sein Ungehorsam als dem Herrn verantwortlicher Gemeindevorsteher. Was er auf der einen Seite Gutes getan hat, hat er nach der andern Seite hin veruntreut und unterlassen, so daß Böses daraus entstanden ist. Wollten wir diese beiden Seiten einander gegenüberstellen und gegenseitig erwägen, was für den Willen und Ratschluß Gottes förderlicher oder nachteiliger war, so kommen wir zu dem Urteil, daß das Versäumnis und die Unterlassungssünde dieses vierten Gemeindeengels das Gute, das er aufzuweisen hatte, aufgewogen haben. Das heißt, um es mit dem Wort Gottes ganz klar zu erklären:

„Ein wenig Sauerteig durchsäuert den ganzen Teig.“ (Gal.5,9)

Auf die Stellung und das Verhalten des Lehrers der vierten Gemeinde angewandt, haben diese Worte den Sinn, daß seine einzige Unterlassungssünde die Ursache davon war, daß trotz des verschiedenen Guten, das er in seiner Stellung aufzuweisen hatte, die Finsternisgewalten sich widerstandslos noch weiter als bisher in seiner Gemeinde ausbreiten und die Tiefe des Satans darin offenbar werden konnten.

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Zum besseren Verständnis der Stellung des vierten Gemeindeengels wollen wir in diesem Zusammenhang eine Erfahrung aus der Stellung des Königs Saul beachten.

Der König Saul sollte in einem göttlichen Strafgericht gegen Amalek u.a. auch alle Ochsen, Schafe, Kamele und Esel töten (1.Sam.15,3). Doch, während Saul alles Volk mit der Schärfe des Schwertes bannte, verschonte er und das Volk

„die besten Schafe und Rinder und das Vieh von zweiter Güte und die Lämmer und alles das, was gut war, und wollten es nicht bannen; was aber verächtlich und untüchtig war, das bannten sie.“ (1.Sam.15,9)

Als der Prophet Samuel nach diesem Vorgang zu Saul kam, sprach Saul zum Propheten:

„Ich habe Jehovas Wort erfüllt!“ (1.Sam.15,13)

Doch weil Samuel das Blöken der nichtgebannten Schafe und das Brüllen der Rinder hörte und der Herr in der Nacht mit ihm geredet hatte, machte er Saul darauf aufmerksam (1.Sam.15,14). Daraufhin gab Saul dem Propheten die Erklärung:

„Sie haben dieselben von den Amalekitern gebracht. Denn das Volk verschonte die besten Schafe und Rinder, daß man sie dem Herrn, deinem Gott, opfere; das übrige haben wir gebannt!“ (1.Sam.15,15)

Nun antwortete Samuel dem König:

„Laß dir sagen, was der Herr diese Nacht mit mir geredet hat!“ (1.Sam.15,16)

„Warum hast du denn der Stimme des Herrn nicht gehorcht, sondern hast dich vergriffen an der Beute und übel gehandelt vor den Augen des Herrn?“ (1.Sam.15,19)

Trotz dieser klaren Worte des Propheten Gottes rechtfertigte sich der König nochmals, indem er zu dem Diener Gottes sprach:

„Habe ich doch der Stimme des Herrn gehorcht und bin hingezogen den Weg, den mich der Herr sandte, und habe Agag, den König der Amalekiter, gebracht und die Amalekiter gebannt! Aber das Volk hat von der Beute genommen, Schafe und Rinder, das Beste unter dem Gebannten, dem Herrn, deinem Gott, zu opfern in Gilgal!“ (1.Sam.15,20-21)

Nun verkündigte Samuel dem König Saul über sein und seines Volkes Verhalten das ernste und darum so beachtenswerte göttliche Urteil:

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„Hat der Herr Lust an Opfern und Brandopfern, wie am Gehorsam gegen die Stimme des Herrn? Siehe, Gehorsam ist besser denn Opfer, und Aufmerken besser als das Fett von Widdern! Denn Ungehorsam ist Zaubereisünde, und Widerspenstigkeit ist Frevel und Abgötterei.“ (1.Sam.15,22-23)

Dieser Bericht aus der Erfahrung des Königs Saul beleuchtet die Stellung des Engels der Gemeinde zu Thyatira im rechten Licht. Auf der einen Seite war Saul dem Willen Gottes gehorsam und auf der andern Seite wieder nicht. Weil er zum Teil gehorsam war, war er der Ansicht, er habe Gott in allem gehorcht. Seiner Meinung nach konnte es doch nicht gegen den Willen Gottes sein, wenn er ihm die Tiere, die er nicht gebannt hatte, zum Brandopfer darbrachte.

Das mußte auch die Ansicht des Lehrers der vierten Gemeinde gewesen sein. In dem Guten, das er in seiner Stellung teilweise darstellte, glaubte er, den ganzen Gehorsam zu beweisen. Doch neben seinem Gottesdienst anerkannte er auch den sogenannten Gottesdienst des Weibes Isebel. Indem sie sich als eine Prophetin ausgab, wollte sie doch auch das Gute. Dagegen konnte er doch nichts sagen und auch nichts unternehmen. Warum sollte er auch gegen diese Erscheinung in seiner Gemeinde ankämpfen? Das alles liegt nach dem Urteil des Sohnes Gottes in seiner Stellung, wenn dieser ihm sagen läßt, daß er gegen ihn hat, daß er das Weib Isebel gewähren läßt, die sagt, sie sei eine Prophetin. Das ist eine falsche Einstellung und Ansicht dieses Gemeindevorstehers; denn es ist eben, um sprichwörtlich zu reden, nicht alles Gold, was glänzt. Das heißt mit anderen Worten: Es ist nicht alles Gott wohlgefälliger Gottesdienst, was den christlichen Namen trägt und in der Gemeinde zur Auswirkung und Darstellung kommt. Soviel Unterscheidungsvermögen muß ein Lehrer der Gemeinde haben und sich demgegenüber, was er als nicht echt erkennt, auch seiner Verantwortung bewußt sein. Das ist dann die rechte Gehorsamsstellung zu Gott. Doch das hat der Vorsteher dieser vierten Gemeinde versäumt. Darum konnte er zur Verwirklichung des Geheimnisses vom Kommen des Herrn nichts beitragen. Es muß in der Stellung eines der noch folgenden drei Gemeindevorsteher zur vollen Ausgestaltung kommen.  

c) Der Sohn Gottes fordert den Engel der Gemeinde zu Thyatira nicht zur Buße auf

In welchem Lichte das Mangelnde in der Stellung des vierten Engels gesehen und beurteilt werden muß, ist auch daraus ersichtlich, daß er vom Sohn Gottes nicht zur Buße über seine falsche Stellung aufgefordert wird. Das ist darum so beachtenswert, weil der erste und dritte Engel, die in ihrer Stellung auch Mangelndes aufzuweisen hatten, vom Menschensohn zur Buße aufgefordert wurden. Wenn diese Aufforderung

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zur Buße bei diesem vierten Gemeindevorsteher unterblieben ist, so geschah das gewiß nicht ohne besonderen Grund. Er kann nur darin bestehen, daß der Engel selbst schon so von dem Einfluß der Prophetin Isebel beherrscht wurde, daß er nach dem Urteil des Sohnes Gottes bereits eine Einheit mit der Isebellehre darstellte. Denn diese Prophetin Isebel wird auch nicht zur Buße aufgefordert, sondern der Sohn Gottes gab ihr nur Zeit zur Buße. Es ist aber bezeugt, daß sie keine Buße tut (Offb.2,21).  

d) Der Sohne Gottes kündigt dem Engel der Gemeinde zu Thyatira kein Gericht an

Beachtenswert ist es auch, daß der Sohn Gottes, trotz des Mangelnden in der Stellung des Engels der Gemeinde zu Thyatira, ihm kein Gericht ankündigt. Daß der Sohn Gottes das unterlassen hat, muß dieselbe Ursache haben wie der Umstand, daß er ihn nicht zur Buße aufgefordert hat. Der Engel der vierten Gemeinde erfährt sein Gericht zusammen mit dem Weib Isebel und denen, die mit ihr ehebrechen. Das geht aus der Redewendung des Sohnes Gottes hervor:

„Ich will euch geben einem jeden nach euern Werken.“ (Offb.2,23)

Darin ist auch der Vorsteher dieser Gemeinde mit eingeschlossen.  

3. Die Stellung der Gemeinde zu Thyatira zu Jesu und zu ihrem Vorsteher. 

a) Das Weib Isebel als Prophetin in der Gemeinde zu Thyatira 

1. Das Weib Isebel ist eine widergöttliche Erscheinung in der Gemeinde zu Thyatira

In der Weiterbetrachtung des vierten Sendschreibens kommen wir nun zu der Stellung, die die Gemeinde zu Thyatira nach dem Zeugnis des Sohnes Gottes zu ihm und ihrem Vorsteher eingenommen hat. Der ausführliche Bericht des Sohnes Gottes über diese Stellung lautet:

„Aber ich habe wider dich, daß du das Weib Jesabel gewähren lässest, die sagt, sie sei eine Prophetin, und die meine Knechte lehrt und verführt, Hurerei zu treiben und Götzenopfer zu essen. Und ich gab ihr Zeit, daß sie Buße tue von ihrer Unzucht, und sie hat nicht Buße getan. Siehe, ich werfe sie auf ein Bett, und die mit ihr ehebrechen in große Trübsal, wenn sie nicht Buße tun von

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ihren Werken. Und ihre Kinder will ich töten, und alle Gemeinden werden erkennen, daß ich es bin, der Nieren und Herzen erforscht. Und ich will euch geben einem jeden nach euern Werken. Euch aber sage ich, den übrigen zu Thyatira, so viele diese Lehre nicht haben, und welche die Tiefe des Satans, wie sie sagen, nicht erkannt haben: Ich will keine andere Last auf euch legen; nur haltet fest, was ihr habt, bis daß ich komme.“ (Offb.2,20-25)

Aus diesem Bericht ist als erstes wieder ersichtlich, daß der Sohn Gottes
die Stellung dieser Gemeinde in Verbindung mit der Stellung ihres Vorstehers erklärt. Zweitens ist gezeigt, daß der Sohn Gottes fast alles, was er über die Stellung der Gemeinde zu berichten hat, dem Lehrer dieser Gemeinde mitteilt. Daraus müssen wir schließen, daß es dem Sohn Gottes ein Anliegen war, dem Engel den ganzen Zustand seiner Gemeinde zu offenbaren. Die wichtigste Offenbarung gab er ihm über das Weib Isebel, die in seiner Gemeinde auftrat und sich eine Prophetin nannte. Gemeint ist damit, daß sie sich als eine Prophetin Gottes, d.h. als eine Lehrerin der Gemeinde, ausgab. Das war dieses Weib aber nicht; denn es ist von ihr gesagt, daß sie keinen göttlichen, sondern einen widergöttlichen Einfluß in der vierten Gemeinde ausübte. Sie übte einen sehr verderblichen Einfluß aus, und zwar dadurch, daß sie die Knechte des Sohnes Gottes lehrte und verführte, Hurerei zu treiben und Götzenopfer zu essen. Dieses Verhalten nennt der Sohn Gottes ihre Unzucht und Ehebruch. Durch diesen Lehreinfluß wird in dieser Gemeinde die Tiefe des Satans offenbar.

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